Schweiz

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Archiv für Februar 2009

Die Macht des Bösen

hugostamm am Samstag den 28. Februar 2009

Es ist monströs, was Menschen ihren Artgenossen antun können. Täglich berichten die Medien von unvorstellbaren Gräueltaten, Gewaltverbrechen, Folterungen. Auch wenn wir es oft verdrängen: Das Böse ist tief in uns verwurzelt, viele sind bereit, andern ein Leid anzutun. Dabei neigen nicht nur grobschlächtige oder sadistische Menschen dazu, ander zu quälen, sondern auch „gewöhnliche“ Personen.

Der Holocaust ist das eindrücklichste Beispiel in der jüngeren Geschichte. Viele „brave“ Bürger schickten unzählige Juden erbarmungslos in den Tod. Inquisition und Hexenverbrennungen sind entsprechende Ereignisse auf früheren Zeiten.

Das Phänomen hat Wissenschafter immer wieder beschäftigt. Es gibt viele Erklärungsversuche, Untersuchungen, wissenschaftliche Studien und Bücher über die Gewaltbereitschaft von Menschen. Das vielleicht eindrücklichste Experiment hat Stanley Milgram 1963 durchgeführt.

Ausgangslage war eine Prüfungssituation. Ein Professor stellte einem Studenten Fragen. Die Testpersonen amteten als Gehilfe des Lehrers. Gab der Student eine falsche Antwort, forderte die Autoritätsperson den Probanden auf, dem Prüfling einen Stromstoss zu versetzen. Bei jeder falschen Antwort wurde die Dosis erhöht. Bald zuckte und schrie der Student.

Das Ergebnis: Mehr als 60 Prozent der Versuchspersonen folterten den Studenten beinahe zu Tode. (Sie wussten nicht, dass der Student ein Schauspieler war und der Folterstuhl nicht am Strom angeschlossen.)

In den vergangenen 45 Jahren hat sich die Welt massiv verändert. Bildung und Aufklärung sind verbessert worden, Diskussionen um Menschenrechte und Gewaltexzesse haben die Öffentlichkeit sensibilisiert. Heute dürfte es der Professor schwer haben, Testpersonen zu finden, die Unbekannte auf ähnlich brutale Art foltern würden, sollte man meinen.

Ein Trugschluss.

Jerry Burger von der Santa Clara Universität in Kalifornien führte kürzlich ein ähnliches Experiment durch. Da er präzisere Resultate anstrebte, verfeinerte er die Versuchsanlage. Deshalb sind keine direkten Vergleiche möglich. Burger kam aber zu einer ähnlichen Haupterkenntnis wie Milgram: Die Gehorsamsrate der Testpersonen, die bereit sind, Unbekannte zu foltern, war ähnlich hoch wie vor 45 Jahren.

Das Fazit: Zwei Drittel der Menschen foltern lieber Unschuldige als dass sie sich gegen Autoritätspersonen auflehnen. Das bedeutet, dass die Autoritätsgläubigkeit und die Bereitschaft, sich zu unterwerfen, ungebrochen gross ist.

Dieses Resultat lässt sich ein Stück weit auf das Sektenphänomen übertragen: Die Erfahrungen zeigen, dass autoritätsgläubige Personen eher anfällig sind, den Missionsbestrebungen von Sekten zu erliegen. Ganz allgemein ordnen sich solche Menschen autoritären und fundamentalistischen Gemeinschaften eher unter. Es sind mehrheitlich Ich-schwache Personen, die sich radikalen Glaubensgemeinschaften anschliessen.

Oder anders herum: Geistige Unabhängigkeit, kritisches Denken und ein gesundes Selbstwertgefühl schützen am ehesten davor, vereinnahmt und missbraucht zu werden.

Mythos Seele

hugostamm am Freitag den 20. Februar 2009

Wo Religion lauert, ist die Seele nicht weit. Der Ausdruck muss für viele Phänomene herhalten. Der Begriff der Seele hilft uns immer dann aus der Patsche, wenn wir Mühe bekunden, religiöse oder spirituellen Fragen zu beantworten. Wir ziehen sie gern dann heran, wenn sich übersinnliche Belange unseren Erkenntnissen entziehen

Was verstehen wir unter Seele? Alles und nichts. Es gibt psychologische, philosophische und vor allem religiöse Interpretationen oder Definitionen. In der Psychologie kann Seele ein Synonym für Identität, Bewusstsein, Summe aller Erfahrungen oder „psychologische Harddisk“ sein. Seele kann auch als ein Synonym für Psyche verstanden werden. Oder als Grundprinzip oder Kraft, die psychische Prozesse bewirkt. Auffällig ist die Unschärfe, die diesem Begriff anhaftet. Jeder und jede kann in ihn hineinprojizieren, was ihm am besten gefällt oder dient.

In der Religion ist die Seele ein Vehikel der Metaphysik und das Bindeglied zwischen Diesseits und Jenseits. In den meisten Heilsvorstellungen wird die Seele als unabhängig vom Körper und somit als unsterblich verstanden. Ohne dieses Hilfskonstrukt müssten wir Menschen die Vorstellung von einem Leben nach dem Tod wohl begraben. Denn allen ist klar, dass der Körper nach dem Tod zerfällt. Somit umweht die Seele eine Aura des Geheimnisvollen.

