Schweiz


Archiv für September 2008

Absurder Konkurrenzkampf

hugostamm am Dienstag den 30. September 2008

Auf meiner Reise in Brasilien habe ich den religiösen Konkurrenzkampf hautnah miterlebt. Das besondere Merkmal: Unzählige Glaubensgemeinschaften kämpfen auf engem Raum mit dem gleichen Produkt um die begrenzte Kundschaft.

Konkret: Selbst in kleinen Ortschaften finden sich mehrere Kirchen oder Gebetsräume von Freikirchen. Und alle verkünden die gleiche Botschaft. Doch alle tun so, als sei das Heil nur bei ihnen zu finden.

Christliche Freikirchen spriessen im armen Brasilien noch üppiger als in der Schweiz. Tür an Tür kämpfen die Pastoren um die Seelen der Dorfbewohner, als sei der eine der Feind des andern. Dabei predigen sie das gleiche, der eine nur etwas lauter als der andere. Ein groteskes Schauspiel. Statt sich zusammenzuschliessen, bekämpfen sich die Gemeinden. Der Grund ist einfach: Es geht um Geld und Macht der Prediger. Siehe die Diskussion im letzten Beitrag.

Auffallend dabei ist, dass beispielsweise das schönste Gebäude in Flecheiras, gut 100 Kilometer nördlich von Fortaleza an der Nordostküste, das Gotteshaus einer Freikirche ist. Es steht mitten im Dorf, umrahmt von ärmlichen Behausungen der Fischer. Während die Gläubigen kaum mehr Fische in ihren Netzen finden, residiert der Pastor vornehm an bester Lage. Genährt vom Zehnten der armen Fischer, die auch die schöne Kirche finanzieren.

Die Fischer suchen Trost in der Kirche. Sie erhoffen sich – wie es die Bibel verheisst und der Pastor predigt – ein besseres Leben im Jenseits. Nach dem Tod sollen sie belohnt werden für die Trübsal im Jammertal.

Diese christliche Mentalität fördert den Fatalismus. Der Glaube an die Erlösung im Jenseits führt zur Ohnmacht. Die armen Fischer kämpfen nicht auf der politischen Bühne für menschenwürdigere Umstände, sondern lassen sich in der Kirche vertrösten und hinhalten. Der Glaube fördert die Entpolitisierung. Dies gefällt den Mächtigen, die ungestörter ihren Machtdrang ausleben und die ungerechten Verhältnisse zementieren können.

Welch absurde Blüten der Konkurrenzkampf unter den Freikirchen treibt, erlebte ich in Jericoacoara, 400 Kilometer nördlich von Fortaleza. Das entlegene Fischerdorf ist zu einem Touristenmekka geworden, das Hippies in den 1980-er Jahren entdeckt hatten. Hier tummeln sich heute auch viele Windsurfer und Surfer, denn ein konstanter Wind und Wellen verwöhnen die Brettkünstler.

Eine Freikirche hat sich darauf spezialisiert, die Surfer zu missionieren. Vor der Kirche stehen zwei Surfbretter mit der Aufschrift „Jesus the 1st surfer“. Kleber mit dem gleichen Spruch prangen an den Pinboards der Surfschulen, versehen mit dem Hinweis: „Matthäus 14:25“. Man ahnt, was es damit auf sich hat: „Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem Meer.“ Der Pastor hat keine Ahnung vom Surfen. So wenig, wie es Jesus hatte, als er umständlich über das Wasser marschierte.

Surfbrett als Missionsinstrument

Machtdrang – Geissel der Menschheit

hugostamm am Montag den 22. September 2008

Der Machtdrang ist wohl die grösste Geissel der Menschheit. Unterdrückung, Ausbeutung, sexueller Missbrauch sind oft Auswüchse eines unkontrollierten Machttriebs einzelner Menschen. Gewaltverbrechen und Kriege gehen meist auf das Konto von Männern, die sich erst dann spüren und lebendig fühlen, wenn sie ungehindert Macht ausüben können. Je kapitaler der Machtakt, desto grösser ihre Befriedigung.

