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Archiv für August 2006

Der faschistoide Guru

hugostamm am Mittwoch den 30. August 2006

Osho, oder Bhagwan, wie er sich früher nannte, galt als der sanfte Guru. Sein liebliches Gesicht, der wallende Bart und die listigen Äuglein liessen die Herzen vieler Anhängerinnen schmelzen. Und da in den Bhagwan-Kommunen und –Ashrams lange Zeit die freie Liebe propagiert und praktiziert worden war, zog er auch männliche spirituelle Sucher an, die damals noch nicht so viel Übersinnliches oder Esoterisches am Hut hatten. Hei, wie ging es lustig her und zu bei den erleuchteten Devotees des extravaganten Gurus aus Poona.

Bhagwan war ein heller Kopf. Er hatte zwar viele spirituelle und philosophische Weisheiten aus allen Epochen zusammengeklaubt, aber seine neue Mischung aus alten fernöstlichen Weisheiten und westlich hedonistischer Denkweise liess viele Althippies durchstarten.

Der indische Guru war überdies ein schlauer Fuchs und Meister der Provokation. Seine spirituelle Bewegung eine Sekte? Ach wo! Er band, wie er vorgab, seine Anhänger nicht an sich. Er warf ihnen sogar an den Kopf: Selber blöd, wer mir glaubt, mir nachfolgt oder mir gar einen Rolls Royce schenkt. (Die Devotees taten es trotzdem. Als er starb, war er stolzer Besitzer von 99 Edelkutschen. Er hätte gern 365 gehabt. Damit er jeden Tag in einen andern Rolls hätte steigen können. Verständlich. Bei einer täglichen Fahrt von 400 Metern von seiner Residenz zur Buddha-Hall. Und zurück.) Je mehr er seine Jünger auslachte und anschwieg – in Oregon beliebte es dem Guru, jahrelang zu schweigen -, desto frenetischer jubelten sie ihm am Strassenrand zu, wenn er in seinem Rolls vorbeischwebte.

Für ihn war alles nur ein Spiel, ein netter Joke. Mindestens in seinen Lectures. Worte sind ja so geschmeidig. Sie fliessen leicht über die Lippen. Und man hört es gern, wenn einer brillant zu formulieren weiss.

Doch bei Bhagwan klafften die spirituellen Unterweisungen und die grobstofflichen Anforderungen tüchtig auseinander. Der liebliche Guru mit den verschmitzten Äuglein konnte ganz schön bissig werden. Dann war es vorbei mit den einlullenden übersinnlichen Schalmeien. Und wenn seine rechte Hand Sheela zur Geissel griff, rannten die Osho-Krieger zu den Maschinengewehren und sicherten das Osho-Gelände mit scharfer Munition ab.

Den wahren Geist offenbarte Bhagwan in seinem Buch “Die goldene Zukunft”. Darin entwickelt er ein neues Gesellschaftsmodell. Was er propagiert, grenzt an Diktatur. Und hat faschistoide Anleihen.

Beispiele: Wählen darf in “Osho-Land” nur, wer einen Meditationskurs nach bhagwa(h)nscher Art absolviert hat. Gläubige anderer Religionen müssen umerzogen werden, damit sie vom Aberglauben befreit werden. Wählbar ist nur, wer die Matur (Abitur) hat und durch die Osho-Schule gegangen ist. Uneingeschränkte Bürgerrechte haben also nur Osho-geeichte Individuen. Gute Nacht Demokratie, Solidarität, Gleichheit. Ganz zu schweigen von den Menschenrechten.
Zur Fortpflanzung: In Zukunft dürfen nur künstlich befruchtete Kinder zur Welt gebracht werden. Vorher werden die Gene der Samen und Eier getestet. Osho wörtlich: „Künstliche Besamung ist die einzige wissenschaftliche Methode, um das beste Kind zu finden. ‚Ich bin der Vater’ – diese alte Vorstellung müssen wir aufgeben. Wir müssen umlernen: ‚Ich habe das beste Kind ausgesucht’ – das sollte der Stolz des Mannes sein.“ So können Missbildungen vermieden werden. Familien sind laut Osho überholt, Kinder sollten in speziellen Kommunen aufwachsen.

