Schweiz


Archiv für Mai 2009

Alternativmedizin ist Luxus

hugostamm am Dienstag den 26. Mai 2009

Wir haben die Abstimmung zur Komplementärmedizin mit überwältigendem Mehr gutgeheissen. Ich vermute, dass viele Befürworter den Entscheid in ein paar Jahren bereuen werden.

Die grosse Akzeptanz der Alternativmedizin in der Bevölkerung ist erstaunlich. Vor wenigen Jahrzehnten kannten höchstens Insider den Begriff. Kräuterhexen gehörten früher zu den Alternativmedizinern, ihr Ruf war aber oft zweifelhaft.

Mit der Esoterikwelle und dem Interesse an fernöstlichen Heilslehren wurden die „sanften Heilmethoden“ auch bei uns einem breiten Publikum bekannt.
Erstaunlicherweise sind diese Methoden fast durchwegs mit positiven Attributen besetzt. Während die Schulmedizin zunehmend als seelenlose Therapie in Verruf geraten ist, verklären viele die Alternativmedizin kritiklos. Das Abstimmungsresultat bestätigt es.

Ich habe schon oft dargelegt, dass die wichtigsten Disziplinen der Alternativmedizin wissenschaftlichen Kriterien nicht standhalten. Die Homöopathie verletzt beispielsweise gleich drei grundlegende Gesetze: Durch Verdünnung potenziert sich das Medikament, eine Krankheit wird durch die gleiche Krankheit bekämpft, Informationen können in Flüssigkeiten übertragen werden. Die vom Gesetz zwingend verlangte Wirksamkeit ist somit nicht nachgewiesen. (Es ist aber unbestritten, dass der Placeboeffekt bei der Homöopathie recht hoch ist.)

Ich wage die Behauptung, Homöopathie beruhe auf Aberglauben. Zumindest haben wir soeben etwas in der Verfassung verankert, das sich einer wissenschaftlichen Überprüfung entzieht. Das ist auch politisch widersinnig. Was hat die Alternativmedizin in der Verfassung zu suchen? Für die Schulmedizin gibt es auch keinen vergleichbaren Passus.

Auch bei der Akupunktur müssen grundsätzliche Zweifel angebracht werden. Diese beruht auf zwei Grundannahmen, die sich wissenschaftlich nicht prüfen lassen. 1. Durch den Körper verlaufen Energiemeridiane, die exakt lokalisiert werden können. 2. Indem man Nadeln an bestimmten Stellen der Meridiane setzt, werden Heilungsprozesse ausgelöst.

Auch empirische Untersuchungen haben gezeigt, dass die Theorie fragwürdig ist und die Wirksamkeit nicht nachgewiesen werden kann. Bei einer Untersuchung wurden Patienten mit gleichen Symptomen in zwei Gruppen eingeteilt. Bei der einen Gruppe wurden die Nadeln nach der Akupunkturmethode korrekt gesetzt. Bei einer Vergleichsgruppe wurden die Nadeln den Patienten absichtlich an falschen Punkten gesteckt. Resultat: Der Effekt war bei beiden Gruppen ähnlich. Es drängt sich also die Vermutung auf, dass auch Akupunktur lediglich einen Placeboeffekt bewirkt.

Mir geht es aber im Zusammenhang mit der Abstimmung um ein anderes Problem. Ich behaupte, dass die Alternativmedizin in erster Linie eine Luxusmedizin ist, die nicht in die Grundversicherung gehört.

Konkret: Alternativmedizin wird vor allem bei harmloseren Symptomen eingesetzt. Bei Erkältung, Schnupfen, Allergien, die die Gesundheit nicht gefährden, bei leichten Kopfschmerzen, Entzündungen und Verletzungen usw. Das sind mehrheitlich Krankheiten, mit denen unser Körper selbst problemlos fertig wird.

Die Alternativmedizin fördert ausserdem die Verweichlichung der Gesellschaft. Wir sind nicht mehr bereit, Krankheitssymptome auszuhalten. Viele rennen wegen jedem Wehwehchen zum Handaufleger, Heiler oder Naturheilarzt. Exakt jene Leute, die die Naturverbundenheit als wichtiges Lebensziel propagieren, vertrauen ihrem Körper, der immer noch der beste Arzt ist, nicht. Es sei daran erinnert, dass die überwiegende Zahl der Krankheiten auch ohne Intervention ausheilt. Es dauert nun mal sieben Tage, bis eine Erkältung auskuriert ist. Der Prozess kann weder durch Tabletten noch durch Globuli beschleunigt werden. Damit lassen sich bestenfalls die Symptome unterdrücken.

