Schweiz

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Archiv für Juni 2006

Ich und meine Identität

hugostamm am Donnerstag den 29. Juni 2006

Den nachfolgenden Text hat Logos als Kommentar auf den Beitrag “Warum gibt es Sekten?” geschrieben. Damit eröffnet Logos eine neue wichtige Diskussionsebene. Deshalb benutze ich seinen Text als neuen Beitrag. Und bedanke mich bei Logos.

Hugo Stamm

Logos: Für alle die glauben, dass das Selbst, die Seele, unser Bewusstsein vom Gehirn unabhängig existieren, oder dass wir doch wenigstens ein zu lokalisierendes „Ich“ , mit all den persönlichen Charaktereigenschaften, Neigungen und Begabungen besitzen, führe ich untenstehend ein paar Beispiele aus der neurologischen Fachliteratur auf, die zum Nachdenken animieren sollen.

Der 51 Jährige britische Bauarbeiter T.M., Ex-Sträfling wegen Gewaltdelikten, erlitt eine kleine Hirnblutung. 2 Wochen nach der Notoperation begann der einst jähzornige, aggressive Schläger plötzlich seine Notizbücher mit Gedichten und Versen zu füllen, wenig später begann er zu zeichnen. Früher waren Tattoos auf den Oberarmen sein einziger Zugang zur bildenden Kunst gewesen. Aus ihm wurde ein erfolgreicher, feinfühlender Künstler, der 10 Stunden am Tag malt, knetet und schreibt.

Was bedeutet das eigentlich für unser Selbstverständnis als Menschen, wenn eine minimale Verletzung im Gehirn eine Persönlichkeit komplett umzustülpen vermag?

Ein Fall von der Uni Zürich: Ein gut erzogener Junge wurde nach einer Hirntumoroperation zum zwanghaften Ladendieb.

Oder das Gourmand-Syndrom: Patienten, mit einem Hirntumor, einem epileptischen Anfall, oder sonstigen hirnorganischen Schäden in der rechten vorderen Gehirnhälfte, entwickelten unmittelbar eine lodernde und andauernde Leidenschaft für Feinschmeckeressen, auch wenn sie bis anhin der Pizza- und Burger-Fraktion angehörten. Aus einem Journalisten, dem dies passierte, wurde ein berühmter Restaurantkritiker,

Welches ist das wahre Ich? Wo ist unser harter Kern, der die Persönlichkeit beherbergt?

Typisch und relativ häufig ist bei Rechtshändern die Verleugnung der linken Körperhälfte nach einem Schlaganfall. Danach ist die linke Körperhälfte vollständig gelähmt. Das interessante dabei ist, dass Patienten ihre Behinderung häufig bestreiten. Die sogenannten Neglect-Patienten ignorieren schlicht eine Hälfte der Welt! Sollen sie zB. Das Ziffernblatt einer Uhr zeichnen, endet der Tag um 6 Uhr abends. Wenn sie essen, verspeisen sie nur die rechte Hälfte des Tellers und Menschen, die an der linken Seite ihres Krankenbetts sitzen, nehmen sie nicht wahr.

Entfremdete Körperteile. Nach einem Schlaganfall werden Körperteile als Fremdkörper angesehen. Diese führen dann ein Eigenleben. Da will eine Patientin mit ihrer rechten Hand die Türe öffnen. Die Linke stösst diese dann unmittelbar danach wieder zu. Bei einem anderen Patienten griff die linke Hand bei jeder Gelegenheit nach seinem Genick und wollte ihn erwürgen. Ein anderer Patient schoss sich in das linke Bein, dass es amputiert werden musste. Nach der Amputation äusserte er sich sehr zufrieden, da ihm dieser Fremdkörper schon lange ein Dorn im Auge war.

Oder da sind die Cotard-Patienten: Einer behauptet, ein Leichnam zu sein, der bereits stinkt und verrottet. Er bittet, endlich begraben zu werden. Andere behaupten sogar, gar nicht zu existieren.

