Schweiz


Archiv für Februar 2008

Das Kreuz mit dem Tod

hugostamm am Freitag den 29. Februar 2008

Der Tod ist eines der letzten Tabuthemen. Wir weichen der Frage unserer eigenen Endlichkeit gern aus. Einer der Gründe: Wir haben subjektiv das Gefühl, unsterblich zu sein. Denn wir können uns eine andere „Existenzform“ nicht vorstellen. Wir haben nur Erfahrungen mit dem Leben, nicht aber mit dem Tod. Ausserdem wollen wir leben. Alle Lebensenergie bindet uns an die menschliche Existenz. Das Leben haben wir für den Moment auf sicher. Was nach dem Tod sein wird, wissen wir nicht. Das Unbekannte macht Angst, also klammern wir uns an das Bekannte, auch wenn es manchmal schmerzlich und mühsam ist.

Wieso also sollen wir uns mit dem Tod befassen? Nützt es uns, wenn wir uns damit auseinandersetzen? Zumal wir ja keine Ahnung haben, wie wir sterben werden. Rafft uns ein Unfall überraschend hinweg? Werden wir nach einer Herzattacke rasch „einschlafen“? Wird der Tod begleitet sein von einem langen Leiden?

Wir wissen es nicht und können uns deshalb nicht richtig darauf vorbereiten. Ausserdem wird es ohnehin ganz anders sein, als wir uns dies vorstellen.

Trotzdem ist es sinnvoll, sich Gedanken über den Tod zu machen. Dabei spielt weniger der Tod an sich eine Rolle, sondern das Bewusstsein über unsere Endlichkeit. Damit können wir unsere Persönlichkeitsentwicklung im reifen Alter sinnvoll fortsetzen.

Bei der Frage des Todes spielen Glaubensfragen eine wichtige Rolle. Die Vorstellung eines Lebens nach dem Tod spendet vielen Trost. Die Angst, alles könnte vorbei sein, wird abgefedert. Hinduismus, Buddhismus und Esoterik vertreten die Wiedergeburtslehre. Ist das sinnvoll? Ich zweifle daran. Was nützt es mir, wieder auf die Erde zu kommen, wenn ich keine Erinnerung an das vergangene Leben und an die ursprüngliche Existenz habe?

Fragen ergeben sich auch bei der christlichen Idee von Hölle, Fegefeuer und Paradies. Ewig schmoren? Welchen Sinn macht das? Ewiges Leben im Paradies? Aus der Perspektive des menschlichen Seins eine Horrorvision. Ewiges Glück ist nicht nur langweilig, sondern auch eine Folter.

Wäre da eine nüchterne Einstellung nicht viel tröstlicher? Tschüss, liebe Welt, es war manchmal wunderschön, manchmal pottübel. Nun mache ich Platz für andere, sonst verhungern bald viele Menschen auf der überbevölkerten Erde.

Religiöse Spurensuche nach Blackout

hugostamm am Donnerstag den 21. Februar 2008

Nehmen wir an, ein elektromagnetischer Blitzschlag – falls es denn so etwas gäbe – würde unser Gedächtnis und die Erinnerungen aller Menschen löschen. Bewusstsein und intellektuelle Fähigkeiten blieben bei dem Ereignis aber unversehrt. Mit einem Schlag wären Vergangenheit und historisches Verständnis ausradiert. Wir müssten am Tag X beginnen, die Welt geistig neu zu erobern.

Unsere erste Handlung wäre wohl, uns über die Welt zu informieren. Zuerst würden wir Bücher über den Anbau von Nutzpflanzen lesen, um das Überleben zu sichern. Sobald wir unser Normalgewicht wieder erreicht hätten, würde unser Interesse an philosophischen und religiösen Fragen wachsen. Auf der Suche nach Antworten über unseren Ursprung, den Sinn des Lebens und über Zukunftsperspektiven würden wir in Bibliotheken und im Internet zwangsläufig auf die Weltreligionen stossen, welche am meisten Spuren hinterlassen haben.

Was würde passieren, wenn wir unvoreingenommen den Koran, die Bibel, die Veden und Bücher anderer Glaubensgemeinschaften lesen würden?

Wem würden wir eher Glauben schenken: Buddha, Krishna, Mohamed oder Jesus? Oder vielleicht Osho (Bhagwan), Hubbard oder Annemarie Buchholz-Kaiser (Ex-VPM)? Oder könnten uns die Helden der griechischen Mythologie am meisten packen?

Da wir in der christlichen Tradition aufgewachsen sind, möchte ich ein paar Fragen zur neu entdeckten Bibel stellen. Wie würden wir die Schöpfungsgeschichte lesen, ohne schon als Kind von den Traditionen beeinflusst worden zu sein? Was würden wir ohne christliche Erziehung von der unbefleckten Empfängnis halten? Wie würde die Auferstehung von Jesus auf uns wirken, wenn wir nicht von den Mythen geprägt worden wären? Was hielten wir von der Steinigung von Frauen, die fremdgehen? Würden sich Christentum, Judentum, Islam, Hinduismus und Buddhismus wieder zu Weltreligionen entwickeln? Oder würden uns vor allem die Weltbilder und Erklärungsmuster der modernen Literaten und Philosophen fesseln? Wohin würde uns die religiöse Spurensuche nach einem Ausfall der “Software” führen?