Die Tatsache, dass die Seele weder identifiziert noch geortet werden kann, ist für Religionen ein grosses Unglück, aber auch eine Chance, wenn nicht gar ein Rettungsanker.

Zum Unglück: Wäre die Seele ein Organ, das wir isolieren, sezieren und analysieren könnten, wäre die Religion nicht eine Frage des Glaubens, sondern der Wissenschaft. Würden die Ärzte, Neurologen, Theologen oder Philosophen herausfinden, dass die Seele sterblich ist wie jedes andere Organ, müssten wir von der Vorstellung von einem Lebens nach dem Tod Abschied nehmen. (Es sei denn, der Mensch würde hinter der „grobstofflichen“ Seele eine „feinstoffliche“ suchen. Die Wahrscheinlichkeit, dass er dies täte, wäre gross. Denn die Vorstellung, dass der Mensch keine „eigentliche“ Seele hat und nach dem Tod unwiderruflich zerfällt, wäre für die meisten eine unerträgliche narzisstische Kränkung. Sie würde bei Gläubigen ausserdem ein Gefühl der Ohnmacht hervorrufen.)

Zur Chance: Da wir von der Seele herzlich wenig wissen, können wir sehr vieles in sie hinein projizieren. So wird die Seele zum Gegenspieler der Vernunft und macht den Menschen zum Mysterium. Dank der Vorstellung von der Seele kann sich der Mensch ein göttliches Attribut ans Revers heften: In der Seele steckt der göttliche Funke, die Seele wird zum Kanal zum Jenseits. Und der Mensch, respektive seine Seele, wird zum unsterblichen Wesen. Womit der Kreis geschlossen wäre.

Nur: Die Idee von der Seele ist und bleibt eine Hypothese. Und oft bekomme ich den Eindruck, dass diese auf wackeligen Beinen steht. Erstaunlich ist nur, dass viele Menschen auch mit diesen existentiellen Zweifeln recht gut leben können. So bleibt die Seele ein Mythos oder die spannendste Nebensache der Welt.

Ermordete Darwin Gott?

hugostamm am Freitag den 13. Februar 2009

Darwin ist vor 200 Jahren geboren. Mit seinen Forschungen hat er die monotheistischen Religionen erschüttert wie kein Zweiter. Der Theologe wurde einer der kreativsten Wissenschafter.

In den bisherigen Diskussionen über die Evolutionstheorie standen fast immer die christlichen Fundamentalisten und Freikirchen im Mittelpunkt, welche den Kreationismus verteidigen und die Evolutionstheorie als Irrlehre abtun. Dabei geht es ihnen darum, die Bibel zu rehabilitieren. Denn nach ihren Interpretationen hat Gott die Welt vor ca. 6000 Jahren erschaffen. In nur sechs Tagen.

Ein Aspekt wird dabei gern vergessen und von den Freikirchen unterschlagen: Darwin hat seine Erkenntnisse aus der Beobachtung der Natur und der Tiere gewonnen, weshalb er lange Zeit angreifbar blieb. Später hingegen bestätigten genetische Untersuchungen die zentralen Erkenntnisse Darwins. Wir wissen heute, dass sich alles Leben bewegt, entwickelt, verändert. Züchtungen bei Tieren sind ein Ausdruck davon.

Die Bibel hingegen macht uns glauben, Gott habe alle Kreaturen in ihrer heutigen Form nach seinem Bauplan geschaffen. Somit ergibt sich ein weiterer Widerspruch in einem zentralen Aspekt. Deshalb stellt sich die Frage, ob auch fortschrittliche Christen in diesem Bereich die Bibel relativieren dürfen, ohne dass das Glaubenssystems ins Wanken gerät. Verändert sich dadurch das Gottesbild nicht radikal?

Darwin erkannte, dass er mit seinen Erkenntnissen die Bibel auf den Kopf stellen würde. Deshalb tat er sich jahrelang schwer, seine Forschungsresultate zu veröffentlichen. Er versteckte seine Notizbücher und beschriftete sie mit unverfänglichen Titeln. Er wusste, dass er bei den Kirchen in Ungnade fallen würde. Schliesslich lag die Zeit der Inquisition und Hexenverbrennungen noch nicht allzu weit zurück. Darwin ahnte denn auch, dass er mit seiner Evolutionslehre Gott ermorden würde, weil Evolutionstheorie und biblisches Gottesverständnis sich grundsätzlich beissen.

Doch Darwin hatte Glück. Die Kirchen zeigten sich flexibel. Zuerst verdrängten sie seine Erkenntnisse, und als sie von andern Wissenschaftern bestätigt wurden, erklärten sie die Schöpfungslehre als Metapher. Doch es stellt sich die Frage, ob sie damit Gottbild retten können.

Der Zorn der christlichen Fundis gegen die Juden

hugostamm am Donnerstag den 5. Februar 2009

Antijudaismus und Antizionismus haben in den christlichen Kirchen eine lange Tradition. Es ist deshalb kein Zufall, dass Papst Benedikt XVI. den Holocaustleugner und Bischof Richard Williamson von der sektenhaften Lefebvre-Priesterbruderschaft rehabilitiert hat.

