Schweiz


Archiv für Dezember 2008

Der Glaube nährt keinen Hungernden

hugostamm am Mittwoch den 31. Dezember 2008

Eigentlich ist der Jahreswechsel lediglich eine numerische Grösse. Vor gut 2000 Jahren wurde er in unseren Breitengraden noch am 1. März gefeiert, als die Tage länger wurden und die Temperaturen stiegen. Die Römer verlegten ihn dann auf den 1. Januar.

Das Fest hat etwas Zufälliges. Wir können zwar die Einheit eines Jahres nicht verändern, weil dieses an die astronomischen Abläufe gebunden ist, der Jahresbeginn ist aber Definitionssache. Trotzdem macht es Sinn, sich des Zeitrhythmus’ bewusst zu werden. Um uns orientieren zu können, müssen wir das unfassbare Phänomen der Zeit in Portionen einteilen. Nur so kriegen wir wenigstens eine Ahnung, was Zeit bedeutet, kriegen ein Zeitbewusstsein.

Es lohnt sich also durchaus, am Jahresende eine Zeitinsel zu schaffen und inne zu halten. Und uns zu fragen, was sich im unwiderruflich abgelaufenen Jahr alles ereignet hat und was uns das kommende bringen wird.

Die Erfahrungen der Finanzkrise zeigen uns, dass wir in erster Linie „grobstoffliche Wesen“ sind. Ein materielles Ereignis bewegt uns in der Regel wesentlich mehr als geistige oder religiöse Vorkommnisse. Äussere Einflüsse prägen uns oft stärker als übersinnliche. Unser Bewusstsein, unser Geist oder unsere Seele sind abhängig vom Körper. Geistige oder religiöse Betätigungen sind ein Luxus für jene, die sich die Musse dafür nehmen können. Religion ist eine kulturelle Entwicklung und Errungenschaft.

Die meisten Religionen und Glaubensgemeinschaften versuchen, diese Wertehierarchie auf den Kopf zu stellen. Für sie kommt der Glaube an erster Stelle, ihm muss sich alles unterordnen. Das bedeutet, die Lebensenergien auf ein Ziel auszurichten, das ausserhalb dieser Zeit und dieses Raumes liegt. Es besteht die Gefahr, dass sich Gläubige ein Stück weit von der Gegenwart verabschieden, sich aus der Gesellschaft zurückziehen und geistig bereits in den „anderen Dimensionen“ leben.

So wünsche ich mir, dass wir uns im neuen Jahr auf unsere Aufgaben in der materiellen Welt besinnen: Die Erde menschenwürdiger zu gestalten und nicht schon im Geist in den spirituellen Sphären schweben. Dies wird angesichts der bevorstehenden Wirtschaftskrise nötiger denn je. Denn mit dem Glauben kann die Existenz nicht gesichert werden. Glaube gibt den Obdachlosen keine Wärme und den Hungernden keine Kalorien.

In diesem Sinn wünsche ich allen Leserinnen und Lesern sowie allen aktiven Bloggern einen guten Rutsch und ein möglichst konflikt- und angstfreies 2009. Hugo Stamm

Geist der Bergpredigt

hugostamm am Mittwoch den 24. Dezember 2008

Ich tue mich grundsätzlich schwer mit Weihnachten. Was unsere Wohlstandsgesellschaft mit dem Fest der Liebe gemacht hat, ist nicht sonderlich christlich. Die Suizidrate ist in der Weihnachtszeit oft überdurchschnittlich hoch, viele Menschen werden schwermütig und Familienzwists unter dem Christbaum sind häufig. Das Fest der Liebe verkommt immer mehr zur Kommerzorgie. Weihnachten führt uns vor Augen, wie gross die Kluft zwischen Sehnsucht und Wirklichkeit ist: Kriege, politische Konflikte, Streit in Familien gehören zum Alltag, die ersehnte Liebe und der Friede bleiben oft Illusionen.