Ärgerlich ist auch, dass viele Konsumenten, die in der Alternativmedizin ein Wundermittel sehen, die Schulmedizin verteufeln. Doch sobald sie selbst eine schwerwiegende Krankheit erleiden, zögern sie – zum Glück – nicht, zum Arzt zu gehen. Bei einem Blinddarm, bei Nierensteinen, einer Hirnhautentzündung, einer Lungenentzündung, bei einem schweren Unfall und vielem mehr können ihnen Globuli nicht helfen, sondern nur die verhassten Ärzte mit ihrer Spitzenmedizin. Auch bei Krebs verzichten nur wenige Anhänger der Komplementärmedizin auf Bestrahlung und Chemotherapie.

Alternativmedizin ist also eine Luxusmedizin, weil sie es bei den meisten Krankheiten nicht braucht und weil sie bei schweren Krankheiten nichts taugt. Wenn der Trend weiter geht, werden immer mehr Leute die Alternativmedizin in Anspruch nehmen, was die Kosten in die Höhe treiben wird. Luxus sollte die Allgemeinheit nicht zahlen. Deshalb gehört die Alternativmedizin nicht in die Grundversicherung. Wer sich den Luxus leisten will, soll auch in Zukunft eine Kosten deckende Zusatzversicherung abschliessen.

(Da ich im Ausland bin, kann ich mich nicht an der Diskussion beteiligen.)

Kirchen am Ende?

hugostamm am Sonntag den 17. Mai 2009

Die religiöse Landschaft der Schweiz hat sich in den letzten 50 Jahren radikal verändert. Mitte des vergangenen Jahrhunderts waren die meisten Menschen überzeugte Christen – katholische oder reformierte. Die Zahl der Konfessionslosen war gering, Atheisten betrachtete die Öffentlichkeit beinahe als Geistesgestörte. In katholischen Stammlanden hatten es die Reformierten schwer und wurden als zweitklassig betrachtet. Ähnlich funktionierte es bei umgekehrten Vorzeichen. Jedenfalls war man stolz, reformiert oder katholisch zu sein.

Heute interessiert es kaum mehr jemanden, welcher Glaubensgemeinschaft man angehört oder ob man konfessionslos ist. (Abgesehen von den Moslems, bei denen noch erhebliche Ressentiments bestehen.)

Vor 50 Jahren herrschte ein gesellschaftlicher Zwang, die Kinder religiös zu erziehen und konfirmieren zu lassen oder zur Erstkommunion zu schicken. Mitglieder von Freikirchen wurden als Stündeler belächelt. Der Glaube wurde über die gesellschaftlichen Normen und die Erziehung weitergepflanzt, die religiöse Landschaft bliebt stabil.

Inzwischen haben religiöse Zugehörigkeit und Glaube stark an Bedeutung verloren. Im Zug der Individualisierung und Emanzipation kam es zu einer radikalen Werteverschiebung. Der religiöse Flickenteppich ist in letzter Zeit so bunt geworden, dass die Religionszugehörigkeit höchstens noch die Geistlichen kümmert.

Deshalb gehen die meisten jungen Leute locker mit dem Thema Religion und Glauben um. Viele Eltern lassen ihren Kindern die Wahl, ob sie sich konfirmieren lassen wollen. Die wenigsten glauben, dass das Seelenheil von der Religionszugehörigkeit abhängt. Viele junge Leute nehmen für sich das Recht heraus, selbst zu entscheiden, an welchen Gott sie glauben wollen – wenn überhaupt. Sie betrachten den Glauben als individuelle Frage und beanspruchen das Selbstbestimmungsrecht.

Somit verlieren die Glaubensgemeinschaften einen entscheidenden Trumpf: Konnten sie früher mit der Angst vor der Verdammnis drohen, müssen die Geistlichen heute auf der menschlichen Ebene überzeugen, wenn sie die Jungen bei der Stange halten wollen. Auf Repression reagieren heute viele allergisch. Sie wollen angstfrei leben und sich nicht die Hölle heiss machen lassen. Pfarrer, die zu oft das Wort Sünde im Mund führen, sind auf verlorenem Posten.

Untersuchungen zeigen, dass Jugendliche, die ins ICF pilgern oder in grossen Scharen dem Papst zujubeln, zu einer kleinen Minderheit gehören. Die Mehrheit kann sehr wohl etwas mit Fragen nach Glauben und Religion anfangen, sie besetzen die Begriffe hingegen durchwegs mit positiven Werten.

Der Salzburger Religionspädagoge Anton A. Bucher formuliert es so: „Gespart geblieben sind den Jugendlichen dämonische Gottesbilder, beispielsweise ein Buchhaltergott, der genau registriert, was auch unter der Bettdecke geschieht. Darin spiegelt sich eine tief greifende Liberalisierung der religiösen Erziehung wider.“ Für Bucher sind dies positive Entwicklungen. Er spricht von einem undogmatischen Geist und betont, dass religiöse Absolutheitsansprüche der Vergangenheit angehören.