Und jetzt kommt’s knüppeldick: Behinderte werden „in den ewigen Schlaf geschickt“, wie Bhagwan die Euthanasie verräterisch sanft umschreibt. Sprich: Umgebracht. „Und es ist gar kein Problem dabei: nur der Körper löst sich wieder in die Elemente auf, die Seele sucht sich einen andern Mutterschoss. Nichts wird zerstört.“

Da wundert es auch nicht, dass in Bhagwan-Ashrams Kinder sexuell missbraucht worden sind. Von der angeblich spirituellen Superelite.

Dabei gelten Bhagwan und seine Anhänger bei uns als pionierhafte, sanfte, originelle und kreative spirituelle Sucher. Und noch heute sind Hunderte von „Therapeuten“ tätig, die Bhagwans Methoden anwenden.

Gott verehren und leiden

hugostamm am Freitag den 25. August 2006

Ich habe meine bisherigen Beiträge thematisch einigermassen abgerundet und jeweils mehr oder weniger deutlich Stellung bezogen. Das führte dazu, dass ich damit vor allem zustimmende oder ablehnende Kommentare provozierte. Der Raum für eigene Betrachtungen und differenzierte Stellungnahmen wurde eingeschränkt. Deshalb möchte ich eine neue Form versuchen.

Konkret: Ich enthalte mich beim neuen Beitrag der Meinung. Ich beschreibe möglichst wertfrei ein paar Situationen und stelle Fragen. Vielleicht wird die Diskussion dadurch noch lebendiger und vielfältiger.

Das Thema: Anbetung, Leiden und Busse tun.

In den meisten Glaubensgemeinschaft ist die Verehrung Gottes, eines Propheten, Heilsverkünders oder Gurus ein zentraler Bestandteil des Glaubens. So werfen sich beispielsweise Gläubige vor ihrem fernöstlichen Meister nieder. Oder katholische Bischöfe legen sich vor dem Papst auf den Boden. Weiter: Zehntausende Devotees legen die Hände unter dem Kinn zusammen und verneigen sich vor dem indischen Guru Sai Baba, der sich als göttlich bezeichnet. Schon der Begriff Devotee enthält das Element der Verehrung. Diese ist die Vorstufe der Anbetung. Die Scientologen verehren ihren Gründer Hubbard, in dem sie – obwohl er vor über 20 Jahren verstorben ist – permanent in der Gegenwartsform von ihm sprechen und in jedem Zentrum ein Büro eingerichtet haben, das für ihn reserviert ist.

Eng damit verbunden ist das religiöse Ritual des Leistens von Busse und das Leiden. Pilger in Jerusalem geisseln sich am Karfreitag in Jerusalem und tragen ein Kreuz durch die Via Dolorosa. Katholiken kriechen auf den Knien über den grossen Platz von Lourdes. Eine Art von Busse ist auch der Abbau von karmischer Belastung im Hinduismus. Es ist verboten, den Aufstieg in eine höhere Kaste im aktuellen Leben zu vollziehen. Das Leiden muss auf sich genommen werden. Viele Religionsgemeinschaften kennen die Enthaltsamkeit in zahlreichen Formen: Von der Keuschheit über die Ehelosigkeit bis zu Askese.

Dient die Verehrung der Persönlichkeitsbildung? Fördert sie den Glauben? Macht sie die eigene Beschränkung und Begrenztheit bewusst? Bricht sie falschen Stolz? Hilft sie, über den spirituellen Führer Gott besser erfahren zu können? Bereitet sie die Erleuchtung oder Erlösung vor?

Helfen das Busse tun und das Leiden die Entlastung des Gewissens? Wirken Busse und Leiden befreiend? Fördern sie die Glaubenskraft? Oder festigen sie die Bindung zu Gott, dem Guru oder Propheten? Fördern sie neue Einsichten und religiöse Erfahrungen? Werden die Gläubigen geläutert?

Sexualität und Glauben

hugostamm am Sonntag den 20. August 2006

Sexualität ist bei den meisten Glaubensgemeinschaften ein zentrales Thema. Das ist erstaunlich. Denn die Sexualität ist eigentlich etwas sehr Intimes und Individuelles. Und hat mit Glauben nicht allzu viel zu tun, müsste man meinen.

