Schweiz

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hugostamm am Freitag den 4. Januar 2008

Schlag ins (Weih-)Wasser

„Was ist so schlimm an Scientology?“ fragt die Weltwoche in der neusten Ausgabe. Im Titel, wohl verstanden. Und bricht – einmal mehr – ein journalistisches Tabu. Autor ist nicht etwa ein Journalist, sondern Beda M. Stadler, Direktor des Instituts für Immunologie an der Universität Bern.

Immerhin atmet man bei der Lektüre etwas auf. Scientology wird nicht verklärt oder rehabilitiert, die Kritik an der Sekte aber relativiert. Ist das zulässig? Nein. Der Grund: Der Arzt vergleicht Birnen mit Äpfel. Dazu später mehr.

Zuerst listet Stadler die Sünden von Scientology auf. Das Register ist happig und man fragt sich, wie der Autor zu seinem Titel kommt. Dann klärt er uns auf: „Doch selbst wenn alles wahr ist, was man den Scientologen anlastet, so gehen auf ihr Konto keine Selbstmassaker wie bei anderen Sekten. Keine Religionskriege und keine Selbstmordattentäter, wie sie etablierte Religionen hervorbringen.“

Dann macht sich der Autor lustig über die scientologischen Thetane („Seelen“), die von anderen Planeten auf die Erde verschleppt worden seien und nun die Menschen befallen würden. „Kurios?“, fragt Stadler. Um anzufügen: „Christen glauben, ihr Gott habe seinen Sohn auf die Welt gesandt, um die Erbsünde, die keiner persönlich begangen hat, zu tilgen. Ein Muslim wiederum zweifelt nicht, dass Mohammed auf einem Pferd in den Himmel flog. Bisher hat noch jeder Messias auf diesem Planeten für neue Schwierigkeiten gesorgt. Hubbard, die aufgepimpte Neuauflage, darf man wenigstens als Karikatur zeichnen, ohne vor einem Selbstmordkommando Angst haben zu müssen.“

Weiter zieht er christliche Mythen zum Vergleich heran. „Da gibt es einen Gott, dessen Sohn an ein Holzkreuz genagelt wird und stirbt. Nach drei Tagen fliegt der Sohn in den Himmel. Später wird seine Mutter, die ihn hervorgebracht hat, ohne Sex gehabt zu haben, ebenfalls weggebeamt. Bevor man sich über Absurditäten wie die Xenu-Mythologie lustig macht, sollte man über einen Gott nachdenken, der von Abraham verlangte, seinen Sohn Isaak zu schlachten.“

Weiter greift der Autor Scientology-Experten der evangelischen Kirche Deutschland an, welche die Sekte als verfassungsfeindlich einstufen würden und deshalb verboten haben möchten. Stadler macht wieder den Vergleich mit unseren Kirchen: „Unser säkularer Staat gibt eben einigen Religionen Rückendeckung. Wie würden wir aber mit einer Sekte umgehen, die ihren Frauen strikt verbietet, Pfarrer zu werden? Das wäre zweifellos ein Verstoss gegen die Gleichstellung der Frau. Die katholische Kirche steht wie ein Fels in der Brandung, wenn es darum geht, die Frauen vom Altar fernzuhalten.“

In einen ähnlichen Vergleich zieht Stadler Homöopathie, Bioresonanz, Akupunktur, Kinesiologie und Cranio-Sakral-Therapie. Zum Schluss fragt er: „Was ist schlimmer, als Sohn von Tom Cruise oder als Tochter eines katholischen Pfarrers auf die Welt zu kommen? Scientology soll in keiner Art und Weise in Schutz genommen werden. Aber warum Scientologen anders beurteilen als andere Monotheisten?“

Zurück zu den Birnen und Äpfeln. Stadler vergleicht Dogmen, aber nicht die gängige Praxis. Die Abhängigkeit bei den Scientologen ist systemimmanent und trifft alle. Auch heute noch. Es gibt beispielsweise Strafgefangenenlager. Die Glaubenslehre in Grosskirchen mag fragwürdig sein, der Umgang mit den Gläubigen ist hingegen sehr zivilisiert – was man von Scientology nicht behaupten kann. Ein Katholik kann mit einem kurzen Brief repressionsfrei austreten – was bekanntlich täglich dutzendfach vorkommt. Der Austritt aus Scientology ist eine gröbere Übung.
Der Artikel in der Weltwoche kommt spektakulär daher, der Inhalt ist aber zu widersprüchlich, als dass er viel bewirken könnte.

804 Kommentare zu „Schlag ins (Weih-)Wasser“

  1. mira sagt:

    hier noch ein interview zum thema wie gefährlich ist scientology….und tom cruise
    der vor 4 jahren seine schäfchen fragt: ” what do you think, should we clean up this place?” “YES” brandet es zurück…das video ist übrigens die tage von youtube zurückgezogen worden, auf druck von scientology!

