Schweiz


Archiv für Januar 2009

Antisemiten im Schoss der Kirche

hugostamm am Dienstag den 27. Januar 2009

Die Empörung über die Rehabilitierung der Lefebvre-Bischöfe durch Papst Benedikt XVI. ist bis weit in die katholische Kirche gross. Der Entscheid ist ein Schlag ins Gesicht aller Menschen, die Kirchen als Institution von Gläubigen betrachten und nicht als Elfenbeintürme für alte Herren verstehen, die gern in barocken Kathedralen Weihrauch verströmen.

Es ist unverständlich, Holocaustleugner „in den Schoss der Kirche“ zurück zu holen und ihnen eine noch grössere Plattform für ihre unmenschlichen Geschichtsverdrehungen zu bieten. Es ist auch schwer nachvollziehbar, dass der Papst die Rehabilitation von Antisemiten als Akt der Versöhnung versteht, gleichzeitig alle Frauen ausgrenzt, also die Mehrheit der Kirche. Doch müssen wir Ratzinger nicht dankbar sein für die Frieden stiftenden Gesten?

Die katholische Kirche behauptet, der Papst sei von Gott inspiriert und in Glaubensfragen unfehlbar. Also kann man in den Entscheiden des Papstes das Wirken und die Geisteshaltung Gottes erkennen. Wenn wir das Leben des Papstes mit dem Alltag von Jesus vergleichen, sind die Widersprüche aber augenfällig. Jesus wanderte als armer Prediger durch die Lande, kümmerte sich um Arme und Kranke, um Huren. Und warf die Pharisäer aus dem Tempel.

Und der Papst und seine Bischöfe? Sie leben in einer isolierten Männerwelt, kleiden sich am Sonntag in königliche Gewänder und residieren meist in Herrschaftshäusern. Sie repräsentieren die Kirche für das Volk, doch sie haben sich weit davon entfernt, Volkskirche zu sein. Der höhere Klerus im Vatikan ist heute ein geistlicher Eltieclub, der auf feudale Art seinen Privatglauben lebt. Vielleicht würde Jesus die hohen Herren im Vatikan als Pharisäer betrachten.

Es ist bemerkenswert, dass ausgerechnet ein deutscher Papst mit der alten Liturgie wieder dafür beten lässt, dass die Juden sich bekehren lassen. Und dass ein deutscher Papst der Kriegsgeneration einen hohen Würdenträger, der den Holocaust leugnet, wieder mit offenen Armen empfängt. Das ist nicht ein Akt der Versöhnung, das ist eine Handlung, mit der der Papst seine eigene Geisteshaltung offenbart. Die antijüdischen Reflexe sind insofern erstaunlich, als Jesus selbst Jude war.

Ich glaube, wir müssen Ratzinger dankbar sein für seinen „Versöhnungsakt“. Er zeigt uns, welcher Geist im Vatikan herrscht. Es geht Benedikt nicht um die Mitglieder seiner Kirche, sondern um den angeblich reinen Geist der katholischen Lehre. Ein Geist, der auf weltfremde alte Herren zugeschnitten ist, die nicht von dieser Welt sind. Sie haben die Augen verschlossen, als Juden in Deutschland vergast worden waren. Sie rehabilitieren Bischöfe, die die Existenz solcher Kammern des Grauens leugnen. Wo steckt Gott, dass er das Treiben seines Stellvertreters nicht stoppt?

Falsche Bescheidenheit

hugostamm am Sonntag den 18. Januar 2009

Eine der grössten psychologischen Fallen vieler Religionssysteme ist der Absolutheitsanspruch. Dieser führt oft zur Überheblichkeit. Eine Überheblichkeit, die völlig quer zum allgemeinen Anspruch der Bescheidenheit und Demut steht.

Ein Beispiel solcher Widersprüche erlebte ich bei einer Podiumsdiskussion in Basel, bei der über den Film „No Way to Heaven“ diskutiert wurde. Im Film wird ein junger Schweizer porträtiert, der den so genannten Lichtnahrungsprozess absolviert. Dabei geht es darum, den Körper angeblich umzustellen, damit er in Zukunft keine Nahrung mehr benötigt, sondern sich vom „kosmischen Licht“ (Prana) ernähren kann.

In den ersten sieben Tagen nehmen die Hungerkandidaten keine feste Nahrung und keine Flüssigkeit zu sich. Die restlichen zwei Wochen dürfen sie wieder trinken, aber weiterhin nicht essen. Ein gefährliches Prozedere, weil der Körper die mangelnde Flüssigkeit aus den Zellen holen muss. Mit Langzeitschäden muss gerechnet werden.

Die Begründerin des Lichtnahrungsprozesses, Ellen Greve alias Jasmuheen, ihres Zeichens australisches Medium, preist die Rosskur unter anderem als Mittel gegen den Welthunger. Ihre Botschaft: Würden die hungernden Kinder den Lichtnahrungsprozess absolvieren, müssten sie nicht an Hunger sterben.

Mein Einwand beim Podiumsgespräch, es sei zynisch, unterernährte Kinder drei Wochen lang auf Radikaldiät zu setzen, konterte eine Lichtesserin mit einem Argument: Nicht alle Menschen seien spirituell weit genug entwickelt, um den Körper auf Lichtnahrung umstellen zu können.

