Schweiz


Archiv für März 2009

Rechtsumkehrt, marsch!

hugostamm am Mittwoch den 25. März 2009

Viele Glaubensgemeinschaften stossen auf Ablehnung, weil sie eine fundamentalistische, traditionalistische, konservative, reaktionäre oder rechtsradikale Gesinnung offenbaren.

Diese These soll an ein paar Beispielen aufgezeigt werden.

Katholische Kirche: Sie hat in letzter Zeit wieder demonstriert, dass sie eine weltfremde, konservative und rechtslastige Politik verfolgt. Die wachsende Machtfülle des rechtskonservativen Opus Dei im Vatikan spricht für sich. Der Spruch des aktuellen Papstes zum Islam an der Uni Regensburg, die Rehabilitierung der rechtsradikalen Pius-Brüder und seine neusten Aussagen während seiner Afrika-Reise zum Gebrauch von Kondomen dokumentieren das weltfremde und teilweise fundamentalistische Gebaren. Allein schon die Wahl des strengen Sittenwächters Ratzingers zum Papst war ein Signal, dass die katholische Kirche weiter nach rechts rutscht. Auch die Geschichte zeigt, dass sich die Kirche gern mit den Mächtigen und oft auch mit Diktatoren solidarisiert hat. Stichwort: Franco-Regime. Auf der andern Seite werden kritische Geister wie Hans Küng oder die Befreiungstheologen zurückgebunden oder ausgegrenzt.

Freikirchen: Die rechtsradikale EDU (Eidgenössische Demokratische Union) ist ein Sammelbecken von Freikirchlern. Auch die EVP, ebenfalls von freikirchlich Engagierten getragen, politisiert ebenfalls am rechten Rand.

Judentum: Die orthodoxen Juden politisieren am äussersten rechten Rand. Die jüngsten Wahlen in Israel haben den rechtsradikalen Parteien einen erklecklichen Stimmengewinn gebracht.

Islam: Die rechtsradikalen und fundamentalistischen Gruppen gewinnen in islamischen Staaten zunehmend an Einfluss.

Scientology: Gründer Hubbard hat zwar auch demokratiefreundliche Aussagen gemacht, die moderne Staatsform aber auch kritisiert: “”… Und ich kann nicht sehen, dass populäre Massnahmen, Selbstverleugnung und Demokratie etwas anderes für den Menschen gebracht haben als ihn tiefer in den Schlamm zu stossen. Heutzutage sind Groschenromane allgemein beliebt, Selbstverleugnung füllte den Dschungel Südostasiens mit steinernen Götterbildern und Leichen, und Demokratie brachte uns Inflation und die Einkommenssteuern.” Hubbard zeigte ausserdem diktatorische Allüren und hat ein autoritäres System aufgezogen.

Bhagwan/Osho: Der indische Guru gab sich zwar als tolerant und fortschrittlich, sein Staatsverständnis war aber rechtsradikal. Ausserdem zeigte er eine erschreckend braune Seite. In seinem Buch „Die goldene Zukunft“ propagiert er die Euthanasie an Behinderten, ein eingeschränktes aktives und passives Wahlrecht. (In politische Ämter dürfen nur Personen gewählt werden, die ein Hochschulstudium absolviert und Meditationskurse in Osho-Zentren abgeschlossen haben.)

Esoterikszene: Sie ist über weite Strecken ganz rechts zu Hause. Stichworte: Wurzelrassentheorie, Verklärung der germanischen Götter, die zur Blut-und-Boden-Theorie führt, Rassentheorie mit der ethnozentrierten Ideologie. In diese Richtung deutet auch der Glaube an die Arier, an eine höhere Ordnung und die kosmischen Gesetze usw. Auch die Allianz vieler Esoteriker mit den Neuheiden unterstreicht die rechtsradikale Haltung.