Ein paar wenige Beispiele sollen die Verstrickung von Glauben und Sexualität zeigen: Nonnen und Mönche der indischen Gurugemeinschaft Hare Krishna werden am Ende des Lebens nicht erlöst, wenn sie sich nicht enthaltsam leben. So jedenfalls hielt es der Gründer Swami Prabhupada fest. (Heute ist das Dogma etwas gelockert, weil die Bewegung wegen des Zölibats einen Anhängerschwund erlebte.)

Doch wir müssen nicht so weit gehen: In den katholischen Klöstern ist Enthaltsamkeit ein Gebot. (Auch wenn wohl die wenigsten dieses einhalten können.) Und der Zölibat der katholischen Pfarrer ist sprichwörtlich. Dass er eher ein Fluch als ein Segen ist, beweisen die Skandale. Und die vielen unehelichen Kinder.

Auch viele Freikirchen disziplinieren ihre Gläubigen über Verhaltensregeln. Sexualität vor der Ehe gilt als Sünde, Homosexualität ohnehin. Verschiedene charismatische Freikirchen bieten Seminare für Homosexuelle an, in denen sie „geheilt“ werden sollen. Diese erinnern fast schon an Umerziehungsprogramme. Der Grundtenor: Sexualität dient der Fortpflanzung und nicht der Lust. Doch damit wird sie zur Disziplinierung der Gläubigen missbraucht.

Selbst zahlreiche buddhistische Heilslehren und Klöster tun sich schwer mit der Sexualität. Viele Mönche und Nonnen sollten ebenfalls enthaltsam leben. Sie versuchen, die körperliche Sexualität spirituell zu kompensieren. Mit Hilfe der Meditation und geistigen Konzentration vollziehen sie einen geistigen Orgasmus, der ein Feuerwerk im Hirn auslösen und viel, viel länger anhalten soll als der sexuelle.

Viele esoterische und theosophische Gemeinschaften interpretieren die (körperliche) Sexualität als spirituelle Disziplin. Für sie ist die Sexualität eine übersinnliche Energie, die den geistigen Aufstieg fördern und die Erleuchtung begünstigen soll. Das führt oft zur Promiskuität und zur Unterdrückung der Frauen, die sich den Männern zur Verfügung halten müssen. Wer sich verweigert, gefährdet angeblich das Gruppenwohl und seine eigene spirituelle Entwicklung. Dass die „freie Liebe“ mehr mit Triebbefriedigung denn spiritueller Entwicklung zu tun hat, müsste eigentlich auf der Hand liegen. (Und mit Freiheit hat der Zwang zum Beischlaf ohnehin nichts zu tun.)

Ein eindrückliches Beispiel für spirituell verklärte Sexualität ist auch der schwere Missbrauch, den Lea Saskia Laasner hat über sich ergehen lassen müssen. Mit übersinnlichen Argumenten wurde sie von einem perversen Guru schon mit 13 Jahren geschändet. (Die Erfahrungen hat sie im Buch „Allein gegen die Seelenfänger“ festgehalten.)

Womit wir beim indischen Guru Bhagwan (später nannte er sich Osho) wären. Leas Guru und sein Medium waren ursprünglich Osho-Anhänger und haben sich später selbständig gemacht. Was sich früher in den Bhagwan-Kommunen abgespielt hat, ist menschenverachtend. Da wurden auch Kinder missbraucht. Die Bhagwan-Gruppen sind quasi die Brutstätten der spirituell verbrämten Sexualität. Über die vielen Bhagwan-Therapeuten, die sich später selbständig machten, griff die Unsitte auf andere Gruppen der Esoterik-Szene über. Ein endloses Tummelfeld für Männer, die auf der „freien Wildbahn“ vermeintlich zu kurz kamen.

Wer seine sexuellen Bedürfnisse verantwortungsvoll auslebt und respektvoll mit seinem Partner verkehrt, ist in der Regel eine ausgeglichene Persönlichkeit. Dazu braucht es einen hohen Grad an Emanzipation und Bewusstsein. Wer danach strebt, hat meist auch in andern Lebensbereichen klare Ansichten und versucht, sein Leben nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten. Kurz: Er verfügt über einen ausgesprochenen Freiheitsdrang. Dogmen und von aussen aufgedrängte Verhaltensregeln schränken seinen freien Geist ein, weshalb er kritisch auf Normen reagiert, die Glaubensgemeinschaften aufstellen.

