Schweiz

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Archiv für März 2008

Wann kommt das Ende der Religionen?

hugostamm am Montag den 31. März 2008

Die einzige Konstante im Leben der Menschen ist – abgesehen vom Tod – die Bewegung. Alles ist permanent im Fluss. Vom Individuum über die Gesellschaft bis zum Planeten und Kosmos. Alle Organe unterliegen einem dauernden Prozess und dem Gesetz der Veränderung. Auch die geistige Entwicklung schreitet unaufhaltsam voran. Keine Ausnahme bilden Technik und Wissenschaft.

Nur eine Disziplin wehrt sich mit Händen und Füssen gegen diesen Prozess: Religionen und Glaubensgemeinschaften. Da sie einen Absolutheitsanspruch an ihre Heilslehre stellen, dürfen sie die Kernaussagen oder Dogmen nicht verändern. Wandelbar sind höchstens die äusseren Umstände. Allenfalls erlaubt der Interpretationsspielraum gewisse Anpassungen an den Zeitgeist und die Macht der Entwicklung und Veränderung.

Eigentlich ist allen Menschen klar, dass es gegen die Dynamik des Prozesshaften, die allem Seienden inne wohnt, kein Gegengewicht gibt. So darf man wohl die Prognose wagen, dass auch die aktuellen Weltreligionen in naher oder ferner Zukunft verschwinden werden. So passierte es mit dem Animismus und den verschiedenen Richtung des Naturglaubens. Auch die religiösen Vorstellungen der Griechen und Römer haben weitgehend ausgedient.

Zugegeben: Buddhismus und Hinduismus halten sich schon recht lang. Auch Judentum und Christentum behaupten sich gegen die Säkularisierungstendenz. Doch gemessen an der Geschichte der Menschheit sind die paar tausend Jahre ihrer Existenz eine Momentaufnahme. Was wird in 1000, in 10’000, in 100’000 Jahren sein? Werden die alten Götter verschwinden und neuen Platz machen, wie das bisher immer wieder geschehen ist?

Oder wird gar der Fussball zur Weltreligion?

Dies behauptet indirekt der Theologe und ehemalige Pfarrer Joseph Hochstrasser, der das Buch über Ottmar Hitzfeld, den neuen Nati-Trainer der Schweiz, geschrieben hat. Hochstrasser diskutiert heute Abend zu diesem Thema zusammen mit dem GC-Trainer Hanspeter Latour und dem Captain des FC Basel Ivan Ergic in der Kulturbeiz Chappelehof in 5610 Wohlen um 20.15 Uhr. (Der Blogadministrator sitzt ebenfalls auf dem Podium.)

Ist Jesus der Sohn Gottes?

hugostamm am Sonntag den 23. März 2008

Jesus ist heute die prominenteste und populärste Persönlichkeit auf unserem Planeten. Über eine Milliarde Christen verehren ihn heute, besuchen den Gottesdienst oder verstecken zu seinen Ehren Eier. Nach zwei Tagen christlicher Depression feiern die Gläubigen seine Auferstehung.

Diese Auferstehung ist eine symbolkräftige Metapher. Einerseits signalisiert sie, dass der jüdische Wanderprediger den Tod überwunden hat, andererseits deutet sie an, dass Jesus der Sohn Gottes ist, der Aufnahme im Himmel gefunden hat.

Jesus war ohne Zweifel eine beeindruckende Persönlichkeit – immer vorausgesetzt, dass die Schilderungen im Neuen Testament mehr als Mythen und Legenden sind. Jesus hat sich um die Armen und Benachteiligten gekümmert, die Mächtigen kritisiert, neue ethische und moralische Standards gesetzt, die auch heute noch relevant sind – auch wenn sie nur selten eingehalten werden, wie ein Blick auf den aktuellen Zustand der Menschheit zeigt.

Ist Jesus aber tatsächlich der Sohn Gottes, als den ihn die christliche Welt verehrt?

Eine Analyse des Neuen Testaments lässt die Vermutung aufkommen, dass Jesus sich selbst nicht als Sohn Gottes gesehen hat. So sehen es auch seine jüdischen Glaubensbrüder und -schwestern, die immer noch auf den “richtigen Messias” warten.

Auch deutet vieles darauf hin, dass die Urchristen in Jesus ebenfalls nicht den Sohn Gottes sahen. Den Titel Christus, der Gesalbte, bekam er erst nach seinem Tod, als die Diskussion um die richtige christologische Interpretation entbrannte. Die Frage wurde erst beim Konzil von Nizäa im Jahre 325 von der Hierarchie der Kirche entschieden.

Zwei wichtige Exponenten dieser Auseinandersetzung sind die beiden Geistlichen Arius von Alexandrien und Athanasius der Grosse. Arius vertrat die Lehrmeinung, Jesus sei gottähnlich, Athanasius behauptete, Jesus sei gottgleich. Es war ausgerechnet der römische Kaiser und Heide Konstantin, der die Christen drängte, den theologischen Streit endlich beizulegen. Er drängte die Bischöfe zum Konzil von Nizäa. Dabei entschieden die Kirchenfürsten, dass Jesus der Sohn Gottes sei.

