Schweiz

Werbung

Archiv für September 2007

Sektenpolitik – nein danke!

hugostamm am Montag den 24. September 2007

In Deutschland ist alles ganz anders. Bei unserem Nachbarn im Norden arbeiten viele Sektenbeauftragte. Die beiden Landeskirchen engagieren Experten, die grossen Städte und die Bundesländer stellen Spezilisten ein, Konsumentenschutz-Organisationen leisten sich Aufklärer, Parteien delegieren Fachleute. Das führt dazu, dass die Bevölkerung ein Bewusstsein für die Gefahren der sektenhaften Vereinnahmung entwickelt hat.

Und es gibt in Deutschland Politiker, die den Mut haben, Sekten öffentlich mit scharfen Worten zu kritisieren. Paradebeispiel ist der ehemalige Bundesarbeitsminister Norbert Blüm, der Scientology einst als krakenhafte Wirtschaftssekte gebrandmarkt hatte und sich nicht vor Prozessen scheute. Heute wagt es der bayerische Innenminister Günther Beckstein, Scientology verbal zu attackieren. Auch an Fernsehdiskussionen. Und in Deutschland gibt es bei aktuellen Sektendiskussionen regelmässig heftige öffentliche Kontroversen.

Und bei uns? Nichts von alledem. Politiker ziehen ohnehin den Schwanz ein, wenn es um Sektenfragen geht. In religiösen Fragen ist man lieber neutral. Man könnte auch sagen: feige. Sektenberatungsstellen, die von der öffentlichen Hand betrieben werden, gibt es in der deutschen Schweiz ohnehin nicht. Alle scheuen die Auseinandersetzung mit Sekten. Also bewilligt man in Zürich auch Privatschulen, die von Scientologen betrieben werden. Sind wir Schweizer toleranter als die Deutschen? Oder einfach nur die grösseren Hasenfüsse?

Sinn und Sinnlichkeit

hugostamm am Dienstag den 18. September 2007

Religionen und Glaubensgemeinschaften vermitteln den Sinn des Lebens, den höheren Sinn. Das ist ihr Kerngeschäft. Sinn kommt auch von Sinnlichkeit. Radikale Gruppen sind aber sinnesfeindlich. Wie geht das?

Für streng Gläubige sind die Sinne eine Bedrohung. Dabei vergessen sie, dass es ohne Sinne keine Empathie, kein Einfühlungsvermögen gibt. Die Sinne sind der Motor menschlichen (auch menschlich wertvollen) Handelns. Wer die Sinne verteufelt, läuft Gefahr, sich zu entmenschlichen.

Weshalb werden die Sinne mit dem Teufel in Verbindung gebracht? Weshalb verstecken Islamisten ihre Frauen hinter Schleiern? (Eigenartig nur: Der Märtyrer erhält nach seiner mörderischen Tat 77 Jungfrauen, aber erst im Jenseits. Was bedeutet, dass die Sinne erst im Jenseits bedient werden dürfen.)

Die Sinne binden ans Diesseits, an das Hier und Jetzt. Sie erzeugen Glücksgefühle und sind Ausdruck der Lebensfreude. Radikale Gläubige richten ihre Sinne aber vorwiegend auf das Jenseits aus – und unterdrücken sie im Diesseits. Sinnlichkeit bedeutet für sie Versuchung, deshalb suchen sie das Übersinnliche.

Doch wer seine Sinne unterdrückt, verdrängt einen wichtigen Teil seiner Identität und seines Bewusstseins. Er misstraut seinen Sinnen – und somit seiner wichtigsten Triebfeder für menschliches Handeln. Und letztlich sich selbst. Und er handelt sich dauernd Schuldgefühle ein, weil niemand seine Sinne ungestraft unterdrücken kann. Im schlimmsten Fall muss er mit psychischen Auffälligkeiten rechnen.

Für die Gesellschaft sind Gläubige, die ihre Sinne verleugnen, eine Hypothek. Wer ihnen nicht traut, ist manipulierbar. Er hat sich von sich entfremdet und Wertnormen verinnerlicht, die gegen das Leben gerichtet sind. Deshalb orientieren sie sich gern an Autoritätspersonen, die ihnen sagen, was sie zu fühlen und zu denken haben. Es ist denn auch kein Zufall, dass radikale und sektenhafte Glaubensgemeinschaften autoritäre Strukturen aufweisen und von den Mitgliedern bedingungslosen Gehorsam verlangen.

Sinn hat viel mit Sinnlichkeit zu tun. Mit verantwortungsvoller und erfüllender Sinnlichkeit, die von Empathie geleitet ist.

Wer seine Sinne richtig wahrnimmt und ihnen den gebührenden Raum gibt, wird nicht masslos oder hedonistisch, sondern bescheiden und genügsam. Denn er weiss, dass Gier unglücklich macht. Soziale Gerechtigkeit und die Fähigkeit, sich an kleinen Begebenheiten zu erfreuen, erzeugen sinnliches Glück. Und somit Lebenssinn.