Oder anders herum: Viele Glaubensgemeinschaften verfechten klare Wertvorstellungen bezüglich Sexualität, um die Gläubigen mental zu kontrollieren. Die selbst ernannten Propheten und Gurus wissen, dass Gläubige, die einen befreiten (und verantwortungsvollen) Umgang mit der eigenen Sexualität pflegen, an der geistigen Freiheit schnuppern. Und wer auf den Geschmack gekommen ist, will den Freiheitsgedanken auch auf andere Lebensbereiche ausweiten. Das heisst nicht, dass er deshalb nichts mit Glauben oder Spiritualität zu tun haben will. Aber er wird Glaubensgemeinschaften meiden, die ihm zu viele Regeln und Normen aufdrängen. Und die ihm dreinreden bis hin ins Bett.

Kommerzialisierung des religiösen Marktes

hugostamm am Montag den 14. August 2006

In der Wirtschaft, aber auch in der Politik und im säkularen Leben spielen wirtschaftliche Aspekte eine dominante Rolle. Expansion, Existenzsicherung und Vermögensbildung sind zentrale Triebfedern menschlichen Handelns. Unser Denken wird über weite Strecken bestimmt von Geld- und Besitzfragen. Das ist oft notwendig, häufig aber auch anstrengend. Vor allem auch, wenn man bedenkt, dass das Glück eigentlich mehr vom Sein denn vom Haben abhängt.
Das Schaffen von Mehrwert gehört zum Alltag wie das Amen zur Kirche. Und da darf man auch schon mal über die Stränge hauen. Schliesslich haben wir ja noch den Sonntag. Er ist reserviert für die Besinnung, die Pflege des Immateriellen, des Religiösen und Spirituellen. Wirklich?

Seit sich der religiöse Markt diversifiziert, ist auch die spirituelle Welt keine Oase des Geistigen mehr, die uns vor materieller Macht und Gier schützt. Die neureligiösen Bewegungen halten nicht viel von der Trennung von Geld und Geist. Der spirituelle Markt hat sich diesbezüglich tüchtig säkularisiert. Religiöser Service muss heute genau so berappt werden wie ein Wellnessprogramm. Das Heil gibt es nur gegen Cash. Das materielle Denken macht weder vor einem Tempel, Ashram oder einer Kirche halt. (Ausnahmen bestätigen die Regel.)

Das Beispiel von Scientology haben wir in diesem Blog ausführlich beschrieben. Für neue Teilnehmer sei wiederholt, dass es Hunderttausende von Franken kosten kann, wenn man clear werden und die OT-Stufen erklimmen will. Die Sekte kennt auch Spendenstufen bis zu einer Million Dollar. Aber auch esoterische Workshops und Seminare sind in der Regel sehr teuer. Auch das spirituelle Heil – so man es überhaupt findet – kann Zehntausende Franken kosten. Ausserdem ist ein richtiger Markt entstanden, der Heilsteine, Duftwässerchen, Aurosoma-Fläschchen, Pendel und ein grosses Sortiment an Apparaturen und Messgeräte anbietet. Ganz zu schweigen vom Büchermarkt. In den 90-er Jahren betrug der Umsatz an Waren und Serviceleistungen im Esoterikmark über eine Milliarde Franken.

Legendär ist auch Bhagwan (später: Osho). Als er Gicht hatte, zog er aus dem feuchten Poona in die Wüste von Oregon, und seine Anhänger zauberten eine feudale Oase hervor. Und sie schenkten ihm 99 Rolls Royce, mit denen er von seiner Residenz zur Buddhahall fuhr. Täglich 400 Meter hin, 400 Meter zurück. Sein Ziel: Für jeden Tag eine neue Karosse. Der Tod verhinderte den Plan.

