Eigentlich ist der Jahreswechsel lediglich eine numerische Grösse. Vor gut 2000 Jahren wurde er in unseren Breitengraden noch am 1. März gefeiert, als die Tage länger wurden und die Temperaturen stiegen. Die Römer verlegten ihn dann auf den 1. Januar.
Das Fest hat etwas Zufälliges. Wir können zwar die Einheit eines Jahres nicht verändern, weil dieses an die astronomischen Abläufe gebunden ist, der Jahresbeginn ist aber Definitionssache. Trotzdem macht es Sinn, sich des Zeitrhythmus’ bewusst zu werden. Um uns orientieren zu können, müssen wir das unfassbare Phänomen der Zeit in Portionen einteilen. Nur so kriegen wir wenigstens eine Ahnung, was Zeit bedeutet, kriegen ein Zeitbewusstsein.
Es lohnt sich also durchaus, am Jahresende eine Zeitinsel zu schaffen und inne zu halten. Und uns zu fragen, was sich im unwiderruflich abgelaufenen Jahr alles ereignet hat und was uns das kommende bringen wird.
Die Erfahrungen der Finanzkrise zeigen uns, dass wir in erster Linie „grobstoffliche Wesen“ sind. Ein materielles Ereignis bewegt uns in der Regel wesentlich mehr als geistige oder religiöse Vorkommnisse. Äussere Einflüsse prägen uns oft stärker als übersinnliche. Unser Bewusstsein, unser Geist oder unsere Seele sind abhängig vom Körper. Geistige oder religiöse Betätigungen sind ein Luxus für jene, die sich die Musse dafür nehmen können. Religion ist eine kulturelle Entwicklung und Errungenschaft.
Die meisten Religionen und Glaubensgemeinschaften versuchen, diese Wertehierarchie auf den Kopf zu stellen. Für sie kommt der Glaube an erster Stelle, ihm muss sich alles unterordnen. Das bedeutet, die Lebensenergien auf ein Ziel auszurichten, das ausserhalb dieser Zeit und dieses Raumes liegt. Es besteht die Gefahr, dass sich Gläubige ein Stück weit von der Gegenwart verabschieden, sich aus der Gesellschaft zurückziehen und geistig bereits in den „anderen Dimensionen“ leben.
So wünsche ich mir, dass wir uns im neuen Jahr auf unsere Aufgaben in der materiellen Welt besinnen: Die Erde menschenwürdiger zu gestalten und nicht schon im Geist in den spirituellen Sphären schweben. Dies wird angesichts der bevorstehenden Wirtschaftskrise nötiger denn je. Denn mit dem Glauben kann die Existenz nicht gesichert werden. Glaube gibt den Obdachlosen keine Wärme und den Hungernden keine Kalorien.
In diesem Sinn wünsche ich allen Leserinnen und Lesern sowie allen aktiven Bloggern einen guten Rutsch und ein möglichst konflikt- und angstfreies 2009. Hugo Stamm





