Fritz, die Hauptperson im Film, beschäftigt sich seit Jahren mit Esoterik und sollte spirituell auf der Höhe sein. Die Kamera verfolgte ihn während des Lichtnahrungsprozesses. Doch der Streifen entlarvt auch Fritz als sterbliches Wesen. Der junge Mann magerte bis auf Haut und Knochen ab. Obwohl er auch in Zukunft ohne Nahrung leben wollte, kehrte er bald wieder in die dumpfe Welt der Esser zurück. Er war so abgemagert und entkräftet, dass er sein Leben retten musste.

Nicht nur Esoteriker entwickeln ein Bewusstsein der Arroganz und Abgehobenheit, auch Angehörige vieler anderer Glaubensgemeinschaften erheben sich mehr oder weniger bewusst über den Rest der Menschheit. Sie glauben, von Gott oder einer kosmischen Instanz auserwählt zu sein, zur geistigen Elite zu gehören, dereinst exklusiv errettet zu werden und unter dem Schutz einer Allmacht zu stehen. Ungläubige oder Andersgläubige werden dadurch zwangsläufig zu Menschen zweiter Klasse degradiert – bewusst oder unbewusst.

Gläubige werden einwenden, es sei jedem unbenommen, auch zum Glauben zu finden und zur crème de la crème zu gehören. So leicht ist es aber nicht. Skeptiker, Agnostiker oder Atheisten wählen ihre Überzeugung nicht „mutwillig“. Sie ist meist das Produkt eines langen Bewusstseinsprozesses.

Die Überheblichkeit vieler Gläubiger stört mich vor allem, weil sowohl in der christlichen Tradition als auch in vielen esoterischen und spirituellen Konzepten Bescheidenheit und Demut zentrale Lehrinhalte sind. Einmal mehr zeigt sich: Zwischen Anspruch und Realität klafft in Glaubensfragen oft eine grosse Diskrepanz.

Was ist ein Leben wert?

hugostamm am Freitag den 9. Januar 2009

Die Diskussion im Blog über den Krieg in Gaza wirft die Frage auf, was ein Leben wirklich wert ist.

Was prägt unsere Einstellung dem Leben gegenüber? Religiöse oder weltanschauliche Kriterien, kulturelle Hintergründe, gesellschaftliche Normen, eigene Erfahrungen, Empathie, Temperament oder biologische Aspekte?

Ein paar Beispiele sollen belegen, wie unterschiedlich wir das Leben an sich oder das Leben einzelner Menschen gewichten.

Das Leben von Soldaten ist in der öffentlichen Wahrnehmung weniger wert als das Leben von Zivilisten. Schliesslich führen Soldaten den Krieg und gehen das Risiko ein, dabei umzukommen. Nur: Die wenigsten Soldaten ziehen freiwillig in den Krieg. Besonders krass ist die Diskrepanz bei Kindern. Unsere Empörung ist besonders gross, wenn israelische Raketen in Gaza Schulkinder oder Spitäler treffen. Oder Raketen der Hamas jüdische Schulen.

Für christliche Fundamentalisten scheint manchmal das ungeborene Leben wichtiger zu sein als ein Menschenleben. Sie gehen auf die Barrikaden, um Schwangerschaftsabbrüche zu verbieten. In den USA wurden schon Ärzte ermordet, die Schwangerschaftsabbrüche durchführten. Mit dem Geld, das die Fundamentalisten für ihre Kampagnen ausgeben, könnten Tausende Kinder vor dem Verhungern gerettet werden. Auch in der Schweiz haben Angehörige von Freikirchen mit politischen Vorstössen mehrfach für den Schutz des ungeborenen Lebens gekämpft.

Christliche Institutionen bekämpfen Organisationen wie Dignitas oder Exit, die schwerkranke Patienten in den Tod begleiten. Mit diesem Geld könnten viele Kinder geheilt werden, die an Malaria oder andern Krankheiten leiden.

Die Frage nach Sinn und Wert des Lebens gehört zu den heikelsten Bereichen der Philosophie und Theologie. Schlüssige antworten habe ich auch nicht. Deshalb stelle ich weitere Fragen.

Verändert ein Glaube generell die Einstellung zum Leben? Wirkt sich die Aussicht auf Reinkarnation oder ein Leben nach dem Tod auf die eigene Lebenseinstellung aus? Nimmt sie sogar die Todesängste? Können gläubige Menschen besser loslassen? Oder klammern sich umgekehrt Skeptiker stärker ans Leben?

Sollten wir das Phänomen Leben mehr vom biologischen Standpunkt aus betrachten? Nach dem Motto: Leben entsteht und strebt vom ersten Moment an dem Verfall und dem Tod entgegen?

Oder braucht es Religionen, um das Leben zu heiligen und in ihm ein göttliches Kraftwerk zu sehen?

Sind moralische und ethische Kriterien nötig, um dem Leben die adäquate Bedeutung beizumessen?

Oder hindern uns religiöse Interpretationen des Lebens dabei, die nötige Gelassenheit und den entsprechenden Realitätsbezug zu gewinnen? Nehmen wir das Leben viel zu wichtig? Sind wir vielleicht nicht nur ein Staubkorn im grossen Universum, bedeutungslos und ersetzbar?