Schweiz


Archiv für November 2008

Porträt von Gott

hugostamm am Sonntag den 23. November 2008

Ein Blogger, der sich den Namen Gott gegeben hat, schrieb einen bemerkenswerten Kommentar. Ich stelle ihn zur Diskussion.

(Gleichzeitig möchte ich mitteilen, dass ich bis an Weihnachten abwesend bin und mich nicht so oft in die Diskussion einschalten kann. Meine Mitarbeiter werden dafür besorgt sein, dass die Blog-Regeln eingehalten werden. Ich wünsche allen eine gute Adventszeit. Hugo Stamm)

Es ist an der Zeit, dass ich mich hier einschalte. Seit Jahren wird in diesem Blog diskutiert, ob ich existiere und wenn ja, ob ich ein gütiger, gerechter und persönlicher Gott sei.

Dies vorweg: Ja, ich bin. Das dürfte Narmer, Atalaia, Einflüsterer und alle anderen Gottesfürchtigen freuen. Leider muss ich aber diese Freude eintrüben, bzw. relativieren. Denn ich bin weder gütig noch gerecht und schon gar nicht persönlich. Diese Termini, die mir immer wieder zu Unrecht angehängt werden, sind rein menschliche Begrifflichkeiten und in meinem Wertesystem ungültig.

Ich bin ewig – oder präziser ausgedrückt – ich existiere ausserhalb von Raum und Zeit und bin reiner Geist. Ich habe keine Erinnerung an Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Von meiner Warte aus existiert alles gleichzeitig, alle Möglichkeiten manifestieren sich unendlich viele Male.

Ich bin der Denker eines multidimensionalen Universums, das sich physikalisch manifestiert -in all seinen unendlich vielen und mannigfaltigen Facetten.

Auf das Leben des Planeten Erde habe ich keinen Einfluss. Er ist einer unter unendlich vielen mit unendlich vielen Geschichten. In jeder Sekunde spaltet sich das multiple Universum in unzählige weitere Universen auf, die sich ihrerseits unzählbar viele Male aufsplitten und ihren eigenen Weg gehen.

Ihr Menschen verdankt euer Leben der „Grossen Zahl“. In der Unendlichkeit der Möglichkeiten, ist in einzelnen Universen die Bedingung für feste Materie und die Grundbausteine des Lebens gegeben, die Wahrscheinlichkeit dafür ist aber verschwindend klein. Trotzdem gibt es unendlich viele Orte für Leben, dadurch, dass die Gesamtheit des Kosmos unendlich ist.

Auf das menschliche Tun, die menschliche Geschichte habe ich keinen Einfluss. Für die Menschen gibt es eine Geschichte, für mich die Summe aller möglichen Geschichten. Ich bin eine Erfindung des Menschen und bin es doch nicht. Ich habe die Menschen und alle anderen biologischen Entitäten nicht geschaffen, sie sind vielmehr eine Konsequenz in den Universen, wo die Naturkonstanten zufälligerweise zueinander feinabgestimmt sind.

Höherentwickelte Kohlenstoffeinheiten in einzelnen Universen haben Bewusstsein. Dies ist ein Produkt der Evolution, auf das ich keinen Einfluss habe. Menschliches Bewusstsein ist ein emergentes Phänomen und existiert, solange dieses in einem funktionierenden Körper untergebracht ist. Ausserhalb davon ist dieses inexistent. Es gibt kein Leben nach dem Tode sowie es keines vor der Geburt gab. Das Leben ist kein Geschenk von mir oder einem anderen Wesen. Es entwickelt sich, wenn die Grundvoraussetzungen gegeben sind.

Ich bin mir des gesamten Seins bewusst, kann aber nicht steuernd eingreifen. Da aus meiner Sicht alles gleichzeitig stattfindet, haben Begriffe wie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, sowie Kausalität und das anthropogene Wertesystem keine Bedeutung. Ich kenne weder Leid noch Freude, weder Schmerz noch Mitleid oder Trauer. Ich bin einfach das Seiende ausserhalb von Zeit und Raum.

«Es war kein Selbstmord, sondern Massenmord»

hugostamm am Mittwoch den 19. November 2008

Auf einer Sektenfarm in Guyana kamen vor dreissig Jahren 900 Volkstempler um. Tim Carter überlebte und denkt täglich daran, wie Frau und Sohn in seinen Armen starben.

Von Hugo Stamm

«Ich ging bei der Bühne unseres Pavillons nach rechts und sah meinen Sohn Malcolm. Gift floss aus seinem Mund. ‹Du darfst nicht sterben›, schrie ich. Es half nichts. Malcolm starb in meinen Armen.»