Auch Religionen und Glaubensgemeinschaften gelingt es nicht, das Böse aus der Welt zu schaffen. Das hat unter anderem damit zu tun, dass sie das Böse vor allem aus religiöser Sicht betrachten. Ich glaube nicht, dass es einen Satan gibt, der das Böse in die Welt bringt. Ich glaube auch nicht, dass der Mensch an sich schlecht ist. Es sind vor allem die ihn umgebenden Systeme und Lebensumstände, die ihn zu dem machen, was er ist. Armut stumpft ab. Wir können von einem Hungernden kein moralisches Empfinden erwarten. Reichtum führt oft zu Gier. Ungerechte Systeme rauben den Leuten das Verantwortungsbewusstsein. Wer Macht ausgeliefert ist, wird aggressiv oder ohnmächtig.

Trotzdem möchte ich Weihnachten benutzen, um für einmal ein paar positive Seiten des christlichen Glaubens zur Diskussion zu stellen.

Dass Jesus in einem Stall geboren wurde, ist zweifellos ein starkes Bild. Herrschern baut man in aller Regel Paläste und kleidet sie in teure Stoffe. Jesus nackt in der Krippe ist hingegen eine Metapher, die Solidarität mit den Armen symbolisiert. (Der Pomp im Vatikan zeigt allerdings, dass vom Geist von Weihnachten nicht mehr viel übrig geblieben ist.)

Ein weiteres Beispiel: Die Nächstenliebe ist zweifellos ein christliches Postulat, das Bewusstsein und Mentalität der abendländischen Welt positiv beeinflusst hat. Einfühlungsvermögen und Rücksichtnahme, wie es das Christentum predigt, haben auch die Entwicklung zur zivilen Gesellschaft gefördert.

Einen weiteren Aspekt erlebte ich auf meiner Indienreise hautnah. Auffällig ist das Gefälle zwischen Süden und Norden. Der Norden, wo die christliche Lehre nicht verbreitet wurde, ist eine Männergesellschaft. Die Frauen schuften sich halb zu Tode und bringen die Familien über die Runden, während die Männer gern das soziale Leben und Nichtstun pflegen. Entsprechend tief ist der Lebensstandard.

Im Süden hingegen hat die christliche Mentalität die Gesellschaft mitgeprägt. Die Frauen haben eine stärkere Position in der Gesellschaft, entsprechend ist auch ihr Selbstwertgefühl. Der grössere Einfluss der Frauen führt auch dazu, dass die Bildung wesentlich besser ist als im Norden. Die Frauen verfügen in der Regel über das grössere Verantwortungsgefühl, sie engagieren sich stärker für das Gemeinwohl als die Männer. Auch wenn ich der Missionierung von Südindien kritisch gegenüber stehe, so hat der christliche Glaube doch einen positiven sozialpolitischen Nebeneffekt erzeugt.

Weihnachten ist auch die Zeit der Besinnung. Es würde der christlich-abendländischen Kultur gut anstehen, sich an den Geist der Bergpredigt zu erinnern. Die sozialen Postulate des Christentums haben nichts an Gültigkeit verloren. Man sollte sie aber nicht nur predigen, sondern versuchen, ihnen nachzuleben.

Ich wünsche allen schöne Festtage. Auf dass sich die Friedenszeichen mehren und die Armut nicht weiter wächst. Hugo Stamm

Welt-Code: Es gibt keinen Gott

hugostamm am Sonntag den 14. Dezember 2008

Begeben wir uns auf eine Zeitreise zurück in die Vergangenheit. Besuchen wir im Jahr 1908 die Bauersfamilie Meisterhans im Emmental. Wir sitzen bei Sonnenuntergang gemütlich vor dem bhäbigen Bauernhaus und erklären der Grossfamilie, wie die Welt heute aussieht.

Zuerst versuchen wir dem Grossvater, der an seiner Tabakpfeife und mit dem ziselierten Metalldeckel zieht, zu vermitteln, was ein Computer ist und wie das Internet funktioniert. Mit dieser magischen Maschine können wir Briefe und Fotos in realtime gratis um die Welt schicken, erzählen wir ihm. Grossvater Meisterhans mustert uns ungläubig. Seine grossen Augen verraten uns, dass er uns für verrückt hält.

