Gott hat uns einen Verhaltenscodex in Form der zehn Gebote gegeben. Als Ergänzung lebte uns Jesus vor, wie wir die christlichen Wertnormen verstehen und umsetzen müssen. Das bedeutet unter anderem: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, halte die andere Wange hin, werfe die egoistischen Pharisäer aus dem Tempel, sei ein barmherziger Samariter, schliesslich kommt ein Reicher eher durch ein Nadelöhr als in den Himmel.
Gott gibt uns den Tarif genau bekannt und setzt die Messlatte sehr hoch. Nach dem Prinzip von Schuld und Sühne setzt er ethische und moralische Standards. Leider sind seine Anforderungen so absolut, dass sie niemand fehlerfrei erfüllen kann. Ängste, Sehnsüchte, Unsicherheiten und Überlebenstrieb lassen uns immer wieder schwach werden und im christlichen Sinne straucheln. Nicht einmal Geistliche und Kirchenführer vermögen den Anforderungen gerecht zu werden. Sonst wäre die Geschichte der Kirche nicht auch eine Geschichte von Gewaltakten, Machtkämpfen, Hurerei und Pädophilie. Wie sollen die Schäfchen die Gebote einhalten, wenn es nicht einmal die Vertreter Gottes schaffen?
Aus pädagogischer Sicht ist es kontraproduktiv, unerfüllbare Gebote aufzustellen. Es demotiviert und entmutigt. Erreichbare Ziele wären eher Ansporn, gottgemäss und christlich zu leben.
Und wie hält es Gott selbst mit seinen Ansprüchen an uns? Erfüllt er die christlichen Moralvorstellungen, die er uns auferlegt?
Ein Blick auf die Welt aus einer neutralen Warte lässt Zweifel aufkommen. Denn gottgefällig und altruistisch lebende Menschen müssten demnach unter seiner besonderen Schirmherrschaft stehen und für ihre guten Taten belohnt werden. Despoten und Gewaltverbrecher hingegen bestraft. Die Erfahrungen zeigen uns aber, dass die Realität anders aussieht. Unschuldige Kinder kommen bei einem Verkehrsunfall ums Leben oder sterben qualvoll an einer tödlichen Krankheit. Dagegen kommen Menschenschinder oft ungeschoren durchs Leben und leben bis zum Tod glücklich und zufrieden.
Ich kenne natürlich das Argument der Gläubigen, dass am jüngsten Tag abgerechnet werde, Belohnung und Bestrafung also später folgten. Doch der Gedanke überzeugt nicht. Kann Gott ein Wertsystem und einen moralischen Kodex im Diesseits einführen, ohne sich selbst daran halten? Entweder gelten Normen jetzt und überall oder sie sind nicht glaubwürdig. Wer Gebote aufstellt, soll sich selbst daran halten. Wenn er sie für das Diesseits aufstellt, müssen sie auch im Hier und Jetzt gelten und nicht erst im Jenseits. Dann darf es nicht sein, dass Kinder Gottes unerträgliche Ungerechtigkeiten im diesseitigen Leben erdulden müssen, ohne den Grund dafür zu kennen. Das ist ein Willkürsystem, das nicht eben Vertrauen in die christliche Ethik und den Schöpfer schafft.
Ich kenne natürlich auch das Argument, dass Gottes Pfade verschlungen seien und wir ihn mit unserem beschränkten Weltverständnis nicht verstehen könnten. In Jesaja 55,8-9 heisst es: “Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr, sondern soviel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken.”
Doch Gott sollte eine Ordnung schaffen, die wir begreifen können. Sonst ist es viel verlangt, an ihn zu glauben und sich ihm anzuvertrauen.
Genau genommen fordert er von uns blinden Gehorsam, weil sein Wertesystem für uns nicht nachvollziehbar ist. Warum hat er die Welt und unser Bewusstsein nicht so konstruiert, dass wir seinen Heilsplan nachvollziehen können?
Vorsicht ist angebracht, denn Gott selbst sagt, es würden falsche Heilsverkünder kommen, welche die Menschen verführen werden. Wie soll ich da unterscheiden können, wenn auf seiner Welt mit seiner Ordnung überall Unrecht herrscht und er nicht für Klarheit sorgt?





















