Schweiz


Archiv für April 2009

Wo bleibt die Hilfe Gottes?

hugostamm am Mittwoch den 29. April 2009

Gott ist die Liebe. Gott ist gerecht. Auf Gott ist Verlass. Gott hat den Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen. Gott ist die Wahrheit. Gott hat seinen Sohn geopfert, um uns Menschen zu retten.

Alle Buchreligionen preisen Gott mit solchen und ähnlichen Attributen. Ausserdem missionieren sie mit diesem Gottesbild. Wer sich in den Schutz Gottes begibt, Busse tut, seine Sünden bereut und ein gottesfürchtiges Leben führt, steht in seiner Gnade. Er wird geschützt und am jüngsten Tag auferstehen.

Wir beten es auch im Vaterunser, dem bekanntesten christlichen Gebet. Ein Gebet, das Jesus laut Neuem Testament seine Jünger zu beten gelehrt hat: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.“

Szenenwechsel. Auf Korsika liegt eine 20-jährige Frau unerwartet früh in den Wehen. Es regnet und ist neblig. Ein starker Wind peitscht die Regenwände gegen die Berge. Die junge Frau muss dringend ins Spital. Die Fahrt mit dem Auto würde zu lang dauern. Die Rettungsmannschaft zögert nicht lang. Trotz der schlechten Wetterbedingungen entscheidet sich der Pilot, den Rettungseinsatz zu wagen. Zusammen mit dem Kopiloten und einem Sanitäter wollen sie nach Bastia fliegen.

Kaum in der Luft, spitzt sich die Lage zu. Der Sanitäter hilft der Mutter erfolgreich bei der Geburt. Viel Zeit, sich über das ungewöhnliche Ereignis zu freuen, bleibt nicht. Der Helikopter zerschellt im unwegsamen Gelände an einem Felsen. Alle Passagiere sind auf der Stelle tot, auch des frisch geborene Baby.

„Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.“

Welche Rolle hat Gott bei diesem Drama gespielt? War das sein Wille?
Da nehmen drei Menschen viel Risiko auf sich, um eine Mutter und ihr Ungeborenes zu retten. Ein Pilot, ein Kopilot und ein Sanitäter. Sie sterben bei der Aktion. Ein Kleinkind verliert nach wenigen Minuten das frisch gewonnene Leben.

Folgende Fragen zeigen die Unvereinbarkeit von Glauben und Schicksal auf: Hat sich das Baby versündigt, dass es kurz nach der Geburt sterben musste? Wurden die Retter bestraft, weil sie zwei Menschen retten wollten? Hat sich die Mutter bei der Zeugung unkeusch verhalten?

Mit Gott lässt sich das Unglück nicht erklären. Mit dem Satan auch nicht. Ich schlage deshalb vor, dass die Vertreter der verschiedenen Religionen in Zukunft vornehm schweigen, wenn sie Katastrophen und Unglücke erklären wollen. Alles andere ist eine Demütigung der Opfer.

Kinder vor religiöser Manipulation schützen

hugostamm am Montag den 20. April 2009

Die Uno-Kinderrechtscharta garantiert den Kindern Religionsfreiheit. Sie dürfen also den Glauben selbst bestimmen und müssen vor dem Einfluss unbefugt missionierender Glaubensgemeinschaften geschützt werden. Übrigens garantiert uns auch unsere Verfassung die Glaubens- und Kultusfreiheit.

In der Kinderkonvention heisst es wörtlich:

„Die Vertragsstaaten achten das
Recht des Kindes auf Gedanken-,
Gewissens- und Religionsfreiheit.
(2) Die Vertragsstaaten achten die
Rechte und Pflichten der Eltern
und gegebenenfalls des Vormunds,
das Kind bei der Ausübung
dieses Rechts in einer seiner
Entwicklung entsprechenden
Weise zu leiten.
(3) Die Freiheit, seine Religion oder
Weltanschauung zu bekunden,
darf nur den gesetzlich vorgesehenen
Einschränkungen unterworfen
werden, die zum Schutz
der Öffentlichen Sicherheit, Ordnung,
Gesundheit oder Sittlichkeit
oder der Grundrechte und -freiheiten
anderer erforderlich sind.“

Dieser Artikel ist ein Papiertiger. Ein Beispiel dazu: Schlagen Eltern ihre Kinder oder vernachlässigen sie ihre Gesundheit, so werden sie belangt – falls Nachbarn, Verwandte oder Lehrer die Missstände beobachten. Bei der religiösen Erziehung haben die Eltern praktisch immer einen Blankocheck. Eltern sind wohl kaum je zur Rechenschaft gezogen worden, weil sie ihre Kinder indoktriniert oder in einer Weise religiös erzogen haben, die ihrer Persönlichkeitsentwicklung geschadet hat.