Es liessen sich noch viele Beispiele anfügen. Es sind vor allem zwei Aspekte, welche Glaubensgemeinschaften nach rechts drängen. Einerseits entwickeln viele religiöse Bewegungen durch ihren Missionsdrang einen Machtanspruch. In der westlichen Welt ist Macht im missbräuchlichen Sinn fast immer an rechtsradikale Strömungen gebunden. Andererseits bedeutet Religion Rückbindung und führt gern zu einem Hang zum Bewahren, zum Fundamentalen. Deshalb entwickeln radikale Glaubensvertreter oft fundamentalistische Tendenzen. Nicht nur im Islam, sondern auch bei den Juden, Christen und vielen Sekten.

Schonraum für Sekten

hugostamm am Dienstag den 17. März 2009

Um Sekten ist es in letzter Zeit relativ ruhig geworden. Die Öffentlichkeit hat sich an das Phänomen gewöhnt, und die radikalen Glaubensgemeinschaften schafften es, sich teilweise anzupassen. Die Repression gegenüber ihren Mitgliedern wurde leicht reduziert, die Vereinnahmung hat aber nichts an Prägnanz verloren. Die Konsequenz: Es ist für Medien schwieriger geworden, Sektenthemen prominent zu platzieren und Aufklärung zu betreiben. So entsteht der subjektive Eindruck, die Sektenproblematik habe sich entschärft. Ein fataler Trugschluss, wie zwei aktuelle Beispiele zeigen.

Der vor einem Jahr verstorbene Guru Maharishi Mahesh Yogi hat es immer wieder verstanden, Prominente aus Musik und Film in seinen Bann zu ziehen. Sein kürzlicher Tod scheint nichts an seiner Anziehungskraft geändert zu haben. Der bekannte Regisseur David Lynch hat eine Stiftung im Rahmen von Yogis Transzendentaler Meditation (TM) gegründet, um die Kinder weltweit nach dessen Praktiken zu unterrichten. Deshalb organisieren seine Stiftung und TM am 19. März an der ETH Zürich eine Grossveranstaltung. Stargast ist laut Programm der britische Folksänger Donovan, der schon 1968 dem Guru ergeben zu Füssen sass. Donovan soll an der Veranstaltung in Zürich zwei Songs zum Besten geben.

Man liest richtig: Die ETH öffnet TM seine Türen. Für die Sekte, die sich einen wissenschaftlichen Hintergrund zuschreibt, ein Glücksfall. Die Hochschule ist ein würdiger Rahmen und verleiht TM die Aura der Glaubwürdigkeit.

Der nächste Coup von TM folgt laut eigener Ankündigung Anfang April. Dann sollen die ehemaligen Beatles Paul McCartney und Ringo Starr an einem Benefiz-Konzert in New York auftreten. Auch die Beatles pilgerten in den späten 1960er-Jahren nach Indien zu Guru Maharishi. Beim Auftritt ebenfalls mit von der Partie soll Donovan sein.
TM Schweiz betreibt ihr Zentrum in Seelisberg UR. Ihr Chef Felix Kägi hat früher für den Zürcher Regierungsrat kandidiert. Sein Markenzeichen ist das yogische Fliegen: Mit Hilfe der Meditation sollen seine Anhänger die Anziehungskraft überwinden und beispielsweise von Seelisberg zum Urnersee hinunter segeln können. Das Parteiprogramm seiner Naturgesetz-Partei: 300 yogische Flieger als Staatsangestellte engagieren, die rund um die Uhr meditieren sollen. Sie sollen ein Energiefeld erzeugen und die Bevölkerung mental positiv beeinflussen. Dann gäbe es weniger Unfälle, Konflikte, soziale Spannungen. Der Staat könnte Millionen sparen, weil es weniger Ärzte, Spitäler, Polizisten und Richter bräuchte.

Kürzlich hat Kägi vorgeschlagen, Städte wie Genf, Basel und Zürich platt zu walzen und nach vedischen Prinzipien neu aufzubauen. Die Bewohner würden gelassener, ausgeglichener, glücklicher und und und.