Den staunenden Bauerskindern erklären wir das Geheimnis des Fernsehers. Mit diesem Gerät können wir die ganze Welt in unsere Stube holen, schildern wir ihnen. Zum Beispiel können wir live mitverfolgen, wie Roger Federer im Final der Australien Open im Januar 2009 Raphael Nadal vom Platz fegt. Du spinnst, antworten die Kinder wie aus einem Mund.

Wir könnten der Familie Meisterhans eine lange Liste der Wunder moderner Technik aufzählen. Die guten Bauersleute hätten uns bestimmt auch nicht geglaubt, dass wir heute auf den Mars fliegen, Atombomben bauen, Herztransplantationen routinemässig durchführen, den genetischen Code knacken, Tiere klonen usw.

Szenenwechsel. Wir sitzen an einem lauen Sommerabend draussen im Garten und erhalten Besuch von einem unbekannten Mann. Der Fremde erzählt uns, er sei ein Zeitreisender und komme dank der Zeitmaschine aus der Zukunft zu uns. Er sei Historiker und wolle einen authentischen Blick in die Vergangenheit werfen.

„Im Jahr 2089 haben wir es geschafft, den Welt-Code zu knacken“, erzählt er uns. „Das ist eine Formel, mit der wir die zentralen Geheimnisse unseres Universums schlüssig gelüftet haben. Mit ihr können wir den Ursprung des Lebens, das Verhältnis von Raum und Zeit, die Entstehung des Alls und die Ausdehnung des Universums nachweisen. Wir haben der Welt alle wissenschaftlichen Geheimnisse entlockt.“

Nach einer Pause fügt der Zeitreisende an: „Wir mussten dabei auch Eure Götter ins Reich der Illusionen verbannen. Es ist einwandfrei bewiesen, dass es keinen Schöpfer und keine allwissenden Wesen gibt. Wir besuchen zwar immer noch gern Eure monumentalen Kirchen, Tempel und Pagoden, doch sie interessieren uns nur noch als kulturhistorische Gebäude und touristische Sehenswürdigkeiten. Die Reiseführer erklären den Touristen jeweils, es sei unfassbar, was unsere Ahnen aus Aberglauben erbaut hätten.“

„Und“, fragt der aufgewühlte Pfarrer, der bei uns zu Besuch weilt, den Weltreisenden, „glaubt ihr Nachgeborenen seither an nichts mehr? Habt ihr die Glaubensgemeinschaften abgeschafft? Ist eure Welt ohne Gott nicht schrecklich nüchtern und arm? Wird in den Kirchen nicht mehr gebetet? Habt ihr kein Interesse mehr an spirituellen Ritualen und geistigen Entwicklungen? Ihr verkümmert nun sicher seelisch. Und was ist mit dem Lebenssinn, den Lebensinhalten? Die Suizidrate ist sicher dramatisch angestiegen. Wer sorgt nun für Ethik und Moral? Was passiert nach dem Tod?“

Der Zeitreisende schmunzelt und macht eine mehrdeutige Kopfbewegung, bevor er von dannen zieht.

(Ich moechte daran erinnern, dass ich noch bis an Weihnachten abwesend bin und mich leider nicht an der Diskussion beteiligen kann. Ich wuensche allen Bloggern eine gute Zeit und eine spannende Auseinandersetzung mit dem neuen Thema. Liebe Gruesse Hugo Stamm)

Abschied vom absoluten Glauben

hugostamm am Mittwoch den 3. Dezember 2008

“Je mehr ich weiss, desto mehr weiss ich, dass ich nichts weiss.“ Ohne Zweifel ein weiser Spruch. Nicht zu wissen, macht Angst und liefert uns unbekannten Kräften aus. In schwierigen Lebenssituationen führt das Ausgeliefertsein zur Ohnmacht.

