Auf meiner Reise in Brasilien habe ich den religiösen Konkurrenzkampf hautnah miterlebt. Das besondere Merkmal: Unzählige Glaubensgemeinschaften kämpfen auf engem Raum mit dem gleichen Produkt um die begrenzte Kundschaft.
Konkret: Selbst in kleinen Ortschaften finden sich mehrere Kirchen oder Gebetsräume von Freikirchen. Und alle verkünden die gleiche Botschaft. Doch alle tun so, als sei das Heil nur bei ihnen zu finden.
Christliche Freikirchen spriessen im armen Brasilien noch üppiger als in der Schweiz. Tür an Tür kämpfen die Pastoren um die Seelen der Dorfbewohner, als sei der eine der Feind des andern. Dabei predigen sie das gleiche, der eine nur etwas lauter als der andere. Ein groteskes Schauspiel. Statt sich zusammenzuschliessen, bekämpfen sich die Gemeinden. Der Grund ist einfach: Es geht um Geld und Macht der Prediger. Siehe die Diskussion im letzten Beitrag.
Auffallend dabei ist, dass beispielsweise das schönste Gebäude in Flecheiras, gut 100 Kilometer nördlich von Fortaleza an der Nordostküste, das Gotteshaus einer Freikirche ist. Es steht mitten im Dorf, umrahmt von ärmlichen Behausungen der Fischer. Während die Gläubigen kaum mehr Fische in ihren Netzen finden, residiert der Pastor vornehm an bester Lage. Genährt vom Zehnten der armen Fischer, die auch die schöne Kirche finanzieren.
Die Fischer suchen Trost in der Kirche. Sie erhoffen sich – wie es die Bibel verheisst und der Pastor predigt – ein besseres Leben im Jenseits. Nach dem Tod sollen sie belohnt werden für die Trübsal im Jammertal.
Diese christliche Mentalität fördert den Fatalismus. Der Glaube an die Erlösung im Jenseits führt zur Ohnmacht. Die armen Fischer kämpfen nicht auf der politischen Bühne für menschenwürdigere Umstände, sondern lassen sich in der Kirche vertrösten und hinhalten. Der Glaube fördert die Entpolitisierung. Dies gefällt den Mächtigen, die ungestörter ihren Machtdrang ausleben und die ungerechten Verhältnisse zementieren können.
Welch absurde Blüten der Konkurrenzkampf unter den Freikirchen treibt, erlebte ich in Jericoacoara, 400 Kilometer nördlich von Fortaleza. Das entlegene Fischerdorf ist zu einem Touristenmekka geworden, das Hippies in den 1980-er Jahren entdeckt hatten. Hier tummeln sich heute auch viele Windsurfer und Surfer, denn ein konstanter Wind und Wellen verwöhnen die Brettkünstler.
Eine Freikirche hat sich darauf spezialisiert, die Surfer zu missionieren. Vor der Kirche stehen zwei Surfbretter mit der Aufschrift „Jesus the 1st surfer“. Kleber mit dem gleichen Spruch prangen an den Pinboards der Surfschulen, versehen mit dem Hinweis: „Matthäus 14:25“. Man ahnt, was es damit auf sich hat: „Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem Meer.“ Der Pastor hat keine Ahnung vom Surfen. So wenig, wie es Jesus hatte, als er umständlich über das Wasser marschierte.






