Papst Benedikt XVI. ist in wenigen Tagen von der umjubelten Pop-Ikone zum reaktionären Fundi mutiert. Mit der Rehabilitierung des Holocaustleugners und Antisemiten Richard Williamson als Bischof löste er weltweit einen Sturm der Entrüstung aus. Die Juden sind geschockt, Deutschland ist geschockt, sogar weite Teile der katholischen Welt sind geschockt. Ausgerechnet ein deutscher Papst nimmt einen Leugner der Gaskammern an seine Brust. Und dieser Williamson ist obendrein Vertreter der sektenhaften katholischen Lefebvre-Fraktion, der Pius-Priesterbruderschaft.

Der Antijudaismus in der katholischen Kirche und im Abendland hat tiefe religiöse und politische Wurzeln. Er begann mit der Kreuzigung von Jesus. Ausgerechnet die Juden, das auserwählte Volk Gottes, schlug den Messias ans Kreuz. Und: Die Juden liessen sich nicht zum Christentum – dem angeblich einzig wahren Glauben – bekehren. Ein religiöser Widerspruch, der für Traditionalisten und Fundamentalisten unter den Christen kaum auszuhalten ist. Seit 2000 Jahren warten sie vergeblich darauf, dass die Juden in den Schoss der christlichen Kirche finden und Jesus als Messias anerkennen. Diese Kränkung sitzt im Vatikan tief, zumal sich die Heilsgeschichte laut Bibel erst dann erfüllen kann, wenn sich die Juden bekehren lassen haben.

Die Ausgrenzung der Juden fand auch in weltlichen und politischen Belangen ihre Fortsetzung. Im Mittelalter durften sie in unseren Breitengraden beispielsweise kein Handwerk ausüben – damals der goldene Boden für die bessere Gesellschaft. So waren Juden gezwungen, ihren Lebensunterhalt mit Handel zu verdienen. Als die Handelswege an Bedeutung gewannen, gelangten sie zu Reichtum. Bald lehnten sie Geld gegen Zins aus und gründeten Banken.

Damit zogen sie den Neid auf sich, wurden beargwöhnt und bald als geizig charakterisiert. Für totalitäre und reaktionäre Regimes gaben sie die idealen Sündenböcke ab. Sie wurden immer wieder verfolgt, geächtet und ausgegrenzt. Ein Höhepunkt dieser Hetzkampagne waren die Protokolle der Weisen von Zion. In geheimen Zusammenkünften sollen die einflussreichsten Juden einen Plan entwickelt haben, wie sie heimlich eine Weltregierung bilden und die Weltherrschaft übernehmen könnten. Die Protokolle der geheimen Weltverschwörung der Juden sollen Geheimdienstleuten in die Hände gefallen sein. In Wirklichkeit wurden die Protokolle von Antisemiten zu politischen Propagandazwecken erfunden, wie Gerichte einwandfrei festgestellt haben.

Trotzdem hat sich Hitler auf diese gefälschten Protokolle gestützt, um den Holocaust zu legitimieren. Er begründete den Zweiten Weltkrieg unter anderem damit, er müsse die geheime Weltregierung der Juden zerschlagen und sie ausrotten, um die Welt endlich vom Bösen zu befreien.

Fundamentalistische Christen konnten ihre Ressentiments gegenüber den Juden bis heute nicht überwinden. Der Neid auf das von Gott auserwählte Volk schwingt immer noch nach. Er wird genährt vom Zorn, dass dieses angeblich unbelehrbare Volk Jesus gekreuzigt hat und bis heute noch nicht als den Sohn Gottes und Messias anerkennt.

Es ist deshalb kein Zufall, dass die Gläubigen in den katholischen Kirchen bis in die Neuzeit
in den Gottesdiensten dafür gebetet haben, dass sich die Juden zum Christentum bekehren und Jesus anerkennen mögen.

Dieser politische und rassistische Affront wurde erst durch das 2. Vatikanische Konzil in den 1960-er Jahren beseitigt

Doch der erzkonservative Erzbischof Marcel Lefebvre schluckte den Beschluss nicht, weshalb er sich mit seinen reaktionären Bischöfen und Priestern der Pius-Priesterbruderschaft von der katholischen Kirche trennte.

2007 hat Papst Benedikt, der früher als radikaler Sittenwächter der katholischen Kirche gefürchtet war, die lateinische Messe wieder zugelassen. Hatte er sich am Anfang seines Pontifikates versöhnlich und gemässigt geben, zeigt er nun wieder sein wahres reaktionäres Gesicht. Ausdruck davon ist eben auch die Rehabilitierung der Lefebvre-Bischöfe. Er verbrüdert sich damit mit einem Holocaustleugner und nimmt es in Kauf, dass er die katholische Kirche in eine Krise stürzt. Seine reaktionäre Gesinnung und die Wahrung der Reinheit der katholischen Lehre sind ihm offensichtlich wichtiger als der Friede in seiner Kirche.