Hitler fühlte sich unsterblich, als die ersten Länder wie Dominosteine fielen und er das Dritte Reich beim Studium der Weltkarte über den ganzen Globus ausbreiten sah. In solchen Momenten hatte er Allmachtsphantasien und fühlte sich als Gott.

Es gibt vor allem drei Bereiche institutionalisierter Machtsphären. Die Wirtschaft, der Staat und radikale Glaubensgemeinschaften. Ihr Hauptmerkmal: Expansionsgelüste.

Demokratische Staaten haben eine Kultur entwickelt, die den Machtdrang der Politiker zügeln soll. In der Wirtschaft gilt immer noch hemmungslos das Motto: Alle Macht den Grossen und Reichen. Expansion gilt als sexy und macht CEOs mächtig und reich. Glaubensgemeinschaften missionieren, um ihren Einflussbereich zu vergrössern. Sie suchen die Macht über die Seelen der Gläubigen. Um ihre Macht besser ausbauen zu können, versuchen manche Religionsführer, politischen Einfluss zu gewinnen. Solche Auswüchse erleben wir bei islamistischen Phänomenen.

Am besten können wir das hemmungslose Machtstreben bei Sekten studieren. Die grundlegende Erkenntnis: Ohne den Machtdrang eines Einzelnen gäbe es keine Sekten. Es ist immer eine Einzelmaske, die eine Religionsgemeinschaft gründet. Der Machtanspruch von Sektengründern, Gurus und selbst ernannten Propheten ist umfassend. Sie beherrschen das gesamte Bewusstsein ihrer Anhänger. Sie schüren Ängste, wecken eine unstillbare Sehnsucht, isolieren die Gläubigen mit gruppendynamischen Prozessen vom angestammten sozialen Umfeld und entfremden sie von der Realität. Das Resultat ist bekannt: Abhängigkeit, Verlust des Selbstwertgefühls und des Selbstbestimmungsrechts. Sektenführer bestimmen letztlich Handeln, Denken und Fühlen ihrer Anhänger. Im Extremfall opfern die Gläubigen in seinem Namen ihr Leben.

Woher stammt der Machtdrang? Machthungrige Männer, in selteneren Fällen auch Frauen, haben Defizite in der Gemütsausbildung. Es fehlt ihnen an Einfühlungsvermögen. Oft entwickeln sie ein egomanes Verhalten. In extremen Fällen zeigen Machtmenschen psychische Auffälligkeiten oder sind seelisch krank. Kein ausgeglichener Mensch hat einen übersteigerten Machtdrang. Denn das Leben als Machtmensch ist oft die Hölle. Gesunde Lebensfreude kennen sie nicht.

Wir dürfen uns aber nicht beklagen, denn wir autoritätsgläubigen und manipulierbaren Herdentiere geben den Machtmenschen ihre Macht. Frei nach dem Motto: Nur die dümmsten Kälber…

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Ich möchte daran erinnern, dass ich noch bis Ende September abwesend bin und mich leider nicht an der aktuellen Diskussion beteiligen kann.

Als Gott den Satan schuf

hugostamm am Sonntag den 14. September 2008

Gott hatte einen schwachen Moment, als er den Satan auf die Weltbühne hievte. Er ist zwar der Schöpfer des Universums und allen Seins, gleichzeitig kreierte er seinen eigenen Widersacher. Es bleibt wohl sein Geheimnis, weshalb er sich den eigenen Feind schuf und ins Haus holte. Und damit seinen geliebten Erdenkindern, die er aus Güte nach seinem Ebenbild formte, die Pest an den Hals hetzte.