Evident wird diese Situation bei Scheidungen aus religiösen Gründen. Rutscht beispielsweise die Mutter in eine Sekte, esoterische Bewegung oder Freikirche ab, führt dies oft zu unüberbrückbaren Spannungen in der Beziehung der Eltern und zur Scheidung. Der Vater, der unter der Radikalisierung seiner Ehefrau gelitten hat, möchte die Kinder vor der religiösen Beeinflussung durch die Mutter schützen und kämpft für das alleinige Sorgerecht. Doch die Richter berücksichtigen die Glaubensfreiheit der Kinder in aller Regel nicht. Selbst dann nicht, wenn die Mutter einer extremen Sekte angehört.

In ihrer Not wenden sich die Väter oft an mich und suchen Rat. Sie verstehen nicht, dass die Richter kein Gehör dafür haben, dass sie ihre Kinder vor der religiösen Manipulation schützen möchten.

Leider kann ich den Vätern jeweils wenig Hoffnung machen: Bisher ist mir erst ein Fall bekannt, bei dem ein Richter den religiösen Hintergrund der Mutter gewichtet und zu Gunsten des Vaters entschieden hat, und somit auch der Kinder. Dabei handelte es sich um einen Fall aus dem Umfeld der Zeugen Jehovas. (Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Es gibt auch den umgekehrten Fall, wonach der Vater in eine Sekte abrutscht und die Mutter das Opfer ist. Da die Trennungskinder meistens bei den Müttern leben, ist die Situation in solchen Fällen weniger dramatisch.)

Kinder sind der religiösen Indoktrination der Eltern schutzlos ausgeliefert. Sie wissen nicht, was mit ihnen passiert und können sich nicht wehren. Oft sind sie für den Rest des Lebens traumatisch geprägt. Lösen sie sich als Erwachsene von der Sekte oder Glaubensgemeinschaft, bricht oft der Kontakt zu den Eltern ab. Ausserdem droht ihnen die soziale Isolation, weil sie sich bisher vorwiegend im Sektenmilieu bewegt haben.

Es melden sich immer wieder Menschen bei mir, die als Kinder eine strenge religiöse Erziehung „genossen“ haben und voller Ängste sind. Sie möchten sich von der Sekte oder Freikirche lösen, bringen aber die Kraft nicht auf, sich gegen die Familie und ihre Glaubensgemeinschaft zu wehren. Sie stecken voller Neurosen, Komplexe oder gar Psychosen. Oft sehen sie keinen andern Ausweg als den Suizid. (Glücklicherweise schaffen es die wenigsten, diesen Schritt zu vollziehen.) Die Ängste verfolgen sie oft bis in Alter.

Mir ist bewusst, dass die religiöse Erziehung ins Elternhaus gehört. Doch wie beim sexuellen Missbrauch müssten Kinder die Möglichkeit haben, ihre Eltern auch später noch rechtlich zu belangen, wenn sie einer totalitären religiösen Beeinflussung ausgesetzt waren. Dies wäre ein wichtiger Schritt zur Aufklärung und Sensibilisierung der Öffentlichkeit. Bei den sexuellen Übergriffen hat dies funktioniert, wie uns die Geschichte der letzten 30 Jahre gezeigt hat. Momentan erleben wir eine ähnliche Entwicklung bei den Autorasern. Wir müssen deshalb Wege suchen, um der Kinderkonvention auch beim religiösen Artikel Nachachtung zu verschaffen.

Der leidende Jesus am Kreuz

hugostamm am Samstag den 11. April 2009

Als kleiner Knabe verbrachte ich die Ferien oft bei meinem Grossvater. Er war Witwer, und ich schlief im Bett meiner verstorbenen Grossmutter. Wenn ich am Morgen erwachte, fiel mein erster Blick auf Jesus, der am Kreuz hing. Seinen Kopf hielt er leicht seitlich nach unten geneigt, in seinem Gesicht standen die Todesqualen. So lernte ich den Sohn Gottes kennen. Es war kein schöner Start in den Morgen, die aufregenden Ferientage bei meinem geliebten Grossvater begannen mit einem flauen Gefühl im Magen.

Nach den Bildern kamen – als ich etwas älter geworden war – die Fragen. Warum hat einer seiner 12 Jünger, Judas, Jesus wegen lumpigen 30 Silberlingen verraten? Jesus hätte doch als Sohn Gottes wissen müssen, dass Judas ein Feigling ist und nicht würdig, zu den Auserwählten zu gehören. Auch Petrus der Fels, auf den Gott seine Kirche bauen wollte, erwies sich als Memme. „Ich kenne den Menschen nicht“, sagte er, als Jesus der Kreuztod bevorstand. Mit was für armseligen Männern hat sich der Sohn Gottes umgeben? Sind die Kirchen vielleicht so widersprüchlich und schwach, weil der Fels wankt, auf dem sie gebaut sind?