Da wären noch die Fälle der multiplen Persönlichkeitsstörung: Diese entwickelt sich meistens aus traumatischen Erfahrungen in der Kindheit, wie sexueller Missbrauch oder häusliche Gewalt. Die Patienten haben zwei (oder mehrere) voneinander unabhängige Persönlichkeiten entwickelt, von denen, je nach Bedarf, die Eine oder Andere zum Vorschein kommt.
Das Leben in der dritten Person: Diesen Patienten werden zunehmend schmerzhaft von der Welt abgeschnitten. Sie haben den Eindruck, ihr Innenleben von aussen zu beobachten und sich zunehmend vom Körperbewusstsein zu entfernen. Ein junger Patient rätselt über die körperlichen Grenzen des „Ich“ . Er grübele „über diesen flüssigen Übergang zwischen mir und der Welt: Er muss aus einer Mischung von Luftmolekülen, Schweisstropfen und winzigen Hautfetzchen bestehen.

Diese neurologischen „Schauergeschichten“ zeigen auf, dass unseren grössten Gewissheiten nicht zu trauen ist. Wir können uns selbst unserer eigenen Identität nicht sicher sein. Und wenn man Pech hat, hält man sich gleich für jemand ganz anderes, wie Patienten mit Intermetamorphose.

Der Mainzer Bewusstseinsphilosoph Thomas Metzinger stellt nüchtern fest: „Unsere Verletzlichkeit auf der Ebene des Geistes ist mir sehr deutlich geworden. Nur ein kleiner Hirnschlag und alles kann sich in vollkommene Verwirrung oder eine einzige Agonie verwandeln. Ohne eigene Schuld kann jedem von uns, auch jungen Menschen, jederzeit so etwas passieren, da kann man Verwandte nicht mehr als Verwandte erkennen, kriegt plötzlich Hassattacken oder Zwangsgedanken. Wir entdecken Tatsachen über uns selbst, die viele vielleicht gar nicht wahrhaben möchten.“

Wo ist hier unser harter Kern? Wo ist unsere Seele? Woraus besteht meine Persönlichkeit? Beschränkt sich das Ganze etwa nur auf Hirnfunktionen?

Gruss: Logos

Warum gibt es Sekten?

hugostamm am Dienstag den 27. Juni 2006

Warum gibt es Sekten und vereinnahmende Gruppen?

Man könnte die Frage mit einer kurzen Antwort erledigen: Ohne Gurus gäbe es keine Sekten!

Das Phänomen ist natürlich komplexer. Es ist auf dem Religionsmarkt wie in der Wirtschaft: Angebot und Nachfrage bestimmen Kurs. Die Gurus, Religionsstifter, Visionäre, Heilsbringer, Propheten, Seher, Scharlatane, Sektengründer und Grübler wären einsame Verkünder, wenn es nicht ein Bedürfnis für ihre Botschaften gäbe. Also ein interessiertes Publikum.

Bleibt die Frage: Warum gibt es Gurus und Heilsverkünder?

Man dürfte erwarten, dass Heilsverkünder von Gott beseelt oder erleuchtet sind. Moralisch integere, selbstkritische Vorbilder, welche die Liebe leben, die sie predigen. Die sich einsetzen für Suchende, Schwache, religiös Interessierte.

Die Psychogramme der allermeisten Religionsstifter zeigen aber, dass diese Ideale Wunschtraum vieler Gläubigen sind und bleiben. Die Galerie der Gurus und Heilsbringer der letzten 100 Jahre gleicht eher einem Gruselkabinett als einer Parade vertrauenswürdiger Persönlichkeiten.

Es braucht keine Qualifikation, um Guru zu werden. Keine Ausbildung, kein Attest, kein psychiatrisches Gutachten. Jede und jeder kann es versuchen. Dagegen ist nichts einzuwenden. Viel interessanter ist aber das Phänomen, dass noch so schräge Heilsverkünder mit unendlich einfältigen Heilsvorstellungen ein Publikum finden. Meine Erfahrung: Die Beeinflussbarkeit vieler Menschen scheint grenzenlos zu sein. Womit wir bei der Frage wären: Warum faszinieren Sekten? Dieses Phänomen möchte ich im nächsten Beitrag zur Diskussion stellen.

Zurück zu den Gurus.

