Schweiz

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Archiv für August 2007

Fast wäre das Christentum eine Sekte geblieben

hugostamm am Dienstag den 28. August 2007

Die Verbreitung des Christentums wird in erster Linie den Aposteln zugeschrieben, die den Leitspruch „Gehet hin in alle Welt …“ in die Tat umzusetzen versuchten. Sie strömten vom Nahen Osten aus in alle Richtungen, um das Christentum zu verbreiten. Der Erfolg war vielerorts bescheiden. Oft stiessen sie auf Widerstand und mussten ihre Missionstätigkeit sehr diskret ausüben, um nicht verfolgt zu werden. Erinnert seien an die Aussetzungen in der Löwengrube und an die Katakomben.

Während den ersten drei Jahrhunderten verbreitete sich das Christentum relativ langsam. Da es noch keine Glaubens- und Kultusfreiheit gab, bestimmten viele Herrscher und Könige über die „Staatsreligion“, welche die Bürger zu befolgen hatten.

Die Wende kam mit Konstantin dem Grossen (ca. 280 bis 337). Ein Erlass von 313 erlaubte es den Religionen, sich im römischen Reich zu etablieren. Seine drei Söhne liess der Kaiser im christlichen Glauben erziehen. Er selbst liess sich aber erst am Ende seines Lebens taufen.

Über die Gründe seiner Bekehrung sind sich die Historiker nicht einig. Klar ist aber, dass er den christlichen Missionaren den Boden ebnete. Und dass sich dank des Dekrets von Konstantin der christliche Glaube ausbreiten konnte. Das führte so weit, dass Theodosius I. 380 den christlichen Glaube im römischen Reich zur Staatsreligion erhob. Damit begann der Siegeszug. Historiker behaupten, ohne Konstantin wäre das Christentum eine Sekte geblieben.

Pikant an der Sache: Das Christentum verdankt seinen Durchbruch in erster Linie einem Mann, der nicht eben ein Ausbund christlicher Moral war. Bei seinen Eroberungen kannte er keine Gnade mit seinen Gegnern. Selbst in seiner eigenen Familie griff er mit grosser Brutalität durch. So liess er 326 seinen ältesten Sohn Crispus und etwas später seine Frau Fausta töten. Über die Gründe streiten sich die Historiker.

Die Geschichte des Christentums ist also gepflastert mit unrühmlichen Ereignissen. Nicht nur im Mittelalter mit den Kreuzzügen, der Inquisition und dem Ablasshandel. Schon bei den Anfängen stellte ein gewalttätiger Herrscher die Weichen, auf den die christliche Kultur nicht stolz sein kann. Ein bisschen mehr Bescheidenheit und Demut täte also auch heute noch vielen Missionaren gut, die oft nicht sehr behutsam vorgehen, wenn sie „Heiden“ in den Entwicklungsländern missionieren. Eine Rückbesinnung auf die „unchristlichen“ Wurzeln wäre sicher sinnvoll.

(Zur Zeit findet in Trier eine Ausstellung zu Konstantin dem Grossen statt. Hier hatte der Kaiser bis 316 residiert.)

Glaube macht seelig

hugostamm am Dienstag den 21. August 2007

Giora Keinan, Chef-Psychologe der israelischen Armee, hat 1991 in Tel Aviv Israelis besucht, die aus Angst vor den Scud-Raketen in Bunkern nächtigten. Er befragte 174 Landsleute nach ihrem Befinden und den religiösen Gefühlen. Dabei förderte der Psychologe erstaunliche Erkenntnisse zu Tage.

Die Leute mit den stärksten Ängsten entwickelten einen seltsamen Aberglauben und suchten Zuflucht bei übersinnlichen Ideen, fasste Keinan seine Erkenntnisse zusammen. Wenn andere Mitbewohner erzählten, ihr Haus sei von einer Missile-Rakete getroffen worden, atmen die Abergläubigen erleichtert auf. Nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung schöpften sie Hoffnung, dass ihr Haus in Zukunft verschont bleibe.

“Immer dann, wenn Menschen sich besonders hilflos fühlen, entdecken sie das Übersinnliche”, erklärt Keinan seine Untersuchungsergebnisse. „Magische Gefühle, der Glaube an Übernatürliches sind viel stärker verbreitet, als die meisten wahrhaben wollen. Das habe nur wenig zu tun mit dem vermehrten Drang zu Religionen. Laut Keinan haben auch neue Studien gezeigt, dass sich der Aberglaube bei vielen instinktiv entwickle und sich der rationalen Auseinadersetzung entziehe.

Wie schnell aus gut informierten und kritischen Studenten abergläubische Menschen werden, zeigten kürzlich auch Psychologen der Universitäten Princeton und Harvard in einer Serie von Experimenten. Ihren Probanden führten sie eine Person mit verbundenen Augen am Spielautomaten vor. Anschließend forderten sie die Testkandidaten auf, den blinden Spieler mit ihren Gedanken zu steuern. Was die Studenten nicht wussten: Das Spiel war getürkt, der Blinde hatte Sehschlitze in seiner Binde, konnte also auf ein Zeichen hin verlieren oder gewinnen. Fazit: Fast alle Probanden glaubten, mit ihren Gedanken das Spiel beeinflussen zu können.

