Wir haben die Abstimmung zur Komplementärmedizin mit überwältigendem Mehr gutgeheissen. Ich vermute, dass viele Befürworter den Entscheid in ein paar Jahren bereuen werden.
Die grosse Akzeptanz der Alternativmedizin in der Bevölkerung ist erstaunlich. Vor wenigen Jahrzehnten kannten höchstens Insider den Begriff. Kräuterhexen gehörten früher zu den Alternativmedizinern, ihr Ruf war aber oft zweifelhaft.
Mit der Esoterikwelle und dem Interesse an fernöstlichen Heilslehren wurden die „sanften Heilmethoden“ auch bei uns einem breiten Publikum bekannt.
Erstaunlicherweise sind diese Methoden fast durchwegs mit positiven Attributen besetzt. Während die Schulmedizin zunehmend als seelenlose Therapie in Verruf geraten ist, verklären viele die Alternativmedizin kritiklos. Das Abstimmungsresultat bestätigt es.
Ich habe schon oft dargelegt, dass die wichtigsten Disziplinen der Alternativmedizin wissenschaftlichen Kriterien nicht standhalten. Die Homöopathie verletzt beispielsweise gleich drei grundlegende Gesetze: Durch Verdünnung potenziert sich das Medikament, eine Krankheit wird durch die gleiche Krankheit bekämpft, Informationen können in Flüssigkeiten übertragen werden. Die vom Gesetz zwingend verlangte Wirksamkeit ist somit nicht nachgewiesen. (Es ist aber unbestritten, dass der Placeboeffekt bei der Homöopathie recht hoch ist.)
Ich wage die Behauptung, Homöopathie beruhe auf Aberglauben. Zumindest haben wir soeben etwas in der Verfassung verankert, das sich einer wissenschaftlichen Überprüfung entzieht. Das ist auch politisch widersinnig. Was hat die Alternativmedizin in der Verfassung zu suchen? Für die Schulmedizin gibt es auch keinen vergleichbaren Passus.
Auch bei der Akupunktur müssen grundsätzliche Zweifel angebracht werden. Diese beruht auf zwei Grundannahmen, die sich wissenschaftlich nicht prüfen lassen. 1. Durch den Körper verlaufen Energiemeridiane, die exakt lokalisiert werden können. 2. Indem man Nadeln an bestimmten Stellen der Meridiane setzt, werden Heilungsprozesse ausgelöst.
Auch empirische Untersuchungen haben gezeigt, dass die Theorie fragwürdig ist und die Wirksamkeit nicht nachgewiesen werden kann. Bei einer Untersuchung wurden Patienten mit gleichen Symptomen in zwei Gruppen eingeteilt. Bei der einen Gruppe wurden die Nadeln nach der Akupunkturmethode korrekt gesetzt. Bei einer Vergleichsgruppe wurden die Nadeln den Patienten absichtlich an falschen Punkten gesteckt. Resultat: Der Effekt war bei beiden Gruppen ähnlich. Es drängt sich also die Vermutung auf, dass auch Akupunktur lediglich einen Placeboeffekt bewirkt.
Mir geht es aber im Zusammenhang mit der Abstimmung um ein anderes Problem. Ich behaupte, dass die Alternativmedizin in erster Linie eine Luxusmedizin ist, die nicht in die Grundversicherung gehört.
Konkret: Alternativmedizin wird vor allem bei harmloseren Symptomen eingesetzt. Bei Erkältung, Schnupfen, Allergien, die die Gesundheit nicht gefährden, bei leichten Kopfschmerzen, Entzündungen und Verletzungen usw. Das sind mehrheitlich Krankheiten, mit denen unser Körper selbst problemlos fertig wird.
Die Alternativmedizin fördert ausserdem die Verweichlichung der Gesellschaft. Wir sind nicht mehr bereit, Krankheitssymptome auszuhalten. Viele rennen wegen jedem Wehwehchen zum Handaufleger, Heiler oder Naturheilarzt. Exakt jene Leute, die die Naturverbundenheit als wichtiges Lebensziel propagieren, vertrauen ihrem Körper, der immer noch der beste Arzt ist, nicht. Es sei daran erinnert, dass die überwiegende Zahl der Krankheiten auch ohne Intervention ausheilt. Es dauert nun mal sieben Tage, bis eine Erkältung auskuriert ist. Der Prozess kann weder durch Tabletten noch durch Globuli beschleunigt werden. Damit lassen sich bestenfalls die Symptome unterdrücken.
Ärgerlich ist auch, dass viele Konsumenten, die in der Alternativmedizin ein Wundermittel sehen, die Schulmedizin verteufeln. Doch sobald sie selbst eine schwerwiegende Krankheit erleiden, zögern sie – zum Glück – nicht, zum Arzt zu gehen. Bei einem Blinddarm, bei Nierensteinen, einer Hirnhautentzündung, einer Lungenentzündung, bei einem schweren Unfall und vielem mehr können ihnen Globuli nicht helfen, sondern nur die verhassten Ärzte mit ihrer Spitzenmedizin. Auch bei Krebs verzichten nur wenige Anhänger der Komplementärmedizin auf Bestrahlung und Chemotherapie.
Alternativmedizin ist also eine Luxusmedizin, weil sie es bei den meisten Krankheiten nicht braucht und weil sie bei schweren Krankheiten nichts taugt. Wenn der Trend weiter geht, werden immer mehr Leute die Alternativmedizin in Anspruch nehmen, was die Kosten in die Höhe treiben wird. Luxus sollte die Allgemeinheit nicht zahlen. Deshalb gehört die Alternativmedizin nicht in die Grundversicherung. Wer sich den Luxus leisten will, soll auch in Zukunft eine Kosten deckende Zusatzversicherung abschliessen.
(Da ich im Ausland bin, kann ich mich nicht an der Diskussion beteiligen.)





