Das zweite Beispiel: In den nächsten Tagen finden in mehreren Schweizer Städten Vorträge und Filmvorführungen des Bruno-Gröning-Freundeskreises statt. Meist in ehrenwerten Hotels oder Sälen. Wer steckt dahinter? Der Freundeskreis des deutschen Wunderheilers wird von seinen Anhängern als Heiler von Gottes Gnaden verehrt. Eine Mutter berichtete, ihre Tochter sei an Brustkrebs erkrankt und habe sich den Bruno-Jüngern anvertraut. Diese versprachen, den rettenden Heilstrom des 1959 verstorbenen “Wunderdoktors” zu vermitteln. “Es war furchtbar”, erzählte die Frau: “Meine Tochter musste Fotos von Gröning auf die Brüste legen und Stanniolkugeln in die Hände nehmen. Die Gröning-Anhänger behaupteten, meine Tochter empfange nun die Heilkräfte von Bruno. Um die Energieströme zu verstärken, verharrten die Gröning-Freunde während des Rituals in meditativer Haltung.”

Die Eltern der jungen Frau empfanden das Ritual als okkulten Hokuspokus. Dramatisch sei vor allem gewesen, dass die Tochter ärztliche Behandlung verweigert habe. Als sich die Symptome dramatisch verschärften, wuchs die Angst der jungen Frau. Nun liess sie sich doch noch von den Angehörigen überreden, ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Sie wurde operiert und ist seither beschwerdefrei, wie ihre Mutter erzählte. Vom Gröning -Freundeskreis sagte sie sich los.

Die rund 30 000 Bruno-Anhänger sind weltweit in über 500 Kreisen zusammengeschlossen, die sich regelmässig treffen, um die Heilströme zu empfangen. Angehörige berichten, dass sich die Freunde von Bruno abschotten, einseitig auf den Freundeskreis konzentrieren und mit unerschütterlichem Glauben an die erlösenden Heilkräfte von Gröning glauben. Kritische Einwände der Angehörigen werden als Gefahr für die erhoffte Heilung interpretiert. Anhänger glauben sogar, dass die bereits erfolgten Heilungen abklingen, wenn die Patienten den Glauben an die Heilkräfte verlieren oder nicht mehr regelmässig an den Gruppentreffen teilnehmen. Damit wird die Bindung an die Gruppe verstärkt.

Gröning übt eine Messiasfunktion aus. In den 50er Jahren lockte er Tausende Kranke und Behinderte mit dem Versprechen an, “die Krankheit gehört nicht zum Menschen” und “jeder wird sein eigener Arzt”. Sein Wahlspruch: “Es gibt kein Unheilbar.” Der Freundeskreis behauptet, bei den Massenveranstaltungen Grönings hätten sich oft biblische Szenen abgespielt: “Blinde konnten wieder sehen und Lahme wieder gehen.”
Wichtige Requisiten bei den „Heilungen“ sind Fotos von Bruno und Stanniolkugeln. Besonders wirksam sollen Kugeln sein, die mit Haaren und Fingernägeln des verehrten Heilers gefüllt sind. Speziell gefragt sollen Kugeln sein, die Brunos Sperma enthielten.

Doch Bruno kann in den Augen seiner Anhänger nicht nur Menschen heilen, sondern auch Tiere und Pflanzen. Ja sogar Apparate aller Art sollen wieder funktionieren, wie die Erfolgsberichte verkünden. Brunos Heilstrahlen machen defekte Fernsehgeräte, CD-Spieler und anderes wieder funktionstüchtig. Und wie das? Ganz einfach: Man legt ein Bild von Bruno auf das Gerät.

Die Gleichgültigkeit der ETH und vieler Vermieter von Sälen ist bezeichnend und widerspiegelt die Haltung weiter Teile der Gesellschaft. Dahinter steckt viel Ignoranz. Die Gefahr von Sekten wird mangels Informationen und Hintergrundwissen unterschätzt. Auf der andern Seite wagen es viele nicht, Sekten die Stirn zu bieten. Leider ist dieses Syndrom auch bei vielen Behörden und Politikern zu beobachten. Sie exponieren sich nicht gern und geben beispielsweise den Scientologen die Bewilligung, auf öffentlichen Plätzen Stände aufzubauen und die Passanten zu bearbeiten.