Warum geben sich Menschen so bereitwillig derartigen Illusionen hin? Hirnforscher haben eine Region lokalisiert, die offenbar verstärkt aktiv wird, sobald es ums Magische und Übersinnliche geht: Diese Region sitzt im rechten Hirnlappen. “Das Gehirn scheint ein Netzwerk von Neuronen zu haben, das bewirkt, dass wir in bestimmten Situationen stets eine relevante Hypothese der rationalen Erklärung vorziehen”, sagte Pascal Boyer, Professor für Psychologie der Washington University der “New York Times”, “einfach weil es die kürzeste Verbindung im Hirn ist.”

Tatsächlich lieben viele Menschen das Unerklärliche. Es zieht sie magisch an. Sie sehnen sich nach dem Zauber, dem Mystischen, Geheimnisvollen. Und bekanntlich findet der Mensch immer das, was er sucht. Auch wenn es zu seinem Nachteil ist.

Macht der Zweifel Sinn?

hugostamm am Montag den 13. August 2007

Es besteht kein Zweifel: Glaube beruhigt ungemein. Er gibt Rückhalt, Trost in schwierigen Stunden, Sicherheit für die Zukunft, Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod. Gläubige sind überzeugt, zur auserwählten Gruppe zu gehören, in der Gnade Gottes zu stehen und Anspruch auf das Seelenheil zu haben. Da ist alles, wonach wir uns sehnen. Wieso, um Gottes Willen, gibt es bei dieser tollen Wirkung des Glaubens immer noch Leute, die eine kritische bis skeptische Haltung einnehmen?

In der Grundfrage des Glaubens gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder ist eine Heilslehre wahr oder sie ist falsch. Teilwahrheiten in religiösen Fragen sind ein Widerspruch in sich.

Wenn eine einzelne Heilslehre wahr ist, dann sind alle Anders- oder Nichtgläubigen Looser und Narren. Sie verpassen die einmalige Chance, das ewige Seelenheil zu erhaschen, obwohl es ihnen auf dem Serviertablett präsentiert wird. Vielleicht schlagen sich die Skeptiker nach ihrem Ableben an die Stirn – wenn sie dazu noch Gelegenheit bekommen – und hadern mit dem Schicksal: Warum nur waren wir so blöd und haben den falschen Glauben gewählt?

Zur Ehrenrettung der Zweifler sei angefügt, dass die Auswahl riesig ist und die Trefferquote wie ein Sechser im Lotto. Wer wagt schon zu bestimmen, welche der Hunderttausenden von Glaubensgemeinschaften die einzig wahre ist?

Bleibt die zweite Möglichkeit: Zu glauben, ohne die Gewissheit zu haben, dass es die unumstösslich richtige Heilslehre ist. Der Profit wäre immer noch sehr gross: Glaube beruhigt ungemein. Er gibt Rückhalt, Trost in schwierigen Stunden, Sicherheit für die Zukunft … siehe oben. Der Gewinn wäre zumindest für das aktuelle Leben im Diesseits enorm. Warum legen Skeptiker ihre kritische Haltung nicht ab und profitieren von der beruhigenden Wirkung des Glaubens?

Vom Glauben zum Wahn

hugostamm am Montag den 6. August 2007

Glaube versetzt Berge. Ein Sprichwort, das jeder kennt. Nur: Ist es erstrebenswert, mit dem Glauben Berge zu versetzen?

Die Scientologen opfern sich jahrein und jahraus für ihren Glauben. Sie missionieren, täuschen die Umworbenen, wenden unschöne Indoktrinationsmethoden an. Das wissen sie. Ihre Begründung: Weil uns die bösen Medien als Sekte stempeln, sind wir gezwungen, uns ein bisschen zu verstellen. Der Zweck heiligt die Mittel, die ja niemandem weh tun. Im Gegenteil: Wer in den Genuss unseres Auditings kommt und so das ewige Leben gewinnt, ist uns hinterher dankbar, dass wir ihm noch nicht gesagt haben, wie teuer die Auditingstunden später einmal werden, glauben die Scientologen.

Auch bei den Zeugen Jehovas heiligt der Zweck die Mittel. Damit verunfallte Zeugen im Spital nicht schwach werden und sich von den Ärzten überreden lassen, eine Infusion zu akzeptieren, tragen sie stets einen Ausweis auf sich. Und die so genannten Krankenhaus-Komitees eilen sofort ins Spital und überwachen den Gläubigen, damit er ja nicht wankelmütig wird. So versetzt der Glaube Berge: Die gebärende Zeugin stirbt lieber bei der Geburt, als sich eine Infusion stecken zu lassen. Auch wenn das Neugeborene ohne Mutter aufwachsen muss. Und der Ehemann seine Frau sinnlos verliert.

Die Anhänger der Kinder Gottes, später „die Familie“ genannt, haben früher Seelen mittels flirty fishing geangelt. Sie missionierten mit den Reizen ihres Körpers, um verirrte Seelen zu Gott zu führen. Kindersex war kein tabu. Gott habe ihnen einen wunderbaren Körper und sexuelle Empfindungen gegeben, argumentieren sie. Der Mensch müsse mit all seinen Gaben Ungläubige zu Gott führen. Der Zweck heiligte die Mittel, bis die ersten Kinder Gottes an Aids starben. Auch eine Gabe Gottes?

Beim Sektendrama der Sonnentempler wurden 23 Anhänger umgebracht. Am Tag darauf begingen 25 weitere Sonnentempler zusammen mit ihrem Guru Jo Di Mambro Suizid. 20 zurück gelassene Anhänger waren bitter enttäuscht, dass der Guru sie nicht mitgenommen hatte auf die Reise zum Planet Sirius. Sie nahmen sich kurzerhand das Leben. Glaube, der Berge versetzt, ist stärker als der Überlebenstrieb. Dann mutiert er wohl zum Wahn.