  2. feelx sagt:

    Guten Morgen Mira

    Es ging mir hier ursprünglich darum, zu zeigen, dass der Mensch gegenüber allen anderen Lebewesen etwas besonderes ist, da sein Leben und Dasein in dieser Welt nicht nur auf natürlichen Gesetzen sondern auf jenem Grund ruht, den man Freiheit nennt. Aus Freiheit kann es nur ein Selbstbewusstsein geben, kann es Selbstachtung geben, kann die Einsicht in die eigene Nichtigkeit entspringen. Wir Menschen leben nicht nur in der einen und einzigen Wirklichkeit, reflexionslos und blind, wir leben in der Möglichkeit, die uns Fragen stellt und uns zum Denken auffordert, die uns Entscheidungen abringt, die uns verzweifelt in die Leere blicken lässt, – und die uns Momente totaler Erfüllung und Glück bescheren kann.

    Dazu braucht es keinen Gott, – aber es braucht Vertrauen, es braucht manchmal Entschlossenheit und Mut.

    All das hast du offensichtlich. Das ist mehr als genug. Dein Leben wird von einer Krankheit geprägt, dein Bewusstsein vom Tod ist ein anderes als das vieler anderer. Vielleicht macht diese intensive Erfahrung der eigenen Endlichkeit, die ja die letzte und äusserste Möglichkeit unseres menschlichen Daseins ist, das Leben selbst intensiver. Vielleicht liegt es daran, dass die meisten eben dieses Bewusstsein der eigenen Endlichkeit verdrängen können, weil sie nicht mit einer Krankheit, nicht mit dem eigenen Tod unmittelbar konfrontiert werden.

    Jedenfalls findet man aus der Ohnmacht und Bedeutungslosigkeit nur zurück, wenn man sich selbst zurückgewinnt als etwas ganz eigenes, besonderes und unvergleichliches. Wenn man sich nicht mehr als „man“ unter millionen gleicher sieht, sondern als ich selbst mit eigener Würde und Achtung und Freiheit. – Ich brauche dafür keinen Gott. Ich will jenem Megawesen, ob es nun sei oder nicht sei, nicht lästig fallen mit etwas, was ich nur aus mir heraus schöpfen kann, ja wozu ich als Mensch überhaupt erst mächtig bin, der Möglichkeit der Freiheit, – zu transzendieren, über das hinauszugehen, was hier und da jetzt gerade wirklich ist. Dieses Überschreiten der Grenze des Wirklichen in das Mögliche, – auch das ist uns nur gegeben, weil wir, weil unser Wesen und Dasein in der Freiheit und aus Freiheit ist.

    Dennoch habe ich Sympathie für Menschen, die sich in dieser determinismuswütigen Welt nur selbst wieder zurückgewinnen können und zu ihrer ureigenen Freiheit finden können, indem sie jenes Vertrauen in sich selbst und in die Welt nur über ein transzendentes übergeordnetes Wesen meinen erhalten und behalten zu können. Ob jene es sich dabei einfacher machen als andere? – Kann da irgendjemand es sich „einfach“ machen, wenn es um Fragen geht, die die eigene Existenz in Frage stellen? – Ja, es gibt solche, die dem „Man“ verfallen bleiben, aber jene findet man unter Gläubigen wie unter Nichtgläubigen.

  3. mira sagt:

    @ feelx
    danke für deine zeilen.
    ich fliege gleich weg, komm aber gerne bei meiner heimkehr darauf zurück

  4. Beat sagt:

    http://www.unhchr.ch/udhr/lang/ger.htm
    Allgemeine Erklärung der Menschenrechte:
    Artikel 1
    Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen.

    Artikel 18
    Jeder hat das Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit; dieses Recht schließt die Freiheit ein, seine Religion oder Überzeugung zu wechseln, sowie die Freiheit, seine Religion oder Weltanschauung allein oder in Gemeinschaft mit anderen, öffentlich oder privat durch Lehre, Ausübung, Gottesdienst und Kulthandlungen zu bekennen.

    Grundsätzlich sollte die Mehrheit der Minderheit rücksichtsvoll und im Geiste der Brüderlichkeit begegnen. Wenn dem dann nicht auch von Seiten Minderheit ein Entgegenkommen folgt, dann erst würde ich in diesem Fall den Scientologen gegenüber anfangen misstrauisch zu sein.
    Was ich hier sehe ist aber ein klassisches Spiel des Stärkeren gegen den Schwächeren.
    Auf 1 oder 2 Kommentarschreiber die pro Scientology sind, kommen etwa das 5 fache der kritischen Stimmen.
    Also wenn Scientology keine Religion ist, eine Weltanschauung ist sie ganz bestimmt. Wer dem widerspricht, tut dies aus meiner Sicht nur deshalb, weil dies dann implizieren würde, dass Scientology unter Artikel 18 der allgemeinen Menschenrechtserklärung fällt.

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