Kurz: Die historische Grundlage ist dünn. Klare Erkenntnisse lassen sich aus den kanonischen Schriften nicht ableiten.

Doch ist die Frage, ob Jesus der Christus tatsächlich der personifizierte Gott ist, von grosser Bedeutung?

Über den Sinn der Verehrung Gottes

hugostamm am Sonntag den 16. März 2008

Die Verehrung der Gurus und Götter ist ein weltweit praktiziertes Ritual. Mir ist keine relevante Glaubensgemeinschaft bekannt, welche nicht die Anbetung ihrer göttlichen Figur zum zentralen Glaubensinhalt erhebt. Das gleiche Phänomen können wir auch bei Adligen beobachten, die früher und teilweise auch heute noch den Status von göttlichen Repräsentanten geniessen. Man denke nur an die Pharaonen und ihre Pyramiden.

Sakralbauten sind Ausdruck dieser Verehrung der Gurus und Götter. Nirgends gibt es soviel “Prunk am Bau” wie in Kirchen und Tempeln. Wer schon einmal Angkor Wat besucht hat, kann ermessen, welche Bedeutung die “Gotteshäuser” besitzen, zu denen die Gläubigen pilgern, um ihre Ehrfurcht bezeugen.

Die Anbetung und Verehrung der Götter ist vermutlich die grösste Konstante in der anthropologischen Entwicklung der Menschen und ihrer Gesellschaften. Als handle es sich dabei um ein in Stein gemeisseltes Gesetz. Und niemand scheint sich nach dem Sinn der Verehrung zu fragen. Noch ungewohnter scheint die Frage zu sein, ob die Götter darauf erpicht sind, von den Menschen angebetet zu werden.

Stellen wir zwei Fragen:

Was bringt es Gott, wenn der Mensch ihn verehrt?

Was bringt es dem Menschen, wenn er Gott anbetet?

Gott oder die Götter haben keinen Profit. Da sie Anfang und Ursprung allen Seins sind und das Absolute verkörpern, bringt ihnen die Verehrung keinen Mehrwert an Selbstwertgefühl, Machteinfluss oder Verfügungsgewalt.

Menschen können durchaus einen Nutzen aus der Anbetung ziehen. Sie fühlen sich ihrem Gott besonders verbunden, sein Glanz färbt ein Stück weit auf sie ab, sie erhoffen sich Vorteile aus der Fürbitte: Ich bete, damit mich Gott genesen oder eine Lebenskrise überwinden lässt. Deshalb fragen sich die Gläubigen nicht, ob Gott diese Anbetung überhaupt wünscht.

Am meisten profitieren aber die religiösen Institutionen. Die Geistlichen sind die weltlichen Vertreter des angebeteten Gottes, was die eigene Bedeutung steigert. Ausserdem werden betende Gläubige demütig – und lassen sich besonders gut einbinden. Das Gebet fördert die mentale Bindung zu Gott – und somit zu den weltlichen Vertretern dieses Gottes oder deren Gemeinschaft.

Gläubige Schafe und denkende Ziegen

hugostamm am Freitag den 7. März 2008

Sind Gläubige die fantasievolleren Menschen? Oder neigen sie eher zum Wahnsinn als Skeptiker?

Spannende Erkenntnisse dazu hat der Neurowissenschaftler Peter Brugger gemacht, der den Glauben an das Übersinnliche erforscht. Die Quintessenz: Gläubige und Esoteriker ticken tatsächlich anders als nüchtern empfindende Menschen. So jedenfalls erklärte esBrugger meiner Kollegin Monica Müller in einem Interview. Hier Ausschnitte davon:

Herr Brugger, ich habe kürzlich von einer Schulkollegin geträumt, die ich 25 Jahre nicht gesehen habe. Am folgenden Tag bin ich ihr begegnet. Wie beurteilen Sie das?

Man könnte das nüchtern hochrechnen. Wie oft erleben Sie das? Und wie oft träumen Sie von Menschen und dann passiert nichts? Rechnen Sie das aus und vergleichen Sie es mit den Erfahrungen anderer. Das Ergebnis würde zeigen, dass ihr Erlebnis so normal ist, wie wenn Sie im Lotto gewinnen würden. Es gewinnt immer einer. Für den Glücklichen ist das natürlich einmalig, unglaublich. Aber statistisch gesehen, muss es passieren.

Beim Lotto spricht man von Glück, nicht von Vorahnung oder Telepathie. Warum?

Das Lottospiel haben wir unter Kontrolle, wir mischen die Bälle. Aber was im Leben passiert, das haben wir nicht im Griff. Es gibt Leute, die stellen zwischen banalen Zufällen des Alltags bedeutungsvolle Bezüge her – im Fachjargon « Schafe » – und andere, die tun das nicht – das sind « Ziegen ».

