Schweiz

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Archiv für Juli 2008

Brunnenvergiftung mit der Minarett-Initiative

hugostamm am Dienstag den 29. Juli 2008

Die Minarett-Initiative steckt in der politischen Pipeline. Rechtskonservative Kreise um Auns und SVP haben angeblich das Patentrezept gefunden, um den Islam in der Schweiz in die Schranken zu weisen. Doch um was geht es eigentlich? Um die Verhinderung architektonischer Sünden, die das Landschaftsbild verschandeln würden? Um die Rettung von Stadtbildern?

Wer die Debatte um den Islam seit 9/11, Bin Laden und den Selbstmordattentaten islamistischer Gruppen verfolgt, zweifelt nicht daran: Mit der Initiative soll den Moslem deutlich gemacht werden, dass sie und ihr Glaube bei uns nicht erwünscht sind. Mit ihr wird ein Generalverdacht kultiviert, das grundsätzliche Misstrauen gegenüber allen Moslems zum Ausdruck gebracht. Sie werden in Sippenhaft genommen.

Letztlich ist die Initiative ein perfides Instrument: Weil wir die Glaubens- und Kultusfreiheit in der Verfassung verankert haben, können die Initianten nicht den Glauben an sich ins Visier nehmen, sondern müssen auf einen Nebenschauplatz ausweichen. Die Botschaft ist trotzdem klar: Der Islam ist in der Schweiz nicht erwünscht.

Die Initiative erweist sich somit als feiges Instrument. Den Initianten geht es nicht um ein paar kleine Türme – grosse würden ohnehin nicht bewilligt. Es geht ihnen um die Diskreditierung einer Glaubensgemeinschaft. Das ist Brunnenvergiftung, die sich rächen könnte. Nicht auszumalen, wenn sich arabische Ländern rächen sollten. Man denke nur an Lybien.

Leben voll Unrecht

hugostamm am Samstag den 19. Juli 2008

Mir ist bewusst, dass viele Blogger meine kritische Einstellung gegenüber manchen Glaubensvorstellungen nicht verstehen können. Sie vermuten schnöde Ignoranz oder Überheblichkeit hinter meinen Aufklärungsabsichten.

Wer mich kennt, weiss, dass solche Interpretationen zu kurz greifen. Kraft und Motivation schöpfe ich in erster Linie aus der Ohnmacht, die ich in Situationen erlebe, bei denen Menschen ungerecht behandelt werden.

Nun bin ich Realist genug um zu wissen, dass es die Gerechtigkeit an sich nicht gibt. Die Unvollkommenheit der Menschen und der Natur führen zwangsläufig zu Widersprüchen im Leben aller Menschen, zu Notsituationen und Ungerechtigkeiten. Ich mache mich allein dadurch schuldig, dass ich existiere. Ich belaste die Natur, ich verletze Mitmenschen, ich töte Tiere. Deshalb ist es meines Erachtens die vornehmste Aufgabe von engagierten Menschen, einen kleinen Beitrag zu leisten, um das oft unerträgliche Mass an Unrecht ein wenig zu reduzieren. Und meine eigenen Ungerechtigkeiten wenigstens teilweise zu kompensieren.

Eigentlich wären Glaubensgemeinschaften prädestiniert, an vorderster Front für die Rechte der Menschen zu kämpfen und gegen das Unrecht aufzustehen. Leider erlebe ich laufend, dass sich diese in erster Linie für ihre eigenen Interessen einsetzen und dabei oft selbst Unrecht schaffen.

Das erste und wichtigste Unrecht: Der Absolutheitsanspruch. Er führt dazu, dass jede Glaubensgemeinschaft den Rest der Welt aus dem Reich des Heils verbannt. Der Exklusivanspruch schafft Ungerechtigkeiten. Er teilt Menschen in zwei Kategorien: Hier die Auserwählten und Privilegierten, dort die Ungläubigen, Abgefallenen, Verlorenen.

Ich gehöre lieber zu den Ausgestossenen und Verlierern, als mich für den Kampf um die absolute Wahrheit einzusetzen.

Wie erfassen wir spirituelle Phänomene?

hugostamm am Donnerstag den 10. Juli 2008

Wir können die Welt nur mit unseren Sinnen und unserem Verstand erfassen. Unser Bewusstsein ist weitgehend das Produkt unserer Wahrnehmungen, Erfahrungen und Lernprozesse. Die Möglichkeiten, die Realität möglichst unverfälscht zu erfassen, sind eng begrenzt. Angesichts der unendlichen Dimensionen des Kosmos und der komplexen Realität sind unsere Möglichkeiten limitiert. Deshalb müssen wir zu unzähligen Theorien und Hilfskonstrukten greifen, um das Unbegreifbare halbwegs erklären zu können.