Unsere Begrenztheit ist das Kapital der Religionen. Sie erklären uns die Welt auf der spirituellen oder übersinnlichen Ebene und schliessen unsere Wissenslücken in einem besonders sensiblen Bereich. Damit sind Glaubensgemeinschaften eine Versicherung gegen Ängste aller Art, versprechen doch die meisten auch Glück oder Gottes Schutz im Diesseits, also auf der materiellen oder physischen Ebene.

Dass bei den Glaubensgemeinschaften oft auch das „spirituelle Wissen“ auf schiefem Boden steht, belegt die Tatsache, dass es Hunderttausende verschiedene Religionen gibt, die unterschiedliche Weisheiten verkünden. Gemeinschaften, die von sich behaupten, die einzig wahre Heilslehre zu vertreten. Wir können deshalb die Behauptung aufstellen, dass sich alle irren – bis auf eine. Und ob diese die Wahrheit tatsächlich gefunden hat, steht erst noch in den Sternen.

Es gäbe nur einen ehrlichen Weg aus diesem Dilemma: Die Glaubensgemeinschaften müssten eingestehen, dass ihre Heilsvorstellungen auf Annahmen beruhen oder Hilfskonstrukte sind, das Numinose in Worte zu fassen. Oder dass sie ein Versuch sind, übersinnliche Phänomene zu ergründen und das Unergründliche zu erklären. Die geistige Redlichkeit würde verlangen, dass sie Abstand nehmen würden von ihrem Absolutheitsanspruch.

Ich habe im Lauf der Jahre meiner publizistischen Tätigkeit mit vielen Geistlichen und Exponenten kleinerer Glaubensgemeinschaften über ihre Heilsvorstellungen diskutiert. Dabei gaben manche zu, immer wieder von Glaubenszweifeln gepackt zu werden. Gerade die Führungskräfte erleben oft die Grenzen und Widersprüche ihrer einfachen Glaubenssätze und Dogmen.

Dieser Umstand provoziert die Frage, weshalb die Glaubensgemeinschaften nicht zu ihren Zweifeln und Unsicherheiten stehen. Gerade sie als Hüter der moralischen und ethischen Werte müssten dazu stehen, wollen sie nicht ihre Glaubwürdigkeit verlieren.

Warum tun sie es nicht? Ein solches Eingeständnis würde ihre Autorität untergraben und ihre Macht beschränken. Sie würden im Konkurrenzkampf mit andern Religionen Wettbewerbsvorteile verlieren. Ausserdem würden die Pfeiler ihres Glaubens ins Wanken geraten. Zweifel haben, ist das eine. Zweifel zuzugeben, würde ihr Selbstverständnis gefährden und das Selbstwertgefühl tangieren. So könnten Lebenssinn und -inhalt verloren gehen.

Geistliche Würdenträger sind oft Gefangene ihres Absolutheitssystems. Deshalb müssen sie auch an tradierten Dogmen festhalten, die aus heutiger Sicht und nach neuen Erkenntnissen widersprüchlich oder unsinnig sind. Man denke nur daran, wie schwer sich die katholische Kirche tat, bis sie eingestehen konnte, dass sich die Erde um die Sonne dreht und nicht umgekehrt.

Es liegt aber auch an den Gläubigen, dass sich bei den meisten Religionen so wenig bewegt. Die Mitglieder halten gern an der Illusion fest, zur auserwählten Heilsgemeinschaft zu gehören, die den Weg ins Heil kennt und weisen kann. Das Eingeständnis, dass Heilslehren oft aus Mythen und Legenden bestehen, würde den Stellenwert ihrer Gemeinschaft unterminieren. Insofern bilden Glaubensgemeinschaften und Gläubige ein symbiotisches Netz.

(Ich möchte daran erinnern, dass ich bis Weihnachten abwesend bin und mich leider nicht gross an der Diskussion beteiligen kann. Ich wünsche allen Bloggern eine spannende Diskussion und eine gute Zeit.)