Nimmt man die Bibel wörtlich, muss man davon ausgehen, dass Gott dem Satan die Welt als Spielwiese überlassen hat. Schliesslich soll bei der apokalyptischen Reinigung der Dämon vertrieben und die Erde wieder in ein Paradies verwandelt werden. Alles Übel der Erde stammt also von ihm, dem Geschöpf Gottes.

Hier offenbart sich ein weiteres fundamentales Paradox der Bibel. Einerseits stehen die Gläubigen unter dem Schutz von Jesus, andererseits lässt Gott den Satan gewähren. Manchmal erweckt die Bibel gar den Eindruck, als sei Gott machtlos gegenüber seinem Widersacher. Einmal mehr stellt sich die Frage nach der Kompetenz und den Einflussmöglichkeiten von Gott.

Aus psychologischer Sicht ist die Metapher des Satans verhängnisvoll. Der christliche Glaube siedelt das Böse ausserhalb des menschlichen Bewusstseins an. Wer ehrlich zu sich selbst ist und ein wenig analytischen Verstand besitzt, erkennt, dass Aggressionen und Versuchungen nicht von einer schrägen Figur mit Pferdefuss stammen, sondern in unserem Bewusstsein angelegt sind.

Der Mensch züchtet das Böse selbst, er braucht dazu keinen Dämon. Strukturelle Gewalt, traumatische Kindheitserfahrungen, Erziehung und Lebensumstände entscheiden über weite Strecken, ob wir mit unseren Aggressionen sinnvoll umgehen können. Es ist als satter Schweizer einfach, nicht zu stehlen. Wer in Elendsgebieten ums Überleben kämpft, ist oft gezwungen, seine Existenz unter Einsatz von Aggressionen und Gewalt zu sichern.

Wer an den Satan als Urheber des Bösen glaubt, gibt die Verantwortung ab und kann sich nicht emanzipieren. Ich werde nicht aggressiv, weil ich sündig geworden bin und der Satan ein Einfallstor gefunden hat, sondern weil ich mit meinen dunklen Seiten nicht umgehen, sie nicht in mein Bewusstsein integrieren kann. Wer an den Leibhaftigen glaubt, spaltet Teile seines Bewusstseins ab und ist den dunklen Kräften erst recht ausgeliefert.

Was den Satan betrifft, ist der christliche Glaube lebensfeindlich. Psychologisches Basiswissen zeigt, dass die Bibel zu einer Zeit geschrieben worden ist, als der Mensch von Geisteswissenschaften kaum eine Ahnung hatte. Da haben die Okkultisten mehr psychologisches Geschick, indem sie das Böse nicht abspalten, sondern als Teil des Seins akzeptieren. Leider machen sie dabei den kapitalen Fehler, dem Bösen eine göttliche Kraft beizumessen.

Die Lust am Weltuntergang

hugostamm am Freitag den 5. September 2008

Die meisten Glaubensgemeinschaften und Sekten pflegen apokalyptische Vorstellungen, die tief in ihrer Heilslehre verankert sind. Der drohende Untergang der Welt ist bei ihnen kein physikalisches, geophysisches oder astronomisches Ereignis, sondern ein religiöses. Nicht kinetische Energie wird das Ende des Planeten Erde bewirken, sondern spirituelle und religiöse Kräfte oder Instanzen sollen die Erde aus dem Gleichgewicht bringen.

Der Zeithorizont der beiden Konzepte driftet weit auseinander. Wissenschafter kommen zum Schluss, dass die Erde noch rund vier Milliarden Jahre lang Bestand haben wird. Aus der menschlichen Perspektive ein unendlich fernes Ereignis, das uns nicht zu kümmern hat. Die Religionsgemeinschaften hingegen prognostizieren ein wesentlich kürzeres Zeitfenster.

Konkret: Je enger das Glaubensverständnis und je radikaler der Glaube, desto näher liegt das apokalyptische Finale. Fundamentalisten sind überzeugt, dass das Ende kurz bevor steht und wir in den letzten Tagen leben. Sie sehnen sich förmlich danach und möchten die Vollendung der Heilsgeschichte live miterleben.