Der Sinn des Lebens liegt in erster Linie im Leben selbst. Wer ihn vorwiegend ausserhalb sucht, verpasst das Leben im Diesseits. Und ob er es im Jenseits findet, weiss niemand mit Sicherheit.

Neues Blog-Regime

hugostamm am Montag den 17. September 2007

Der Blog ist in letzter Zeit völlig aus dem Ruder gelaufen. Mehrere Blogger haben das Forum dazu benutzt, andere zu beschimpfen und mit Ausdrücken einzudecken, die nichts mehr mit einer zivilisierten Diskussion zu tun haben.

Bisher hatte ich mich stark zurück gehalten, weil ich an eine Selbstregulation glaubte. Doch der Ton ist in jüngster Zeit immer rüder geworden. Das führte dazu, dass die seriösen Blogger, die spannende Beiträge geschrieben haben, sich zurückgezogen.

Ich lasse nicht zu, dass eine Handvoll Blogger das Forum zu Grunde richtet. Ich habe deshalb begonnen, konsequent alle Kommentare zu kippen, die nicht in einem anständigen Ton verfasst sind. Wer nur auf andere Kommentatoren zielt und diese herabwürdigt, hat in Zukunft in diesem Blog nichts mehr zu suchen.

Kritik ist erwünscht. Man darf mich und andere Blogger heftig kritisieren. Aber mit Argumenten und nicht mit beleidigenden Worten.

Ich ergreife diese Massnahme nicht gern. Sie hat nichts mit Zensur zu tun, sondern mit Respekt und Anstand andern Personen oder Andersgläubigen gegenüber
(Ich stelle diesen Text als Beitrag in den Blog, damit ihn alle mitbekommen.)

Macht der Erkenntnis

hugostamm am Mittwoch den 12. September 2007

These: Der grassierende Aberglaube ist die irrationale Reaktion auf die für viele Menschen bedrohlichen Erkenntnisse der Wissenschaften.

Begründung: Bevor uns wissenschaftliche Erkenntnisse in die Moderne katapultierten, war die geistige Welt in unseren christlichen Breitengraden noch heil. Oben wachte der liebe Vater im Himmel, unten wütete der Satan, und im Zentrum des Universums machte sich der Mensch als Krone der Schöpfung die Erde untertan. Gott hatte die Erde in sechs Tagen geschaffen und den Menschen nach seinem Ebenbild geformt.

Doch dann begann der Mensch zu denken und zu forschen. Was er entdeckte, gefiel den Hütern des wahren Glaubens nicht. Ein Blick ins All zeigte, dass die Erde nicht das Zentrum war, sondern ein Staubkorn in der unfassbaren Unendlichkeit. Unser Planet wurde nicht etwa vor rund sechs tausend Jahren geschaffen, wie uns die Bibel weis macht, sondern entstand vor Millionen von Jahren.

Den Gipfel der menschlichen Kränkung leistete sich Darwin. Die Krone der Schöpfung verkam zu einer blosse Laune der Natur oder zu einem Zufallsprodukt. Glücklicherweise hatte sich die Wissenschaft inzwischen von der Kirche emanzipiert, sonst hätte Darwin wohl das gleiche Schicksal erlitten wie Galiläo Galilei.

In den letzten hundert Jahren ging es Schlag auf Schlag. Die Vorstellung vom vernunftsbestimmten, ethisch verantwortlichen Wesen, das treu die Gebote Gottes umsetzt, wurde durch die Erkenntnisse der Psychologie gründlich zerstört.

Freud entdeckte das Unbewusste und wies nach, dass wir Menschen von bisher unbekannten destruktiven Energien und Trieben beherrscht werden. Du bist nicht Herr in deinem Haus, beschied der Psychologe und raubte uns noch mehr Selbstwertgefühl. Der Mensch als ein besserer Affe. Was für ein Drama.

Es kam noch schlimmer. Die Seele, angeblich Sitz des göttlichen Geistes, wurde von den Ärzten, die erstmals einen Menschen setzierten, nicht gefunden. Heute sind sich viele Wissenschafter einig, dass die Seele nur das Produkt einer neurologische Funktion ist.

Den Rest gaben uns die Soziologen. Sie wiesen nach, dass wir ausschliesslich nach dem Prinzip des Eigennutzes funktionieren und nicht die altruistischen Wesen sind, als die wir uns gern sehen und wie die Glaubensgemeinschaften fordern. Die Demontage war perfekt.

(Kritiker werden einwenden, viele Menschen seien einfühlsam, hilfsbereit und opferten sich für andere auf. Soziologen werten die damit verbundene Anerkennung auch als Eigennutz. Dieser sei selbst bei einer Mutter Theresa wirksam gewesen, die sich mit ihrer Hilfsbereitschaft die Gunst des Himmels und damit das Heil erkämpft habe.)

Die Wissenschafter relativierten sogar die Liebe. Eine wichtige Rolle spiele dabei die Sexualität. Diese habe lediglich die Funktion, die besten Gene im Sinne der Evolution weiterzugeben.

