Schweiz


Archiv für Mai 2008

Die Krux mit dem Glauben

hugostamm am Donnerstag den 29. Mai 2008

In Glaubensfragen gibt es ein Paradox, das aus sprachlicher und philosophischer Sicht irritierend wirkt. Es geht um die Verwendung des Begriffs Glauben. An sich umschreibt die Sprache das Phänomen sehr präzis. Die Bindung an Gott (religio) wird nicht als Gewissheit oder letzte Wahrheit verstanden, sondern mit dem Begriff Glauben bezeichnet. Glauben heisst, etwas für wahr halten, das man nicht nachweisen kann. Dabei spielt die Suggestion eine wichtige Rolle. Ich glaube an Krishna, ich glaube an Buddha, ich glaube an den Propheten Mohamed, ich glaube an Gott. Es gibt keine gesicherten Erkenntnisse über Gott, es gibt nur den Glauben an ihn.

Mit dem Glaube an ein göttliches Wesen ist meist auch der Glaube an eine Heilslehre verbunden. Ich kann auch nur glauben, dass es einen Heilsplan gibt, der eine metaphysische Komponente enthält. Ich kann nur glauben, dass es die Wiedergeburt oder ein Leben nach dem Tod gibt. Die Sprache drückt es eindeutig aus.

Viele Gläubige wollen diesen Umstand nicht wahr haben. Vielmehr verabsolutieren sie ihren Glauben und verstehen ihn als letzte Wahrheit. Sie relativieren – weitgehend zu Recht – alles, was sich ausserhalb ihres Glaubenssystems bewegt. Nicht verhandelbar ist hingegen ihr Glaube. Er ist für sie die einzige sichere Konstante im irdischen Leben. Wer den Glauben mit Gewissheit oder Wahrheit gleichsetzt, täuscht sich selbst. Konsequenterweise müsste der Begriff Glaube im religiösen Umfeld umdefiniert werden.

Zum Paradox gehört auch, dass ausgerechnet streng Gläubige alles verteufeln, was nach Relativismus riecht. Dies haben wir in der Diskussion hier zur Genüge erlebt. Für sie ist die säkulare Welt der Inbegriff relativer Systeme. Wissenschaft inbegriffen. Ihre Resolutheit in dieser Frage lässt die Vermutung aufkommen, dass sie damit Ihre Angst in sich bekämpfen, dass es kaum etwas Relativeres gibt als den Glauben. Eben so, wie es der Begriff Glaube ausdrückt.

Auch die grossen Glaubensgemeinschaften brauchen manchmal den Begriff Glauben in sprachlich unredlicher Weise. Wenn die katholische Kirche beispielsweise behauptet, der Papst sei in Glaubensfragen unfehlbar, dann ist das ein Widerspruch.

Mit diesem Beitrag melde ich mich aus den Ferien zurück. Ich danke allen herzlich, die trotz meiner Abwesenheit heftig weiter diskutiert haben.

Kein Verlass auf religiöse Gefühle

hugostamm am Freitag den 2. Mai 2008

Religiöse und spirituelle Gefühle sind eine Grundkonstante im Gemütsleben der Menschen. Die Sehnsucht nach starken Emotionen, die in Zusammenhang mit übersinnlichen Ritualen und metaphysischen Hoffnungen stehen, treibt uns ein Leben lang um. Das ist gut so, denn die starken Gefühle regen uns an, Sinnfragen zu stellen.

Mich irritiert allerdings, dass die Gefühlsskala unspezifisch und unendlich breit ist. Ein Animist erlebt ähnlich heftige Emotionen, wenn er bei einer Feuerzeremonie um einen Totemspfahl tanzt wie ein Pilger bei einem Gottesdienst in Lourdes.

Wir können uns also bei der Suche nach der religiösen Wahrheit nicht auf unsere Gefühle verlassen. Meine Erfahrungen mit Sektenaussteigern bestätigen dies. Ja es scheint sogar, dass spirituelle Gefühle nicht in erster Linie von den religiösen Inhalten abhängig sind, sondern vor allem von suggestiven Elementen. Je stärker die gruppendynamischen Rituale, je übersteigerter die versprochenen Heilserwartungen, desto ekstatischer die Entäusserungen.

Verhängnisvoll dabei ist, dass die Gläubigen oft den Fehlschluss ziehen, dass intensive Gefühle ein besonderer Ausdruck der Glaubenserfahrung und Gottesnähe seien. Die Götter scheinen uns also kaum Hilfestellung bei der Unterscheidung zu leisten.

Konkret: Die spirituellen Gefühle werden als Ausdruck der Frömmigkeit gewertet. Noch mehr: Die Empfindungen werden zum Gradmesser des Glaubens. Gläubige sind überzeugt, dass Gott ihnen die starken Gefühle als Beweis für den richtigen Glauben schenkt.

So führen die spirituellen Gefühle viele Gläubige aufs Glatteis, weil sie diese falsch interpretieren. Auch schlechte Inhalte können starke Gefühle hervorrufen. Ein Beispiel dafür sind Zusammenkünfte der Neonazis. Diese werten ihre intensiven Gefühle durchaus auch als religiös, ist für sie doch der Faschismus ein Religionsersatz.

Es lohnt sich also, die eigenen religiösen Gefühle kritisch zu beurteilen.

Ich werde in den nächsten drei Wochen abwesend sein und in dieser Zeit keine neuen Beiträge schreiben. Die Kommentare werden aber weiterhin aufgeschaltet. Ich wünsche allen eine gute Zeit. Hugo Stamm