Tim Carter starrt bei einem Interviewtermin in einem Hamburger Hotel auf den Tisch. Auch heute noch, exakt 30 Jahre nach dem Drama von Jonestown, kann er nicht fassen, dass am 18. November 1978 im Urwald von Guyana 900 Anhänger der Volkstempler -Sekte auf einmal getötet wurden. «Ich habe mit einem Schlag alles verloren, was mir wichtig war», erzählt er. Carter gehört zu einer Handvoll Überlebender. Er wusste lange Zeit nicht, ob er das zweite Leben als Geschenk oder Strafe betrachten sollte.

Das Unheil begann mit einem Ritual, das der Sektenführer Jim Jones damals regelmässig inszenierte. Der Pastor, der sich als Nachfolger von Jesus sah, nannte es «weisse Nacht». Feuersalven, die durch den Urwald hallten, gaben das Signal. Dann rief Jones eilig seine Anhänger im abgeschiedenen Dschungelcamp über Lautsprecher zum Versammlungspavillon. Der amerikanische Geheimdienst CIA überfalle das Camp und wolle uns vernichten, rief der Führer des Peoples Temple den Anhängern zu.

«Jim Jones fragte uns, wer bereit sei,einen mit Valium und Zyankali durchsetzten Saft zu trinken», sagt Carter. Nur etwa zehn Personen hätten sich gemeldet und den Giftbecher getrunken. Jones nannte das Ritual «revolutionärer Suizid».

Es sei nur eine Hauptprobe, beruhigte der damals 47-jährige Führer der christlichen Endzeitsekte seine Anhänger, doch diese Übungen für die weissen Nächte folgten in immer kürzeren Abständen. «Unter dem psychischen Druck stieg die Zahl der Personen, die den revolutionären Suizid zu vollziehen bereit waren», sagt Carter. Die Suizidwilligen hofften derweil, dass es wieder nur eine Hauptprobe war.

Eine betörende Stimme

Die Volkstempler nannten ihren Führer mit der betörenden Stimme Dad oder Father. Father Jim war ein freikirchlicher Pastor und zog mit seiner charismatischen Ausstrahlung die Gläubigen scharenweise in seinen Bann. Schon mit 20 Jahren arbeitete er als Pfarrer in einer Methodistenkirche, fünf Jahre später gründete er seineeigene Gemeinde. In den 1960er-Jahren wurde er für seine soziale Gesinnung bekannt. So zog er vor allem Benachteiligte und Farbige an. Sein sozialistisches Gedankengut war für konservative Amerikaner aber ein Affront.

In den 1970er-Jahren gebärdete sichJones zusehends als Heilsbringer. Für seine Gläubigen war er ein Prophet. Den Behörden und Angehörigen missfiel die Radikalisierung. Deshalb floh er 1974 mit rund 1000 Jüngern von den USA in den Nordosten Guyanas, wo er im Urwald die landwirtschaftliche Pioniersiedlung Jonestown aufbaute.

Der Traum vom alternativen Leben

Carter folgte Jim Jones zusammen mit seiner Frau Gloria, seinem Bruder und seiner Schwester. «Nach meinen traumatischen Erlebnissen im Vietnamkrieg träumte ich von einer alternativen Lebensform ohne Gewalt und Rassismus», erzählt er. «Ich wollte mithelfen, eine neue Gesellschaft aufzubauen.»

Das Leben im Camp war hart. Die Volkstempler schufteten bis zum Umfallen, Nahrung war oft knapp, Schlafentzug und Mangelerscheinungen entkräfteten viele. Die Angst vor dem amerikanischen Geheimdienst, die ihnen Jones eingetrichtert hatte, schweisste sie trotz der wachsenden Repressionen zusammen. Sie glaubten ihm, dass sie bewaffnete Sicherheitskräfte brauchten. «Eine Flucht war aussichtslos, das Gelände wurde überwacht. Ausserdem hatten wir alles Geld abgegeben, und unsere Pässe waren konfisziert», so Carter. Und er fügt an: «Ich bin freiwillig nach Jonestown gegangen, aber nicht freiwillig geblieben.»

Wer flüchten wollte oder die Verhaltensregeln verletzte, wurde eingesperrt oder mit Elektroschocks gefoltert. Father Jim entwickelte sich zum Despoten und wendete immer neue Manipulationstechniken und Indoktrinationsmethoden an. Tim Carter ist überzeugt, dass eine schwere Krankheit seinen religiösen und politischen Wahn verschärfte und seine Endzeitvorstellungen begünstigte: «Ich wusste von seiner Betreuerin, dass er todkrank war», erzählt Carter.