Auch die Freikirchen, die sich gern als die wahren Glaubensgemeinschaften und barmherzigen Samariter darstellen, sind bei ihren Geldforderungen nicht eben bescheiden. Sie verlangen – getreu dem Alten Testament und den Worten Jesu im Neuen Testament – den zehnten Teil des Einkommens von ihren Gläubigen. Das ist sehr viel. Dabei übersehen die Freikirchen, dass wir daneben noch Steuern zahlen, mit denen schliesslich auch soziale Werke unterstützt werden.
Dieses sture Festhalten am Zehnten schafft Ungerechtheiten. „Christlich“ wäre ein Sozialtarif. Ein Alleinstehender, der ein Einkommen von 100’000 Franken hat, kann den Zehnten leicht verkraften. Ein Handwerker, der eine siebenköpfige Familie (Freikirchler haben aus religiösen Gründen oft viele Kinder) ernähren muss, kann kaum zehn Prozent des Einkommens erübrigen. Liefert er den Zehnten nicht ab, plagen ihn moralische Ängste, weil er Gottes Willen nicht erfüllt.

Kurz: Der Glaube, die religiöse oder spirituelle Sphäre sei frei vom materiellen Denken, ist eine Illusion. Der religiöse Markt wird zunehmend kommerzialisiert. Die Raffgier vieler spiritueller Lehrer und Gurus zeigt sich an den massiv übersetzten Seminargeldern. Aber auch viele Heiler verlangen exorbitante Honorare. Auch im Spirituellen herrscht zunehmend das Bewusstsein vor: Was nichts kostet, ist nichts wert. Geld und Geist – oft zwei Seiten der gleichen Medaille.

Sehnsucht nach einem Führer

hugostamm am Mittwoch den 9. August 2006

Ich habe mich im letzten Beitrag damit beschäftigt, dass der Wille zur Macht ein Wesensmerkmal vieler Politiker ist. Ähnlich verhält es sich bei den meisten westlichen Gurus, selbst ernannten Propheten und Sektenführern. Diese „mächtigen“ Männer – gelegentlich auch Frauen – verdanken ihren Erfolg und somit ihre Macht den Wählern und Gläubigen. Ohne die Ehrerbietung der Gefolgsleute wären sie wie der König ohne seine Kleider. Oder wie einsame Rufer in der Wüste.

Was mich verblüfft: Selbst Despoten und egozentrische Gurus schaffen es immer wieder, eine Fangemeinde um sich zu scharen. Wie ist das möglich? Realisieren die Anhänger nicht, wem sie huldigen?

Nehmen wir zur Verdeutlichung zwei krasse Beispiele: Shoko Asahara, Guru der japanischen Aum-Sekte, gab sich als spiritueller Führer aus, war aber offensichtlich ein machtbesessener, kaltherziger Mensch. Sein autoritäres, wenn nicht gar autistisches Gebaren war leicht erkennbar. Wer sich nicht vollständig unterordnete und für den Guru schuftete, wurde drangsaliert, bestraft und im Extremfall in ein Säurefass gesteckt, wo er qualvoll starb. Der Mann hatte nicht einmal ein Charisma. Trotzdem hatte er eine weltweite Anhängerschaft, die in die Zehntausende ging. In seiner Paranoia und seinem Endzeitfieber organisierte er die Giftgasanschläge auf die U-Bahn von Tokio, bei denen 11 Menschen starben und 5000 in Spitalpflege gebracht werden mussten.

Es ist kaum zu fassen, dass Tausende mehrheitlich gut gebildete Anhänger ihm devot zu Füssen sassen und sich demütigen und bestrafen liessen.

Noch krasser: Adolf Hitler. Wer eine seiner Reden gehört hat, hätte eigentlich in panischer Angst fliehen müssen. Hass und Fanatismus schlugen einem bei Wortwahl, Aussagen, Tonfall und Gesichtsausdruck förmlich entgegen. Allein das verfolgen seiner Reden am Radio hätte allen einfühlsamen Menschen klar machen müssen, dass da kein weiser Staatsmann spricht, sondern ein Irrer.

Weshalb sind viele Leute so unsensibel? Weshalb erkennen sie religiöse oder politische „Falschspieler“ nicht? Wieso lassen sie sich von Machtmenschen blenden? Ist es denn so schwer zu erkennen, wer das Wohl seiner Anhänger im Auge hat und wer vor allem seine persönlichen (Macht-)Interessen verfolgt?