Tom Cruise – Freiheitsheld in Goebbels-Pose

hugostamm am Mittwoch den 13. Februar 2008

Tom Cruise ist ein Paradebeispiel dafür, wie jahrelange Indiktrination Menschen verändert und in eine Gegenwelt entführt. Als Beispiel füge ich den artikel an, den ich heute im Tages-Anzeiger veröffentlicht habe.

Die Gehirnwäscher aus Hollywood», titelte die «Süddeutsche Zeitung» vergangene Woche. Die Überschrift signalisiert, dass die Filmwelt aus den Fugen geraten ist. In Wirklichkeit ist alles viel schlimmer: Der Film «Walküre», in dem der 45-jährige Scientologe Tom Cruise den Hitler-Attentäter Graf von Stauffenberg spielt, spaltet Deutschland. (Der Film läuft im Sommer an.) Nun liegen sich Politiker, Historiker, Künstler und Medienschaffende in den Haaren. Dabei geht es um die einfache Frage: Darf das «gehirngewaschene» Sektenmitglied Cruise den Freiheitskämpfer Stauffenberg geben?

An der Frage beissen sich die Deutschen mit flächendeckender medialer Begleitung die Zähne aus. Der «Stern» hievte Cruise auf den Titel, sogar die vornehme «Zeit» öffnete ihre Spalten.

Die Scientologen freuts ungemein. Dank Cruise hat die Sekte den Aufstieg in die Championsleague geschafft. Ein Traum für die Hubbard-Truppe, die es sich zum Ziel gesetzt hat, Deutschland für die Scientologen zu erobern. Mit Cruise zieht ein wenig Hollywood-Glamour in die spartanischen Kursräume von Hubbards Arbeitskolonnen ein. Soll da einer noch sagen, Scientology sei eine Sekte.

Tom Cruise ist für Scientology wie ein Sechser im Lotto. Die Psychosekte hat allerdings hart für den Volltreffer gearbeitet und Millionen in ein Promi-Projekt investiert. In Hollywood führen sie ein mondänes Zentrum, um den Stars den Puls fühlen zu können. So gingen Hubbards Missionskolonnen mehrere Kinohelden ins Netz.

Seit der Trennung von Nicole Kidman spielt Cruise mit heiligem Eifer den Scientology-Botschafter und löste John Travolta ab. Cruise lässt keine Gelegenheit aus, sich mit dem ganzen Gewicht seiner Prominenz für die amerikanische Bewegung ins Zeug zu legen. Bei den Dreharbeiten zum Film «Krieg der Welten» sponserte der Schauspieler ein Scientology-Zelt, in dem die gesamte Filmcrew von «ehrenamtlichen Geistlichen» betreut wurde und eine Einführung in die Geheimnisse der Sekte über sich ergehen lassen musste. Die Macht des Scientologen Cruise geht so weit, dass Regisseur Steven Spielberg die PR-Aktion dulden musste. Ausserdem nahmen etwa 20 Manager des Filmverleihs United International Pictures mehr oder weniger freiwillig an einer Führung durch das Scientology-Zentrum in Los Angeles teil. In Hollywood will es niemand mit dem mächtigen Cruise verderben. Alle bangen um Rollen und Jobs.

Zurück nach Deutschland. Cruise spaltete die geistige Elite, als er letzten Herbst für die Dreharbeiten zum Film über den Hitler-Attentäter in Berlin weilte. Boulevardmedien feierten den Star, und Promis standen Schlange, um ihm die Hand zu schütteln. Unter ihnen der Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit. Als Cruise dann vom Burda-Verlag den Bambi-Preis für besonderen Mut erhielt, wurde es manchen doch mulmig.

Nicht so Frank Schirrmacher, Herausgeber der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung». Er fühlte sich geehrt, die Laudatio auf Cruise halten zu dürfen. Prompt titelte seine Zeitung: «Deutschlands Hoffnung heisst Tom Cruise ». «Bild» hingegen schlug einen Salto und hielt in grossen Lettern fest: «Tom Cruise jetzt völlig durchgeknallt.» Grund: «seine irre Rede bei der Bambi-Verleihung». Cruise quittierte Schirrmachers Lobrede mit dem Ausruf: «Es lebe das heilige Deutschland.»

Die Schmierenkomödie torkelte von Höhepunkt zu Höhepunkt. Ein klares Zeichen setzten einzig die Innenminister, die in dieser Zeit den Beschluss fassten, ein Verbot von Scientology zu prüfen.