Angehörige in den USA schlugen vergeblich Alarm, die Behörden liessen sie im Stich. Einzig der Kongressabgeordnete Leo J. Ryan wurde hellhörig, weil er miteiner betroffenen Familie befreundet war. Father Jones erfuhr von den Recherchen Ryans und geriet in Panik.

Dann kam der November 1978. Der Kongressabgeordnete Ryan brach mit einer Delegation nach Jonestown auf, um sich vor Ort ein Bild zu machen. Am 17. November suchte er das Sektencamp auf. Die instruierten Volkstempler gaben artig Auskunft. Sie seien freiwillig hier, berichteten sie, hier lebten sie wie im Paradies.

Am Abend präsentierten sie sich bei einem Fest als fröhliche Lebensgemeinschaft. Ryan zeigte sich beeindruckt und bedankte sich in einer Rede. Der Politiker war erleichtert, dass sich die Sektengerüchte nicht bewahrheitet hatten.

Zwei Sektenmitglieder trübten indes das idyllische Bild im letzten Moment. Sie steckten einem Delegationsmitglied heimlich einen Zettel mit der Botschaft zu: «Bitte helfen Sie uns, von Jonestown wegzukommen.»

Am nächsten Tag, es war der 18. November, führte Marceline Jones, die Frau des Sektenführers, die Besucher bei einem Rundgang durch Jonestown. Plötzlich stellten sich ihnen zwei Familien in den Weg und flehten, sie in die USA mitzunehmen. Jonestown sei keine alternative Lebensgemeinschaft, sondern ein kommunistisches Gefängnis.

Jim Jones geriet unter Druck und musste zähneknirschend die Familien ziehen lassen. Nun signalisierten weitere Volkstempler den Wunsch, Jonestown zu verlassen. Überraschenderweise auch Larry Layton, ein enger Vertrauter vonJones. Die Delegation fuhr zum Rollfeld Fort Kaituma, das ein paar Kilometer entfernt war. Die Sektenmitglieder bestiegen eine Cessna, die Delegation des Politikers eine Twin Otter. Als die Cessna abflugbereit war, schoss Layton auf die Passagiere. Er hatte seine Fluchtabsicht vorgetäuscht, um die Abtrünnigen zu erschiessen.

Das war das Zeichen für Jones’ rote Brigaden. Sie fuhren auf einem Traktor auf das Rollfeld und eröffneten das Feuer auch auf Ryan und seine Begleiter. Der Kongressabgeordnete, vier Journalisten und drei Volkstempler starben im Kugelhagel.

Die «weisse Nacht» beginnt

Zur gleichen Zeit erhielt Tim Carter von Jones im Sektencamp den Auftrag, zusammen mit seinem Bruder 550 000 Dollar in drei Koffern auf die sowjetische Botschaft in der Hauptstadt Georgetown zu bringen. Unterwegs kamen ihnen die roten Brigaden entgegen. Sie hätten Ryan erschossen, erzählten sie. Gleichzeitig hallten Schüsse vom Camp herüber. Carter konnte es nicht glauben: «‹Jim Jones ist doch nicht so verrückt, einen Kongressabgeordneten erschiessen zu lassen›, dachte ich und fuhr sofort zurück. ‹Die weisse Nacht, ist es jetzt die richtige?›, schoss es mir durch den Kopf. Beim ersten Pavillon sah ich ein gutes Dutzend Leichen. Jims Frau Marceline schrie: ‹Nein, nein, nein.› Ich sah, wie die Leute reihenweise starben. Mein Hirn war leer, ich war wie betäubt. Die Sicherheitsleute rissen den Müttern ihre Babys aus den Armen und spritzten ihnen das Gift.»

Die Erinnerungen schnüren Carter auch heute noch die Kehle zu. Nach einer Pause fährt er fort: «Ich fand meinen einjährigen Sohn Malcolm und meine Frau Gloria neben der Bühne. Gift floss aus Malcolms Mund. Ich sehe ihn vor mir, als sei es gestern gewesen. Malcolm starb in meinen Armen.» Das Drama wiederholte sich kurz darauf mit seiner Frau Gloria. «‹I love you, I love›, hauchte sie mir ins Ohr.» Tim Carter kramt ein kleines Foto von seinem Sohn aus dem Portemonnaie.