Bricht sich diese liberale Haltung weiter Bahn – Zweifel darüber bestehen kaum -, haben die traditionellen Glaubensgemeinschaft in Zukunft einen schweren Stand. Es sei denn, sie definierten Religion und Glauben neu. Die Bibel jedenfalls toleriert diese offene Haltung nicht.

Extrapoliert man die Entwicklung der religiösen Landschaft in den vergangenen 50 Jahren in die Zukunft, ist mit weiteren massiven Umwälzungen zu rechnen. Eine Überlebenschance haben die Landeskirchen vermutlich nur, wenn sie die Drohbotschaften über Bord werfen und Frohbotschaften verbreiten. Und wenn sie den Gläubigen helfen, den Alltag im Diesseits zu bewältigen. Das Leben im Jenseits kommt schliesslich noch früh genug.

Trotzdem werden fundamentalistische Glaubensgesellschaften und Sekten weiterhin gut gedeihen. Es wird immer eine Minderheit von Menschen geben, die die letzten Fragen beantwortet haben müssen, um nicht zu verzweifeln. Oder die Halt in einer radikalen Gruppe brauchen, weil sie die Freiheit nicht aushalten.

Die Gefahr eines radikalen Glaubens

hugostamm am Freitag den 8. Mai 2009

Es ist eine Binsenwahrheit und gehört zu den menschlichen Grunderfahrungen, die schon kleine Kinder machen: Extreme sind gefährlich. Und zwar in allen Lebensbereichen.

Wenn ich zu viel Schokolade esse, wird mir übel. Wenn ich mit dem Fahrrad zu schnell den Berg hinunter fahre, verliere ich die Kontrolle und stürze. Wenn ich mich egozentrisch verhalte, finde ich keine Freude. Wenn ich zu viel Alkohol trinke, verliere ich die Kontrolle und werde abhängig. Wenn ich zu viel arbeite, erleide ich ein Burnout-Syndrom. Selbst sinnvolle Betätigungen können im Extremfall schädlich sein.

Bewusste und unbewusste psychische Prozesse und Abläufe funktionieren am besten, wenn das Prinzip des Ausgleichs eingehalten wird. Psychische Stabilität und innere Ruhe finden wir, wenn wir ein Gleichgewicht der vielseitigen Interessen und Bedürfnisse erreichen. Es ist zwar sinnvoll und gehört zu den wichtigen Lebenserfahrungen, zwischendurch über die „Stränge“ zu hauen und radikale Erfahrungen zu machen. Wer aber nicht rechtzeitig wieder den Ausgleich schafft, droht abzustürzen.

Kurz: Jede Form der Überdosis ist langfristig schädlich.

Diese Grundregel lässt sich auch auf den Glauben übertragen. Überbetonung und einseitige Konzentration religiöser Rituale, Dogmen und Lebensregeln führen zu ungesunden Prägungen, Entfremdung von der Alltagsrealität oder gar zum Fanatismus. Die Geschichte der Religionsgemeinschaften zeigt es deutlich auf.

Auch die christlichen Grosskirchen mussten dies lernen. Kreuzzüge und Inquisition waren Auswüchse eines solchen Fanatismus. Die Absolution hat schliesslich den Tropfen geliefert, der das Fass zum Überlaufen brachte und zur Reformation führte. Luther hat quasi den Ausgleich geschaffen und die katholische Kirche langfristig gezwungen, sich zu mässigen. Der Prozess des Ausgleichs hat zu einer Versachlichung und Mässigung geführt. Ähnliche Entwicklungen können selbst bei älteren Sekten beobachtet werden.

Diese Mässigung und neue Erkenntnisse führten letztlich dazu, dass die Kirchen ihr Verhältnis zur Bibel überdenken und revidieren mussten. In einem langen Prozess rangen sich die Theologen und Geistlichen dazu durch, das „Wort Gottes“ in der Bibel neu zu interpretieren: Erachteten sie die biblischen Aussagen früher als authentische oder von Gott inspirierte Aussagen und Dogmen, betrachten sie diese heute als Gleichnisse, Metaphern und Bilder, welche in die heutige Zeit übertragen werden müssen.

Viele christliche Sondergemeinschaften und Freikirchen haben diese innere Balance noch nicht gefunden. Abstriche an der Bibel gibt es nicht, wissenschaftliche Erkenntnisse werden ausgeblendet. Sie sind immer noch radikal in ihrem religiösen Fühlen, Denken und Handeln verwurzelt. Sie haben noch nicht erkannt, dass extreme Positionen zu einer psychischen Verkrampfung und einseitigen Weltsicht führen. Deshalb können sie Menschen und Glaubensgemeinschaften nicht akzeptieren, die andere religiöse Prämissen setzen. Aus ihrer Einseitigkeit und Intoleranz holen sie die fragwürdige Legitimation, mit allen Mitteln zu missionieren.