Das Hauptproblem liegt darin, dass viele Menschen sich nicht auf ihr Urteilsvermögen verlassen können, weil sie autoritätsgläubig sind, Existenzängste haben und von Sehnsüchten geleitet werden. Ausserdem fehlt es oft an „praktischer Intelligenz“. Das bedeutet: Unabhängig denken und beobachten können, Vorgänge kritisch hinterfragen, Zusammenhänge herstellen. Dazu gehört halt auch eine gewisse Portion an Informationen, die man nicht nur aus Nachrichten und Tagesschau beziehen kann.

Das entscheidende Manko sehe ich aber in der mangelnden Empathie, dem Einfühlungsvermögen. Man erkennt Gurus und Politiker nicht nur an ihren Worten, man sollte sie auch emotional einschätzen können. Dies wiederum bedingt, dass man seinen eigenen Gefühlen vertrauen kann. Doch hier hapert es bei vielen Menschen. Sie können zwar auf einen Blick erkennen, ob die Krawatte eines Politikers sitzt, ob sie richtig assortiert ist, ob das Jackett zu eng oder zu weit usw. Sie können aber nicht beurteilen, ob die Person und ihre Aussagen glaubwürdig sind.

Deshalb gibt es auch in der Politik ein „Sektenphänomen“: Weil sich viele Bürger nicht auf ihr „Gspüri“ verlassen können, brauchen sie Idole, Ideologien, „Führer“, die ihnen (vermeintliche) Sicherheit geben. Sie müssen sich mit ihrem Lieblingspolitiker identifizieren, ihn verehren und in ihm den „Heilsbringer“ sehen. In dieser Situation haben kritische Gedanken keinen Platz mehr, weil der Glanz des Idols matt werden könnte. Und schon übernimmt der verehrte Politiker die Funktion eines Gurus. Der einzige Unterschied liegt darin, dass er keine Heilslehre verkündet, sondern eine Ideologie. Doch manche Ideologien haben ja auch schon fast Heilscharakter. Man denke nur an das Dritte Reich.

Wenn wir eine „humanere“ Welt schaffen wollen, müssen ihre Bewohner darauf mehr Einfühlungsvermögen entwickeln und mehr Bildung bekommen. Dann steigen Selbstwertgefühl und Bewusstsein. Dann brauchen sie keine „Führer“ mehr. Weder religiöse noch politische.

Machtansprüche verhindern Frieden

hugostamm am Freitag den 4. August 2006

Die Kommentare im letzten Blog-Beitrag haben sich „verselbständigt“ und sind auf die politische Schiene eingeschwenkt. Das Bedürfnis, auf die aktuelle Situation im Nahen Osten zu reagieren, ist – verständlicherweise – gross. Ich möchte deshalb etwas von meinem „Stamm“-Gebiet abschweifen und die Frage aufwerfen, weshalb es so schwierig ist, politische Konflikte zu befrieden und auf der internationalen Bühne tragfähige Lösungen zu finden. Und vor allem: umzusetzen.

Ich will keine strategische Diskussion vom Zaun reissen. Konstruktive Vorschläge, wie man das Pulverfass im Nahen Osten politisch entschärfen könnte, hat es in diesem Forum schon viele und recht gute gegeben. Ich möchte die Fragestellung auf eine elementare Ebene hinunter brechen.

Eigentlich kennen die meisten von uns die einfachste und wirkungsvollste Konfliktstrategie. Alle halbwegs vernünftigen Eltern wenden sie intuitiv an, ohne sich psychologisch intensiv damit auseinandergesetzt zu haben. Es geht um den Abbau des Machtgefälles, den Interessensausgleich und die Gerechtigkeit. Eltern mit mehreren Kindern wenden das Prinzip täglich an, um Streit unter Geschwistern zu schlichten. Dieses einfache Prinzip würde auch bei Konflikten auf „höherer Ebene“ funktionieren. Wenn es denn angewandt würde.

Warum die Strategie praktisch nie zum Tragen kommt, hat mit dem System der Politik zu tun. Politiker, die Frieden stiften wollen, müssten weise Schiedsrichter sein, die nach dem Friedenprinzip agieren. Die Geschichte lehrt uns aber, dass Politiker und Armeen internationale Konflikte und Bürgerkriege nicht lösen können. “Lösungen“ gibt es in der Regel erst, wenn die Streitparteien kampfesmüde und völlig ausgepumpt sind. Stichworte dazu: IRA, ETA, Sri Lanka (wo der Waffenstillstand erneut gebrochen wird), Tschetschenien, Ex-Jugoslawien usw.