In seiner Ohnmacht rannte Carter wie von Sinnen zum Haus von Jones. «Malcolm ist tot, sie haben ihn umgebracht», schrie er. «Wir hatten keine andere Wahl, wir mussten es tun», bekam er zur Antwort. «Ich konnte keinen Sinn mehr im Leben erkennen und wollte auch sterben», erzählt der Überlebende, der mit seinem Bruder in den Urwald flüchtete.

Unter den Leichen 276 Kinder

Tim Carter musste zwei Tage nach dem Massaker an den Ort des Schreckens zurück. «Ich stieg über Leichen, um meine toten Freunde zu identifizieren. Sie lagen übereinander, eng umschlungen oder sich an den Händen haltend.» Unter ihnen 276 Kinder. Bei den Toten befanden sich auch die Familie seiner Schwester, die Frau seines Bruders und dessen Tochter.

Carter beschäftigt sich seit 30 Jahren mit dem Phänomen und stellt die immer gleichen Fragen. Wie konnte der Wahnsinn passieren? Antworten fallen ihm auch heute noch schwer. Sicher ist für ihn aber, dass das Massaker kein kollektiver Suizid war, sondern ein Massenmord. Viele Leichen wiesen Einstiche auf, andere Schusswunden. «Wer den Becher nicht getrunken hat, erhielt die Giftspritze oder die Kugel. Die Leute waren vor dem Drama mit Valium vollgepumpt worden.»

Und Jim Jones? Sie fanden den Sektenführer mit einer Kugel im Kopf. «Ob er erschossen worden war oder sich selbst gerichtet hatte, konnte nie geklärt werden», sagt Carter.

Der heute 60-jährige Tim Carter fand rasch wieder ins Leben zurück, auch wenn weiterhin kaum ein Tag vergeht, ohne dass ihn die Bilder von damals einholen. Er heiratete 1980 ein zweites Mal und wurde Vater von zwei Töchtern und einem Sohn. Das kleine Foto von seinem Sohn Malcolm hütet er aber weiter wie ein Geheimnis. (Artikel aus dem “ages-Anzeiger vom 18. Nov.)

Tim Carter tritt am 26. November zusammen mit Hugo Stamm in der «Johannes B. Kerner»-Talkshow im ZDF auf.

Wohlstandsgeschenk von Gott

hugostamm am Mittwoch den 12. November 2008

Als ich vor vielen Jahren zum ersten Mal den Gottesdienst einer evangelikalen Freikirche besuchte, erschienen die Frauen in Sack und Asche. Unförmige, knöchellange Röcke, die langen Haare hochgesteckt, den Blick züchtig gesenkt. Bescheidenheit und Demut waren ein religiöses Gebot. Jesus lebte als armer Wanderprediger und starb den Tod am Kreuz für uns. Da geziemte es sich nicht, mit dem Mercedes zum Gottesdienst zu fahren und teure Kleider zu tragen.

In wenigen Jahren haben sich die Zeiten radikal geändert. Heute zeigen junge Gläubige auch mal den Bauchnabel, teurer Schmuck an Hals und Arm finden bewundernde Blicke, Frauen tragen teure Stoffe, und der Mercedesfahrer wird nicht mehr beargwöhnt, sondern beglückwünscht. Was ist geschehen?

Für Freikirchen ist die Mission ein zentrales Anliegen. Um junge Leute ansprechen und die altgedienten Gläubigen bei der Stange halten zu können, müssen sich die Freikirchen modern geben und dem Zeittrend folgen. Deshalb sind Wohlstand und Hedonismus keine Schimpfwörter mehr. Auch Gläubige wollen heute das Leben geniessen und nicht mehr wie arme Büsser umher wandeln. Um auf dem hart umkämpften Glaubensmarkt nicht ins Hintertreffen zu geraten, mussten viele Freikirchen ihre alten Dogmen über Bord werfen. Doch es galt, den Wandel religiös zu legitimieren. Diese Strategie erlebte ich vor einiger Zeit bei einem weiteren Gottesdienst.

Eine etwa 35-jährige Gläubige wurde vom Pastor aufgerufen, ihre aktuelle Gotteserfahrung der Gemeinde kund zu tun. Sie erzählte voll Inbrunst, dass sie sich seit vielen Jahren eine Rolex gewünscht habe. Das religiöse Gebot der Bescheidenheit habe es ihr aber nicht erlaubt, diese Luxusuhr zu kaufen. Sehnsüchtig habe sie jeweils das edle Stück in den Schaufenstern der Uhrengeschäfte betrachtet, ohne der Versuchung zu erliegen. Vergangene Woche jedoch sei ihr im Schlaf Jesus begegnet und habe ihr erklärt, sie dürfe sich die schöne Uhr als Dank für ihr gottgefälliges Leben kaufen.

