Aus aktuellem Anlass und weil sich hier im Blog eine intensive Diskussion über den Krieg im Nahen Osten entwickelt hat, möchte ich einen weiteren Aspekt beleuchten. Einen religiösen. Dabei geht es um einen Aspekt, der gern vergessen geht. Er spielt zwar nicht die zentrale Bedeutung in diesem scheinbar unlösbaren Konflikt, aber durchaus eine Rolle, die man nicht ausser Acht lassen sollte.
In der Bibel wird dem jüdischen Volk eine besondere Bedeutung zugemessen. Aus christlicher Optik ist Israel das gelobte Land, in dem die Heilsgeschichte begann und wo sich die Geschichte der Menschheit vollenden wird. Deshalb suchen Fromme aus Freikirchen und christliche Fundamentalisten das Alte und das Neue Testament nach Zeichen, Gleichnissen und Metaphern ab, die ihnen Hinweise auf die erwartete Vollendung geben. Und was sie zurzeit beobachten, versetzt viele in fiebrige Endzeitstimmung.
Blenden wir zurück.
Der Umstand, dass Jesus ausgerechnet von Juden, die zum auserwählten Volk gehören, getötet wurde, ist für christliche Fundamentalisten eine schwer verdauliche Kost. Das 2000-jährige Schicksal, welches das jüdische Volk im Abendland erdulden musste, hat unter anderem mit dieser unverständlichen „Kollektivschuld“ zu tun. Am schmerzlichsten für die Fundamentalisten ist aber, dass jüdische Gläubige Jesus nicht als Messias anerkennen. Und wenn das auserwählte Volk Gottes Jesus nicht als Sohn Gottes akzeptiert, dann kann sich die Heilsgeschichte nicht vollziehen. Eine Erlösung ohne das auserwählte Volk ist für sie – und laut Bibel – undenkbar.
Das Dilemma der Fundamentalisten und Frommen, welche die Bibel wortgetreu interpretieren, ist angesichts der jüngsten Ereignisse im Nahen Osten komplett. Sie sehnen sich nach der Endzeit und hoffen, das entscheidende Ereignis in der Geschichte der Menschheit „live“ mitzuerleben, nämlich bei der Wiederkunft Jesu Christi und bei der Erlösung dabei zu sein.
Aus ihrer Sicht ist die Hoffnung nicht unbegründet, denn in der Bibel wird geschildert, wie sich das Grossereignis abspielen wird. Der Antichrist wird verstärkt in der Welt wirken und viele Konflikte provozieren. Konflikte, die sich vor allem im Nahen Osten verdichten werden. Und wenn die Schlacht um Armageddon losbricht, dann kann das Ende der Welt, das für rechtgläubige Christen das Paradies bedeutet, nicht mehr weit sein. Und jeder Krieg im Nahen Osten nährt bei den Fundamentalisten die Hoffnung auf die endgültige Erlösung.
Das wagen sie zwar nicht laut zu sagen, denn wer kann sich schon einen Krieg wünschen. Aber ihre Endzeithoffnung kann sich nur durch einen Krieg im Nahen Osten erfüllen. Und tatsächlich lassen sich die aktuellen Ereignisse rund um Israel biblisch interpretieren: Was im Nahen Osten passiert, entspricht durchaus den Endzeitanzeichen im heiligen Buch. Vorausgesetzt natürlich, man interpretiert die Bilder und Gleichnisse aus der Optik eines streng Gläubigen. In ihren Augen sind also alle biblischen Endzeitzeichen gegeben. Mit einer Einschränkung: das jüdische Volk hat sich noch nicht zum Christentum bekehren lassen.
Früher sahen die Fundamentalisten und viele Freikirchler das Wirken des Antichristen im kommunistischen Osten. Als die Mauer fiel, lösten sich ihre Endzeitsehnsüchte in Luft auf. Aber nur für kurze Zeit. Sie sahen bald die Chance, eine andere biblische Voraussetzung für die bevorstehende Endzeit zu erfüllen: Das über die Welt zerstreute jüdische Volk musste zurück nach Israel. Viele Freikirchen sammelten Geld und bauten Luftbrücken auf. Hunderte von Gläubigen durchkämmten Sibirien, Usbekistan, Kasachstan usw., um Juden aufzuspüren und sie mit dem Versprechen nach Arbeit und Wohlstand nach Israel zu locken. So brachten in den letzten Jahren christliche Fundamentalisten Zehntausende von Juden nach Israel. Gleichzeitig bauten sie versteckte Missionsstationen in Israel auf, um Juden bekehren zu können. Dabei müssen sie allerdings sehr vorsichtig operieren, weil sie nicht wirklich willkommen sind. Sehr erfolgreich sind sie bisher auch nicht gewesen.
Wenn man weiss, wir stark die Lobby der christlichen Fundamentalisten in den USA ist und dass Präsident Bush einer Freikirche angehört, dann wird klar, dass bei der Konfliktbewältigung im Nahen Osten auch religiöse Aspekte eine gewisse Rolle spielen. Und zwar auf beiden Seiten.











