Armer Mensch. Das heroische Bild, das er von sich selbst entwirft, zerbröselt zunehmend zwischen seinen Fingern. Übrig bleibt die Erkenntnis, dass alles nur von Hirnlappen gesteuert wird. Und dass unser Gastspiel auf der Erde nur ein Wimpernschlag auf der Zeitachse des Universums ist. Denn in ferner Zukunft geht auch unser Planet den Weg des Vergänglichen.

Um den fundamentalen Kränkungen zu entgehen, flüchten viele in den Aberglauben. Schade nur, dass manche sich gewaltsam gegen die Überbringer der angeblichen bedrohlichen Botschaften wehren.

Bei näherer Betrachtung ist das alles nur halb so schlimm. Im Gegenteil. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse verändern allenfalls unser Weltbild, das Leben an sich und unseren Alltag berühren sie nur am Rand. In hundert Jahren werden die Menschen lachen über unsere Diskussion. Genau so, wie wir heute über die Geistlichen lachen, die früher steif und fest behauptet hatten, die Erde sei eine Scheibe.

Warum müssen wir die neuen Erkenntnisse ernst nehmen? Die Geschichte lehrt uns, dass Ignoranz viel Leid über die Menscheit bringt, weil sie Autoritätspersonen viel Macht gibt. Und: Gegen die Macht der Erkenntnis ist langfristig ohnehin kein Kraut gewachsen.

Die Welt wird menschlicher, wenn wir die Tatsachen akzeptieren, wie sie sich nun mal präsentieren. Damit liesse sich viel Unheil verhindern. Unser krampfhafter Versuch, uns zu überhöhen und allem einen höheren Sinn beizumessen, führt zwangsläufig in den Aberglauben. Und allzu oft ins Unglück.

Astrologische Diagnose: Krebs!

hugostamm am Mittwoch den 5. September 2007

Aberglaube? Na und? Wen stört es? Jedem Tierchen sein Pläsierchen. Das Leben ist hart genug, da gönnen wir doch jedem seinen dunklen Fleck auf der Bewusstseinsweste. Wenn es den Alltag erträglicher macht, kann die Hoffnung auf ein gelegentliches Wunder nur nützen.

Solche Argumente bekomme ich oft zu hören, wenn ich mich kritisch mit dem Aberglauben auseinander setze.

Momentan dokumentieren zwei aktuelle Ereignisse den weit verbreiteten Aberglauben.

1. Die Suche nach dem verschwundenen und vermutlich ermordeten Mädchen Ylenia hat viele Pendler und Wahrsager auf den Plan gerufen. Sie glaubten, anhand der Pendelausschläge über Karten den Ort „erspürt“ zu haben, wo das Mädchen versteckt sei. Die Polizei war zwar skeptisch, doch sie ging verschiedenen Hinweisen der „Hellseher“ nach, um dokumentieren zu können, dass sie nichts unversucht lassen hat. Auch diese Suche blieb erfolglos. Ein weiteres Beispiel dafür, dass die Wahrsager und Pendler nur im Kaffeesatz lesen. Ich könnte genau so gut eine Karte aufhängen, einen Pfeil werfen und behaupten, das Mädchen könne bei der Einstichstelle gefunden werden.

Die endlose Reihe der Pleiten und Pannen hilft nicht, den Glauben an Wahrsager und Pendler zu erschüttern. Diese und ihr Publikum glauben weiterhin an die Wirkung des Pendels. Bei Schlafstörungen suchen Abergläubige weiterhin den Rat des Rutengängers, der in jedem Zimmer eine Wasserader findet. Auch bei Häusern, die an einem See liegen, wo es keine Wasseradern geben kann, sondern nur einen Grundwassersee. (Auch geologisch gesehen ist die Vorstellung von Wasseradern blanker Unsinn.)

2. Die bekannte Astrologin Elizabeth Teissier behauptete in diesen Tagen in einem Radiointerview, sie könne aus dem Geburtshoroskop herauslesen, ob jemand eine Veranlagung für Krebs habe. Später doppelte die abergläubige Frau nach, selbst die Veranlagung für Aids aus den Sternen lesen zu können. (Also wissen die Himmelskörper, ob sich ein Säugling dereinst mit einem Partner im Bett vergnügt, der Aids-krank ist.)

Wie viele Astrologie-Gläubige werden sich nun von Madame Teissier in die Sterne gucken und ihre Krebsveranlagung „testen“ lassen? Wie viele werden danach (vergeblich) panische Angst vor der oft tödlichen Krankheit haben? Wie gross wird ihr Selbstwerteinbruch sein? Wie viele werden Existenzängste erleiden und in Depressionen abrutschen?

Aberglaube ist ja so harmlos!

Fazit: Abergläubige Menschen neigen zur Autoritätsgläubigkeit, sind leicht beeinflussbar, weichen gern der Realität aus und verdrängen unangenehme Erkenntnisse.