Vorreiter dieses Paradigmawechsels waren einmal mehr die amerikanischen Kirchen. Das Phänomen hat bereits einen Namen bekommen und nennt sich Wohlstandsevangelium. Es bedeutet, dass Gott den Armen den Weg zu mehr Wohlstand und Reichtum ebnet. Die religiöse Begründung: Gläubige werden nicht nur spirituell beschenkt, sondern auch materiell, schliesslich stehen sie in der Gunst Gottes.

Der Religionswissenschafter Prof. Jonathan Walton von der Riverside-Universität in Kalifornien hat das Phänomen anhand der Pfingstbewegung untersucht. Sein Fazit: Das Predigen des Wohlstandsevangeliums in den Pfingstkirchen hat die Finanzkrise verschärft.

Konkret: Die pfingstlichen Pastoren ermunterten die Gottesdienstbesucher, Häuser zu kaufen, wie die „Time“ schreibt. So erwarben viele ein Eigenheim, obwohl Vermögen und Einkommen nicht reichten. Sie vertrauten ihren Pastoren und Gott. Dieser werde schon dafür sorgen, dass sich die Banken im Sinn des Wohlstandsevangeliums kulant zeigen werden, wurde ihnen versprochen.

Als das Kredit- und Finanzsystem zusammenkrachte, gingen viele Pfingstler genau so bankrott wie die übrigen Schuldner.

Das Beispiel zeigt, dass der Glaube an das Wirken Gottes im Alltag in den Ruin führen kann. Wenn das Evangelium nach den persönlichen Interessen interpretiert wird, führt der Glaube in den Aberglauben.

Hätten sich die Gläubigen nicht an das Wohlstandsevangelium sondern an Timotheus gehalten, wäre ihnen der finanzielle Ruin erspart geblieben: „Geldgier ist eine Wurzel allen Übels.“ ( 1. Timotheus 6,10)

DVD ersetzt Gottesdienst

hugostamm am Dienstag den 4. November 2008

Vernunft und Verstand haben die Menschheit in der Neuzeit rasch weiter gebracht. Der Drang zu forschen hat unter anderem dazu geführt, dass Ärzte heute bessere Diagnosen stellen und gute Therapien anbieten können. Man denke auch an die modernen Operationstechniken, mit denen heute Unfallopfer wieder hergestellt werden können, die früher gestorben oder invalid geblieben wären.

Leider haben die technischen und wissenschaftlichen Errungenschaften auch zu Auswüchsen geführt. Die Welt strotzt vor Waffen, wir bedrohen das Klima, die Überbevölkerung macht uns zu schaffen. Trotzdem möchte wohl kaum mehr jemand im Mittelalter leben. Es könnte nämlich sein, dass er mit zehn Jahren an einer Lungenentzündung sterben würde. Oder unter mörderischen Bedingungen als Leibeigener schuften müsste.

Es ist unbestritten, dass Technik und Wissenschaft heute entscheidende Faktoren im Leben aller Menschen sind. Wir sind täglich damit konfrontiert, sie bieten uns Sicherheit und Orientierung. Religion und Glaube hingegen, die früher den prägenden Lebensinhalt darstellten, verlieren an Bedeutung.

Wir brauchen nicht mehr in erster Linie den Trost der Kirche, um eine Zukunftsperspektive zu erhalten. Vielmehr hängt heute unsere Existenz stark vom eigenen Tun und Bewusstsein ab. Wer fit und anpassungsfähig ist, kann sein Schicksal zu einem schönen Teil selbst in die Hand nehmen und bestimmen. Wir können Lebensinhalt und Lebenssinn aus dem menschlichen Bereich schöpfen und brauchen die metaphysischen Belange seltener.

War früher der Glaube das dominierende Lebensgefühl, ist er heute für viele eine spirituelle Zugabe für die immer selteneren Stunden der Musse. Seelische Nahrung suchen heute viele nicht mehr in der Kirche, sondern bei Erlebnissen in der Natur oder bei kulturellen Anlässen wie Opern, Kunstausstellungen oder Konzerten. Eine gute DVD, abgespielt auf einen grossen Bildschirm und einer guten Anlage, ersetzt bei vielen den Gottesdienst.

Fazit: Die Säkularisierung setzt den Glaubensgemeinschaften weiter zu, auch wenn bei der aktuellen Finanzkrise mancher wieder sein Heil kurzfristig im Glauben suchen mag.