Die Schweiz ist für Sekten ein sehr guter Nährboden. Deshalb haben wir die Sekten, die wir verdienen.

Sexualität ist des Teufels

hugostamm am Montag den 9. März 2009

Religiöse Empfindungen sind auf der Emotionsskala weit oben angesiedelt. Die Gefühlspalette ist denn auch breit und reicht von Ergriffenheit bis zur Ekstase. Die emotionalen Entäusserungen können bei religiösen Ritualen und Erlebnissen zu Grenzerfahrungen führen.

Es ist denn auch kein Zufall, dass in vielen Richtungen fernöstlicher Mystik spirituelle Empfindungen eine sexuelle Komponente enthalten. Bei einzelnen Mantratechniken versuchen Yogis, orgiastische Erlebnisse ohne Samenerguss zu provozieren. Sie sprechen von einem spirituellen Orgasmus, der Minuten oder gar Stunden anhalten soll. Die Sexualität wird zur Funktion des spirituellen Prozesses.

In der abendländischen Kultur hatten wir über Jahrhunderte eine gespaltene Haltung zur Sexualität. Sie war keine Ergänzung zur Spiritualität, sondern eine Konkurrenz. Verantwortlich dafür war in erster Linie die christliche Heilslehre. Bis zur sexuellen Revolution war intime Körperlichkeit ausserhalb der Ehe etwas Schmutziges und Verwerfliches. Die Bibel paukt es den Gläubigen an verschiedenen Stellen ein. Ausdruck davon ist auch das 6. Gebot. Die Sinnesfeindlichkeit zieht sich durch weite Teile der Bibel. Das Zölibat in der katholischen Kirche macht es deutlich.

Reformator Luther hat zwar damit aufgeräumt, doch er blieb in seiner Geisteshaltung ebenfalls prüde und sinnesfeindlich. Auch Zwingli blieb darin verhaftet, und Calvin perfektionierte die asketische Lebenshaltung. Eine religiöse Antwort auf die Frage, weshalb Lebewesen mit starken sexuellen Empfindungen ausgestattet sind, ist nirgends zu finden. Da hilft uns nur die Biologie weiter: Die Sexualität dient der Fortpflanzung und Arterhaltung. Wäre die Begattung ein Akt der Mühsal, wäre die Menschheit vermutlich ausgestorben.

Insofern ist die christliche Heilslehre lebensfeindlich. Als Regulativ wirken die ausgeprägten Empfindungen beim Orgasmus. Sie sind stärker als religiöse Gebote und Dogmen. Der Geist ist willig, das Fleisch aber schwach. Das bedeutet, dass das „Fleisch“ schlecht ist. Das Körperliche als Last zu empfinden, ist psychologisch gesehen aber gefährlich.

Einen Spagat versuchen die Freikirchen. Für sie ist die Sexualität ausserhalb der Ehe ebenfalls eine Sünde. Während sich die meisten Katholiken und Protestanten nicht mehr an die religiösen Richtlinien halten, klammern sich die freikirchlich Gläubigen weiterhin an das Gebot – oder sie versuchen es zumindest. (Die vielen sexuellen Übergriffe im freikirchlichen Umfeld zeigen, dass die Natur auch bei ihnen oft stärker ist als der Glaube.) Die Sexualität ausserhalb der Ehe ist die Domäne des Satans.

In ihrer Not sublimieren sie ihre erotischen Gefühle. So erzählen viele Frauen, sie würden eine Liebesbeziehung zu Jesus pflegen. Ja, sie scheuen sich auch nicht, ihrem Ehemann zu sagen, für sie stehe Jesus an erster Stelle. Manche stellen eine Kaffeetasse auf den Morgentisch – für ihren Liebhaber Jesus.

Die Phantasie der Menschen ist grenzenlos, wenn es darum geht, Widersprüche aufzulösen.