Es ist monströs, was Menschen ihren Artgenossen antun können. Täglich berichten die Medien von unvorstellbaren Gräueltaten, Gewaltverbrechen, Folterungen. Auch wenn wir es oft verdrängen: Das Böse ist tief in uns verwurzelt, viele sind bereit, andern ein Leid anzutun. Dabei neigen nicht nur grobschlächtige oder sadistische Menschen dazu, ander zu quälen, sondern auch „gewöhnliche“ Personen.
Der Holocaust ist das eindrücklichste Beispiel in der jüngeren Geschichte. Viele „brave“ Bürger schickten unzählige Juden erbarmungslos in den Tod. Inquisition und Hexenverbrennungen sind entsprechende Ereignisse auf früheren Zeiten.
Das Phänomen hat Wissenschafter immer wieder beschäftigt. Es gibt viele Erklärungsversuche, Untersuchungen, wissenschaftliche Studien und Bücher über die Gewaltbereitschaft von Menschen. Das vielleicht eindrücklichste Experiment hat Stanley Milgram 1963 durchgeführt.
Ausgangslage war eine Prüfungssituation. Ein Professor stellte einem Studenten Fragen. Die Testpersonen amteten als Gehilfe des Lehrers. Gab der Student eine falsche Antwort, forderte die Autoritätsperson den Probanden auf, dem Prüfling einen Stromstoss zu versetzen. Bei jeder falschen Antwort wurde die Dosis erhöht. Bald zuckte und schrie der Student.
Das Ergebnis: Mehr als 60 Prozent der Versuchspersonen folterten den Studenten beinahe zu Tode. (Sie wussten nicht, dass der Student ein Schauspieler war und der Folterstuhl nicht am Strom angeschlossen.)
In den vergangenen 45 Jahren hat sich die Welt massiv verändert. Bildung und Aufklärung sind verbessert worden, Diskussionen um Menschenrechte und Gewaltexzesse haben die Öffentlichkeit sensibilisiert. Heute dürfte es der Professor schwer haben, Testpersonen zu finden, die Unbekannte auf ähnlich brutale Art foltern würden, sollte man meinen.
Ein Trugschluss.
Jerry Burger von der Santa Clara Universität in Kalifornien führte kürzlich ein ähnliches Experiment durch. Da er präzisere Resultate anstrebte, verfeinerte er die Versuchsanlage. Deshalb sind keine direkten Vergleiche möglich. Burger kam aber zu einer ähnlichen Haupterkenntnis wie Milgram: Die Gehorsamsrate der Testpersonen, die bereit sind, Unbekannte zu foltern, war ähnlich hoch wie vor 45 Jahren.
Das Fazit: Zwei Drittel der Menschen foltern lieber Unschuldige als dass sie sich gegen Autoritätspersonen auflehnen. Das bedeutet, dass die Autoritätsgläubigkeit und die Bereitschaft, sich zu unterwerfen, ungebrochen gross ist.
Dieses Resultat lässt sich ein Stück weit auf das Sektenphänomen übertragen: Die Erfahrungen zeigen, dass autoritätsgläubige Personen eher anfällig sind, den Missionsbestrebungen von Sekten zu erliegen. Ganz allgemein ordnen sich solche Menschen autoritären und fundamentalistischen Gemeinschaften eher unter. Es sind mehrheitlich Ich-schwache Personen, die sich radikalen Glaubensgemeinschaften anschliessen.
Oder anders herum: Geistige Unabhängigkeit, kritisches Denken und ein gesundes Selbstwertgefühl schützen am ehesten davor, vereinnahmt und missbraucht zu werden.