Wie sieht es im spirituellen Bereich aus? Nach welchen Kriterien beurteilen wir die übersinnliche Welt? Mit welchen Organen erfassen wir sie?

Wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, dass sich die spirituelle Dimension uns weitgehend entzieht. Wir haben keine verlässlichen Instrumente, um sie zu erfassen oder zu definieren.

Da bleiben uns so vage Instanzen wie Intuition, emotionale Erlebnisse, Erfahrungen bei Ritualen. Das soll keine Abwertung sein, doch es zeigt uns, dass sich diese Phänomene unserer Wahrnehmung weitgehend entziehen. Unsere übersinnlichen Empfindungen sind vor allem durch Hoffnungen, Sehnsüchte und Ängste geprägt, die Wahrnehmung ist von einem hohen Grand an Subjektivität bestimmt. Ausserdem spielen Suggestionen und Sinnestäuschungen eine wichtige Rolle. Das sind alles recht unzuverlässige Instanzen.

Trotzdem vertrauen viele von uns den übersinnlichen Wahrnehmungen mehr als den weltlichen. Warum eigentlich?

Lebensfeindliche Dogmen

hugostamm am Mittwoch den 2. Juli 2008

Ich bin der festen Überzeugung, dass Religion und Glauben auch dazu da sind, das Leben auf unserem Planeten besser gestalten zu können und verstehen zu lernen. Heilslehren und Glaubensgemeinschaften müssen sich auch in den Dienst des Lebens im Diesseits stellen. Die einseitige Konzentration auf das Jenseits führt zu gefährlichen Entfremdungen und zu apokalyptischen Sehnsüchten. Wir sind gezwungen, uns auch auf das säkulare Leben zu konzentrieren, weil wir eine Verantwortung gegenüber uns, unseren Familien, der Gemeinschaft und der Umwelt haben. Auch dies sind spirituelle Werte.

Erfahrungen zeigen aber, dass viele Glaubensgemeinschaften die säkulare Welt als Bedrohung für die spirituelle Entwicklung betrachten und das Bewusstsein ihrer Mitglieder auf übersinnliche Belange konzentrieren. So verbieten beispielsweise die Zeugen Jehovas die Bluttransfusion aus religiöser Überzeugung. Damit verschwören sie sich gegen das Leben, werten es ab und treiben Gläubige immer wieder unsinnig in den Tod.

Doch nicht nur sektenhafte Glaubensgemeinschaften kennen solche Dogmen, die lebensfeindlich sind. Auch die katholische Kirche greift tief in die Trickkiste, um ihren Gläubigen fragwürdige Glaubenssätze schmackhaft zu machen. Nehmen wir nur die Enzyklika «Humanae vitae », die das Sexualleben regeln soll. Darin heisst es, «dass jeder einzelne eheliche Akt nur dann sittlich gut ist, wenn er für die Weitergabe des Lebens offen bleibt», wie Michael Meier im heutigen TA schreibet. Nach der 1968 von Papst Paul VI. erlassenen Enzyklika ist jede Handlung, die vor, während oder nach Vollzug des ehelichen Akts darauf abstellt, die Fortpflanzung zu verhindern, verwerflich. Konkret: Pille, Kondome, Abtreibung und Sterilisation sind verboten.

Warum tut dies die katholische Kirche? Wissen der Papst, seine Kardinäle und Bischöfe denn nicht, dass Millionen von Gläubigen dieses Dogma regelmässig verletzen. Zum Glück verletzen, muss man sagen, sonst würde Aids noch stärker grassieren und die Überbevölkerung die Menschheit noch mehr belasten.

Das weiss natürlich auch der Klerus. Für ihn sind aber fundamentalistische Argumente wichtiger. Die Geistlichen klammern sich an die jahrhundertealten Traditionen. Und an das Lehramt. Sie können nicht zugeben, dass die Moraltheologie über Jahrhunderte falsch war, schliesslich kann sich der unfehlbare Papst in zentralen Glaubensfragen nicht irren. So hält man lieber an Dogmen fest, die das Leben behindern und Gläubige in einen Gewissenskonflikt stürzen.

Hat eine solche Kirche noch das Recht, im Namen der Gläubigen zu sprechen?