Schweiz


Archiv für Juni 2008

Scientologen am Ball

hugostamm am Dienstag den 24. Juni 2008

Scientology ist Europameister im Trittbrettfahren. Dutzende von Sektenanhängern sind in den Fanmeilen unterwegs, um Broschüren zu verteilen und neue Mitglieder anzuwerben. Es werde die grösste Kampagne, «die wir je in der Schweiz oder sogar in Europa hatten», schreibt Scientology Zürich in einem Brief an ihre Mitglieder. Und erwartet von ihnen, dass sie 250 Franken oder mehr für die Aktion spenden.

Um den Feldzug vorzubereiten, wurden «Euro-Meetings» organisiert. Dabei ging es um «Briefings mit anschliessendem Drilling». Das Motto: «Ein historischer Ort für einen historischen Event. Der endgültige Call-to-Arms an alle Schweizer Scientologen.» Frei übersetzt: An die Waffen! Die Einladungskarte trägt den Titel «Clear Schweiz», also klären wir die Schweiz. Die Scientologen wollen eine Million Broschüren mit dem Titel «Der Weg zum Glücklichsein» verteilen. Dabei handelt es sich um einen «Leitfaden zu besserem Leben» des Scientology -Gründers Ron Hubbard.

In der Broschüre findet sich kein Hinweis auf Scientology , dafür enthält es einen Spielplan. Das Ziel der Missionskampagne ist unmissverständlich: «Es ist d i e Gelegenheit, tausende Bücher zu verkaufen und unsere Orgs ( Scientology -Zentren, die Red.) mit neuen Leuten zu füllen und ein gutes Stück in Richtung ideale Org zu gehen», heisst es im Brief an die Zürcher Scientologen. Doch es ist verboten, auf öffentlichem Grund Bücher zu verkaufen. Sie wenden ein, die Hubbard-Werke den neuen Kunden erst im Zentrum schmackhaft zu machen. Doch auch damit benutzen sie den öffentlichen Grund indirekt als Verkaufsfläche. (Dieser Artikel erschien auch im TA.)

Karma und Erbsünde

hugostamm am Sonntag den 15. Juni 2008

Im Hinduismus und Buddhismus sind Wiedergeburts- und Karmatheorie zentrale Aspekte der Heilsvorstellung. Mit der Idee der Reinkarnation kann ich leben. Es ist verständlich, dass wir Menschen hoffen, dass nach dem Tod nicht alles vorbei ist. Es gibt dem Leiden einen Sinn. (Ob dieser Sinn sehr sinnvoll ist, ist eine andere Frage.) Auf jeden Fall ist die Vorstellung, dass das Leben im Diesseits in irgend einer Form eine Fortsetzung findet, für viele ermutigend.

Mehr Mühe habe ich mit der Karmatheorie. Bei näherer Betrachtung erscheint sie – zumindest in Indien – eher ein weltliches Herrschaftsinstrument denn ein religiöses Dogma zu sein. Konkret: Ein Unberührbarer bleibt laut hinduistischer Lehre sein Leben lang ein Unberührbarer. Ein Aufstieg in eine höhere Kaste  wird nicht erlaubt. Er muss als Unberührbarer leiden, um die karmische Belastung aus einem früheren Leben abbauen zu können und im nächsten Leben allenfalls aufzusteigen. (Heute ist das Kastensystem per Gesetz verboten, in ländlichen Gegenden wird es aber immer noch gelebt.) Der politische Effekt ist klar: Die Unterdrückten begehren nicht auf, sondern ertragen das Schicksal fatalistisch. So kann die politische Elite ungestört regieren und ihre Interessen durchsetzen.

Und der religiöse Effekt? Den kann ich nicht erkennen. Wieso soll ich für etwas büssen, was mein angeblicher Vorgänger verbrochen hat. Ich soll zwar seine Seele geerbt haben, doch das Bewusstsein ist mir abhanden gekommen.

Kurz: Ich büsse für etwas, das mir nicht bekannt ist. Ich werde für schlechte Taten bestraft, die ein Fremder begangen hat. Ich kann nur Verantwortung für meine Taten übernehmen, wenn ich Einsicht in mein Unrecht habe. Doch diese Einsicht ist mir verwehrt, weil ich keine Erinnerung an die angeblichen Verbrechen habe.

Ähnlich verhält es sich beim Christentum. Hier gibt es auch eine Art Karma: die Erbsünde . Wir Nachgeborenen werden bestraft, weil Adam und Eva der Versuchung nicht widerstehen konnten, in einen Apfel zu beissen, den Apfel der Erkenntnis. Sie wurden aus dem Paradies vertrieben – und wir, angeblich, mit ihnen.

Dieser Akt tangiert mein Gerechtigkeitsempfinden. Was ums Himmels Willen hat der Sündenfall von Adam und Eva mit mir zu tun? Warum werde ich für etwas verantwortlich gemacht, das zwei Wesen vor mehreren Jahrtausenden verbrochen haben?

So lang Glaubensgemeinschaften solche kruden Glaubensinhalte pflegen, haben sie ein Glaubwürdigkeitsproblem.

Kindliche Paradiesvisionen

hugostamm am Freitag den 6. Juni 2008

Der dreijährige Peter fragt: Mama, wie sieht Gott aus? Wir kennen die gängige Antwort. Thron, Bart und so. Und wo lebt Gott? Im Himmel. Wo ist der Himmel? Da oben. Wo, ich sehe ihn nicht. Wie sieht es im Himmel aus? Engel, weisse Wölklein, viele Lichter, schöne Musik. Paradies eben, wo alles im Überfluss vorhanden ist, niemand krank wird, alle glücklich sind. Da sind alle lieben Menschen auf ewige Zeit, auch Deine Grossmutter. Kurz: Die Genesis vermittelt uns ein klares Bild vom Paradies als Schlaraffenland.

Wer solche Kinderfragen beantworten muss, ist meistens hilflos.

Doch was sagen wir, wenn wir auf Sri Lanka in den Ferien sind und einem Hindu oder Buddhisten die gleichen Fragen beantworten müssen? Wenn wir uns an die Bilder halten, die uns die Bibel vermittelt, werden wir ähnliche Antworten geben, sie nur ein wenig in andere Bilder packen.

Wer ein differenziertes Weltbild entwickelt hat, in der Literatur ein bisschen bewandert ist und sich ein wenig mit Philosophie befasst hat, kann sich mit den metaphysischen Leitsätzen der Buchreligionen nicht anfreunden. Darin sind überdeutlich menschliche Bedürfnisse und Sehnsüchte erkennbar. Sehnsüchte von Menschen, die in der Steinzeit lebten. Der Himmel oder das Paradies als verlängerte Erde, in denen alle negativen Attribute ausgemerzt sind. Typische Metapher: Gott ist der starke Vater, der das hilflose Kind beschützt.