Doch es kam noch dicker. Im Internet tauchte plötzlich ein Video auf, das Cruise an einer Scientology-Veranstaltung in der Pose eines Diktators zeigt. In seiner kruden Rede rief Cruise im besten Scientology-Jargon: «We clean this place up», was nach scientologischer Ideologie und hubbardschem Machtverständnis nur eines bedeuten kann: «Wir wollen die Welt säubern». ZDF-Historiker Guido Knopp kommentierte: «Tom Cruise tritt wie Goebbels auf.»

Und dieser Tom Cruise spielt nun den Hitler-Attentäter Stauffenberg. So real kann nur die Wirklichkeit Satiren schreiben. Das Lachen ist aber den meisten Deutschen vergangen.

Für die deutschen Scientologen ist es ein Triumph sondergleichen, dass ihr Superheld Cruise den Hitler-Attentäter spielt. So ist Cruise nicht nur der Hauptdarsteller, er ist auch Produzent des Films. Nicht zufällig, denn Deutschland ist das einzige Land, das vor der Sekte noch nicht kapituliert hat. Die eigenen geschichtlichen Erfahrungen haben unsern Nachbarn für totalitäre Systeme, wie Scientology eines verkörpert, sensibilisiert.

Darf Cruise also den Hitler-Attentäter spielen? Halten wir fest: Cruise ist durch und durch Scientologe. Er benutzt seine Popularität als Hollywoodstar, um für die Sekte zu werben. Er vermischt die Rollen als Scientologe und Schauspieler. Ausserdem tritt er als Botschafter der Sekte auf. Man darf gar die Aussage wagen: Er ist zuerst Scientologe und dann Schauspieler. Als Scientologe glaubt er, ein Genie und ein unsterbliches Wesen zu werden. Als Schauspieler bewegt er sich «lediglich» auf dem vergänglichen weltlichen Parkett.

Trotzdem darf Cruise natürlich jede beliebige Rolle spielen, auch den Stauffenberg. Die Frage lautet vielmehr: Ist das sinnvoll? Ist er als Freiheitskämpfer glaubwürdig?

Nach den Auseinandersetzungen können informierte Kinobesucher nicht mehr unbelastet Cruise in «Walküre» bewundern. Sie werden permanent daran erinnert, dass er ein glühender Missionar einer totalitären Organisation ist. Hinter dem Freiheitskämpfer Stauffenberg wird stets die Sektenfratze hervorgucken, denn Cruise steht das Sektenstigma ins Gesicht geschrieben. Damit hat sich Cruise selbst als Stauffenberg unmöglich gemacht.

Allerdings treffen diese Aussagen nur auf Deutschland und Teile Europas zu, denn in den sektenfreundlichen USA wird Scientology weit gehend als Kirche betrachtet. Das kümmert Cruise wenig. Hauptsache, er kann das verhasste Deutschland in Aufruhr versetzen.

Freiheit dank Aufklärung

hugostamm am Donnerstag den 7. Februar 2008

Strenggläubige Christen ziehen mit geradezu missionarischem Eifer gegen die Aufklärung ins Feld. Alle, die mit einer gewissen Regelmässigkeit in diesem Blog lesen, können dies feststellen. Als Freigeist reibt man sich verwundert die Augen. Was passiert denn da? Weshalb ist die Aufklärung für Gläubige eine Bedrohung?

Halten wir fest: Der Aufklärung verdanken wir individuelle Freiheiten, Lehre, Forschung und Fortschritt in allen Lebensbereichen. Die Aufklärung hat der Ratio zum Durchbruch verholfen. Seither verlassen wir uns stärker auf die Vernunft, statt auf weltliche und geistliche Führer. Denn wir haben erkannt, dass die Vernunft die wohl verlässlichste Instanz ist.

Aufklärung ist kein Antipode des spirituellen Empfindens. Sie konzentriert sich in erster Linie auf die Natur- und Geisteswissenschaften. Religion und Aufklärung haben durchaus nebeneinander Platz.

Der Versuch vieler Frommen, die Aufklärung „auszurotten“, kann nie gelingen. Die Geschichte lehrt uns, dass ein Erfolgsrezept wie die Aufklärung, die uns Freiheiten und Wohlstand gebracht hat, nie rückgängig gemacht werden kann. Die Kraft der Vernunft bahnt sich immer einen Weg, weil niemand die geistigen und materiellen Privilegien aufgeben will.

Ich bin nicht so vermessen zu behaupten, die Aufklärung sei ausschliesslich ein Segen. Wir haben nicht gelernt, mit den Freiheiten verantwortungsbewusst umzugehen, die uns die Aufklärung geschenkt hat. Das dürfen wir aber nicht den Wissenschaftern und Philosophen ankreiden, die uns den Schlüssel zur Freiheit gegeben haben. Wir waren teilweise nicht fähig, den Verführungen zu widerstehen, die mit der Aufklärung aufgetaucht sind.