Eine fatale Geisteshaltung. Strenggläubige richten ihr Bewusstsein auf das Jenseits aus und entwickeln apokalyptische Sehnsüchte. Die diesseitige Welt wird unbedeutend, entscheidend sind nur metaphysische Aspekte. Die diesseitige Welt wird als Gegenspieler des Jenseits betrachtet, manchmal gar als Bedrohung. Wer sich geistig auf das Jenseits ausrichtet, entfremdet sich von der realen Welt.

Wie verhängnisvoll apokalyptische Spekulationen sein können, zeigen die Zeugen Jehovas. Wie viele andere Freikirchen durchforsten auch sie die Bibel und suchen sie nach offenen und versteckten Botschaften zur Endzeit ab. Tatsächlich wird darin an verschiedenen Stellen beschrieben, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit Jesus Christus wiederkehren und den Antichristen besiegen wird. Es gibt sogar vage Zeitangaben, die viel Interpretationsspielraum zulassen. So stellen viele Gläubige folgende Rechnung an: Vor rund 6000 Jahren sind Adam und Eva aus dem Paradies verbannt worden, vor 4000 Jahren hat Abraham gelebt und vor 2000 Jahren Christus. Das nächste Grossereignis sollte nach weiteren 2000 Jahren – also in unseren Tagen – über die Bühne gehen. Eben die Wiederkunft von Christus und das Weltende.

Nur: In der Bibel spielt die Zahl tausend eine ganz bestimmte Rolle und darf nicht absolut genommen werden. Im Altertum war die Zahl tausend ein Synonym für etwas unfassbar Grosses. Die gewöhnlichen Leute konnten damals nicht rechnen, ihnen fehlte das Abstraktionsvermögen, um grosse Zahlen zu erfassen und sich eine Vorstellung von ihnen zu machen.

Die Bibel nennt weitere Anzeichen für die Endzeit. Kriege werden das Weltende begleiten, Despoten regieren, Umweltkatastrophen sich ereignen. Ausserdem soll der Antichrist vermehrt sein Unwesen treiben und babylonische Verwirrung stiften. Alles Zeichen, die wir in unserer Zeit ausmachen können. Für die Fundamentalisten ist somit klar, dass wir in den letzten Tagen leben.

Das ist fatal, wie die Zeugen Jehovas demonstrieren. Sie nannten schon fünf Mal konkrete Endzeitdaten. Die Gläubigen bereiteten sich stets auf Harmagedon vor, doch es passierte nichts. Noch heute gibt es Gläubige, die keinen Beruf lernen, weil sie glauben, das Gelernte nicht mehr anwenden zu können. Oder sie verzichten auf Kinder, weil die Endzeit vor der Tür steht.

Das ist ein Glaube der Angst, der Einschüchterung. Wer an solche apokalyptische Szenarien glaubt, kann nie ein freier Mensch werden. Er ist fremdbestimmt und lässt sich manipulieren. Viele Gläubige entwickeln dabei eine seltsam morbide Lust am Grauen oder gar Todessehnsüchte. Sie hoffen, dass dann die Ungläubigen endlich bestraft werden.

Das Beispiel zeigt, dass extreme Glaubensvorstellung gefährlich sind für die Persönlichkeitsbildung. Es braucht eine gesunde Mischung von Glauben und säkularem Bewusstsein, sonst wird Religion zur Fessel. Die apokalyptischen Vorstellungen machen auch deutlich, dass radikaler Glaube nicht kompatibel ist mit einem sinnvollen säkularen Leben.

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Ich bin in den nächsten drei Wochen abwesend und habe selten Zugang zum Internet. Der Blog wird aber nicht tangiert. Allerdings werde ich keine Fragen beantworten können. Ich bitte um Verständnis und wünsche allen eine gute Zeit und spannende Diskussionen.

Liebe Grüsse Hugo Stamm