Sie erforschen die Glaubens- und Denkmuster von « Schafen » und « Ziegen ». Worin unterscheiden die sich?

« Schafe » assoziieren weiter, denken ungebremster. Wer mehr um die Ecke denkt, erlebt auch mehr bedeutungsvolle Zufälle, weil diese ihm oder ihr auffallen. Wer so veranlagt ist, hat dann auch eher das Bedürfnis, den Bezügen, die ihm auffallen, eine Bedeutung zu verleihen und sie nicht als reinen Zufall abzutun.

Warum haben viele Mühe mit dem Zufall?

Weil unser Wahrnehmungssystem darauf getrimmt ist, Regelmässigkeiten zu entdecken.

Haben Menschen, die schneller ein Muster entdecken, auch ausserhalb der Savanne einen Vorteil?

Sie haben die Veranlagung, kreativer zu sein. Wer kreativ denkt, sieht Zusammenhänge zwischen Dingen, die offensichtlich nicht verwandt sind. Nur wer alte Muster durchbrechen kann, kann auch Neues schaffen. Diese Veranlagung bringt « Schafe » aber nicht bloss in die Nähe der Kreativität, sondern auch des Wahns. Es ist eine alte Einsicht, dass Genie und Wahnsinn nahe beieinander sind. Mit unserer Forschung können wir aufzeigen, dass der Ähnlichkeit von Genie und Wahnsinn nüchterne Verarbeitungsschritte im Hirn zu Grunde liegen. Ich wehre mich aber genauso dagegen, das übersinnliche Denken als krankhaft einzuschätzen, als es für ausschliesslich kreativ zu halten.

Wo verläuft die Grenze zwischen kreativen Gedankenketten und krankhaften Vorstellungen?

Ein schizophrener Patient kann schon beim Lesen des Menüs im Restaurant in Panik ausbrechen. Seine Gedankenkette beim Wort «Spaghetti» bricht nicht bei Italien ab, sondern er denkt weiter an «Mafia» und verlässt das Restaurant in Panik. Ein Schizophrener zieht Schlüsse, die für Gesunde nicht nachvollziehbar sind.

Warum werden Menschen, die von Telepathie, Hellsehen oder Vorahnungen berichten, oft belächelt? Kreativität ist doch gefragt.

Wir machen uns über die Ausgeburten lustig, mit denen oft einfach viel Geld gemacht wird. Man darf Esoterikern nicht unterstellen, dass sie alles glauben, was sie verkünden. Der Hellseher und Zukunftsberater Mike Shiva beispielsweise ist ein hoch assoziativer, cleverer Typ. Ich glaube nicht, dass er alles glaubt, was er sagt. Wenn er anderen damit aber wirklich helfen kann, warum nicht? Für ihn ist seine Beratung ein florierendes Geschäft, für die Klienten wirkt das wie Placebo. Mich interessiert, wie ein Placebo wirkt oder wie esoterisches Denken zu Stande kommt. Ich will nicht darüber streiten, ob es diese Dinge wirklich gibt.

Glauben Sie an den Zufall?

Der Zufall ist keine aktive Kraft, sondern eine abstrakte statistische Grösse. Auch ich glaube also an den Zufall, aber eher im Sinne eines Begriffes, der die Abwesenheit von lenkenden Kräften meint. Der Esoteriker glaubt zwar auch an den Zufall, misst ihm aber übersinnliche Kraft bei. Für Kreationisten und religiöse Fanatiker wiederum bedeutet das Wort «Zufall» nichts anderes als Gotteslästerung – das hatte schon Lessing erkannt.

Wie kamen Sie zu Ihrem Gebiet?

Als Jugendlicher glaubte ich an Telepathie und wollte wissen, wie diese funktioniert. Ich fand in meinen Tests nichts, das darauf hindeutet, dass jemand besser abschnitt als der Zufall, und sah ein, dass es nicht einfach ist, übersinnliche Phänomene wissenschaftlich zu erfassen. Die Verbindung zwischen Gläubigkeit und Hirntätigkeit eröffnet neue Welten.

Dann waren Sie einmal ein « Schaf ».

Ich bin ein konvertiertes « Schaf ».

Waren Sie als « Schaf » glücklicher?

Ich müsste, denn ich vertrete ja die Theorie, dass Gläubige die genussfähigeren Menschen sind. Persönlich verstehe ich mich blendend mit moderaten Esoterikern, sie sind viel aufgestellter als die ewig nörgelnden Skeptiker, die sich meist nicht einmal die Mühe machen, etwas überhaupt zu hinterfragen. Aber intellektuell zähle ich mich schon zu den Skeptikern. Vielleicht gehöre ich irgendwie auch beiden Welten an. Sagen wir es so: Ich bin eine glückliche « Ziege ».

(Peter Brugger leitet die Abteilung Neuropsychologie an der Neurologischen Klinik des Universitätsspitals Zürich. Er erforscht seit 20 Jahren magisches Denken.)