Dann kamen die Karfreitage. Ich hörte die Geschichte der Verurteilung von Jesus und seine Kreuzigung in den Gottesdiensten immer wieder. Und von Jahr zu Jahr tauchten neue Fragen auf. Der Pfarrer betonte jeweils, dass sich Jesus für uns habe ans Kreuz schlagen lassen. Damit habe er unsere Sünden gesühnt und uns das Tor zum Himmel geöffnet. Trotzdem verheisst die Bibel den Sündern immer noch die ewige Verdammnis in der Hölle.

Überhaupt: Als Sohn Gottes hätte er uns doch von der Erbsünde befreien können, ohne sterben zu müssen. Die Fee in den Märchen hatte dafür einen Zauberstab, den sie lächelnd einsetzte, um Menschen zu erlösen.

Uns wurde immer gepredigt, Jesus sei freiwillig gestorben. Irgendwann glaubte ich dies nicht mehr. „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen“, rief er am Kreuz. Auffallend dabei: Er rief nicht seinen Vater an, sondern Gott. Glaubte Jesus vielleicht im Tiefsten, dass Gott doch nicht sein Vater war? Denn in der Todesangst ist es wohl ein Reflex, seinen Vater um Hilfe zu rufen.

Die Dreieinigkeit besagt, dass Gott, Jesus und der Heilige Geist eine Einheit bilden. Alle sind mit den göttlichen Fähigkeiten ausgestattet. Es wäre also für Jesus ein leichtes gewesen, dem Tod zu entrinnen. Dann hätte er mir das morbide Bild erspart, das mich jeweils im Bett des Grossvaters und jeden Sonntag in der Kirche bedrängte. Dann hätte ich heute vielleicht ein unverkrampfteres Verhältnis zu ihm.

Trotz aller Fragen wünsche ich allen schöne Ostertage. Das Wetter ist schon mal auf unserer Seite…

Uniform im Denken und Fühlen

hugostamm am Freitag den 3. April 2009

Der Glaube an religiöse und spirituelle Phänomene entzieht sich allen gängigen erkenntnistheoretischen Prinzipien. Diesbezüglich herrscht beim Glauben ein permanenter Ausnahmezustand: Er ist semantisch und emotional ein Sonderfall. Er lässt sich nur schwer definieren oder einordnen. Die üblichen Muster, ihn zu beschreiben, greifen zu kurz.

Die Krux zeigt sich schon darin, dass der Gebrauch des Begriffs zwei unterschiedliche Bedeutungen hat: Zwischen dem weltlich verstandenen Glauben und dem religiösen oder spirituellen klaffen Welten.

Zwei Beispiele sollen die Behauptung verdeutlichen:

1. Ich glaube, dass die Finanzkrise bald überwunden sein wird.

2. Ich glaube an Gott, Jahwe, Shiva oder Sai Baba.

Im weltliche Kontext wird allen sofort klar, dass es sich beim Glauben um eine Annahme, Vermutung oder Hypothese handelt. Oder gar nur um eine Hoffnung oder einen Wunsch. Es sind Projektionen, die Unsicherheit und Zweifel ausdrücken. Die subjektive Komponente ist klar erkennbar.

Bei der zweiten Aussage handelt es um eine radikal andere Form des Glaubens. Es wird eine Überzeugung ausgedrückt, die oft den Charakter eines Faktums erreicht. Letztlich geht es für die Betroffenen um die letzte Wahrheit, die – subjektiv gesehen – mit Glauben gar nichts mehr zu tun hat.

Die unterschiedliche Definition der beiden Begriffe führt zu einer sprachlichen Verwirrung, die auch das Bewusstsein unheilvoll beeinflussen kann. Man müsste also für den religiösen Glauben einen neuen Begriff erfinden.

Das Beispiel zeigt zumindest, dass wir den religiösen Glauben auf der emotionalen Ebene ansiedeln müssen. Mit Verstand oder Vernunft kommen wir ihm nicht bei. Auf jeden Fall ist der Glaube näher beim Herz angesiedelt als beim Kopf. Die ekstatischen Entäusserungen bei religiösen oder spirituellen Ritualen drücken es deutlich aus.

Wenn der Glaube emotionale Empfindungen provoziert, sind religiöse Gefühle etwas radikal Subjektives. Jeder und jede empfindet ein Gebet, einen Gottesdienst oder ein spirituelles Ritual individuell. Und jeder Gläubige entwickelt ein eigenes Gottesbild, füllt die vielfältigen religiösen Metaphern mit eigenen Inhalten.

Dieser Tatsache tragen Glaubensgemeinschaften kaum Rechnung. Sie entwickeln starre Heilslehren, Dogmen und Glaubenssätze. In vielen Kirchen und religiösen Bewegungen ist eine Uniformierung im Denken, Handeln und Fühlen gefordert. Das hindert die Entfaltung eines freien Geistes.