Politik funktioniert durchwegs nach dem Machtprinzip. Einflussreicher Politiker oder General wird nur, wer einen ausgeprägten Machtwillen – noch „besser“: Machtinstinkt – hat. Und wer als gewählter Politiker die Macht behalten will, muss permanent dafür kämpfen, sonst läuft er Gefahr, bei den nächsten Wahlen zu unterliegen. Dieses Prinzip haben auch die Parteien übernommen. Selbst in unserer beschaulichen Demokratie herrscht inzwischen der permanente Wahlkampf (Die SVP hat es vorgemacht, die übrigen bürgerlichen Parteien müssen nachziehen, um nicht noch mehr Terrain zu verlieren.)

In der Politik herrscht also ein Dauerkampf. Dieser Kampf, der von machtbewussten Politikern geführt wird, prägen Mentalität und politisches Klima. Und so wird selbst das Bewusstsein der Bürger von diesem Denken geprägt. Wir haben uns so daran gewöhnt, dass wir es uns gar nicht mehr anders vorstellen können. Es scheint ein (verhängnisvolles) systemimmanentes Gesetz zu sein, das nicht mehr hinterfragt wird. Deshalb wehrt sich auch niemand mehr gegen diesen Wahnsinn. Tatsächlich ist der permanente Kampf unter den Politikern und Parteien Gift für die politische Kultur. Deshalb fördern diese oft genau jene Konflikte, die sie zu lösen vorgeben.

Nehmen wir die drei Schlüsselworte Abbau des Machtgefälles, Interessensausgleich und Gerechtigkeit und spiegeln sie an den „Friedensbemühungen“ im Nahen Osten. Der Widerspruch zu einer effektiven Friedensarbeit ist offensichtlich.

Nehmen wir die Frage nach der Gerechtigkeit: Solang es ein Machtgefälle gibt und die Konfliktparteien das Gefühl haben, vom Friedenplan benachteiligt und ungerecht behandelt zu werden, wird es keinen stabilen Frieden geben. Alle Beteiligten und Betroffenen brauchen mindestens teilweise das Gefühl, gerecht behandelt zu werden. Dieses Gefühl kann aber nur entstehen, wenn alle Konfliktparteien kompromissbereit und gewillt sind, gewisse „Privilegien“ ab- und gewisse Ansprüche aufgeben. Sonst wächst der Hass weiter, die Benachteiligten werden sich erst recht radikalisieren, die Seelen weiter vergiftet. Das Produkt ist meist weitere Feindseligkeit und Terror. Und die Politiker, die nur in Machtkategorien denken können, bekämpfen den Terror mit Methoden, die neuen Hass erzeugen… Ein tödliches Perpetuum Mobile.

Konkret auf den Nahen Osten bezogen: Friedensstifter können nur die Weltmächte sein. Doch sie kommen nicht als humanitäre Organisationen, welche die drangsalierte Bevölkerung erlösen wollen, sondern als Interessenvertreter. Sie suchen nicht die beste Lösung, sondern sie wollen ihre politische (Macht)Strategie umsetzen. Die USA beispielsweise trat auf den Plan, um angeblich im Konflikt zu vermitteln und Frieden zu stiften. Gleichzeitig verzögert sie den Waffenstillstand, damit der Verbündete Israel noch rasch die verhassten Hizbollah dezimieren kann. Wobei Bush und seine Entourage weniger an die Freischärler denken, sondern ihr Augenmerk auf den Iran richten.

Solang Politiker selbst bei „Friedensmissionen“ nicht ihre Machtspiele – zu denen oft auch finanzielle Interessen gehören – aufgeben können, werden sie nirgends stabilen Frieden stiften können. Und wenn die Wähler das verlogene (Macht)Spiel nicht durchschauen und die Politiker an den Urnen bestrafen, wird sich nichts ändern. Und die Zivilbevölkerung muss weiter für die egoistische Strategie der als Friedensstifter auftretenden Politiker büssen.