Was motiviert sie, als Verkünder aufzutreten und Gläubige in ihren Bann zu ziehen?

Es gibt verschiedene Motivationen und Persönlichkeitsstrukturen.

Da sind einmal die Überzeugungstäter. Sie hatten eine Vision, eine Eingebung. Oder Gott gab ihnen angeblich im Schlaf den Auftrag, eine Glaubensgemeinschaft zu gründen. Sie dürfen – zumindest am Anfang – zu den Seriösen gezählt werden. Sie glauben an ihre Botschaften und gehen liebevoll mit ihren Gläubigen um. Die Erfahrung zeigt aber, dass viele von ihnen im Lauf der Jahre eine unvorteilhafte Entwicklung vollziehen. Sie haben beispielsweise nicht den Erfolg, den es braucht, um eine Wirkung zu erzielen und Anerkennung zu gewinnen. Oft helfen sie dem Schicksal nach und wollen die von Gott versprochene Breitenwirkung erzwingen. Oft werden sie autoritär und verkünden immer spektakulärere Botschaften, um Aufmerksamkeit zu erregen und Gläubige anzuziehen.

Ein klassisches Beispiel ist Jim Jones. Er war ein christlicher Pastor, der sich in den 1960er-Jahren in den USA vorbildlich den Schwarzen und Randständigen angenommen hat. Er hat aber seine Rolle als neuer Heilsverkünder schlecht verkraftet und sah sich bald als Nachfolger von Jesus. Kritik von aussen erschütterte sein Selbstvertrauen. Er verkraftete es nicht, dass er nicht von weiten Teilen der Gesellschaft als der neue Messias akzeptiert wurde. Er wurde vom Altruist zum Sadist und quälte seine Gläubigen. Mit rund 1000 Anhängern flüchtete er vor der angeblich von Gott abgefallenen Welt in den Urwald von Guyana. Als die Behörden Fragen stellten, erklärte er sich zum Märtyrer, verkündete die Endzeit und animierte seine Jünger zum Suizid. 1978 brachten sich über 900 um oder wurden umgebracht – vor allem die vielen Kinder. Die Erfahrungen zeigen, dass nur wenige Heilsverkünder ihre Rolle als Guru, Heilsbringer oder Gottes Stellvertreter psychisch verkraften.

Viele Gurus starten mit der Zeit durch, weil die permanente Verehrung und Verherrlichung durch die Anhänger auf ihr Bewusstsein und ihr Verhalten abfärben. Die Demut schlägt in Überheblichkeit um. Solche Gurus werden mit der Zeit Zyniker, oft Despoten, manchmal Sadisten.

Viele Heilsverkünder leiden unter einem schwach ausgebildeten Selbstwertgefühl oder unter psychischen Problemen. In der Rolle der Heilsverkünder richten sie sich in ihrer Scheinwelt ein und sublimieren ihre psychischen Auffälligkeiten auf dem Buckel der Anhänger. Es ist eine Tatsache, dass psychisch ausgeglichene Personen ganz selten auf die Idee kommen, eine Glaubensgemeinschaft zu gründen. In Wirklichkeit gründen viele Gurus aus einer psychischen Not heraus eine Gruppe. Sie sind gespalten und leiden unter Realitätsverlust und Wahrnehmungsverschiebungen.

Bei vielen Gurus spielt die Lust an der Macht eine zentrale Rolle. Nichts kann das Machtbedürfnis besser befriedigen als der Griff nach der Seele der Gläubigen. Es gibt zum Beispiel rhetorisch geschickte Automechaniker, die vom Heiler zum Guru aufsteigen und die Werkstatt mit dem Ashram vertauschen. Statt vom Chef herumkommandiert zu werden, sitzen ihnen plötzlich junge, hübsche Anhängerinnen zu Füssen. Ein kometenhafter Aufstieg, zumal sich das Einkommen oft vervielfacht.

Sehr weltlich reagieren auch viele indische Gurus, die eine grosse Anhängerschaft von westlichen Devotees um sich scharen. Ich kenne viele Beispiele von sexuellen Übergriffen auf junge Frauen. Selbst 80-jährige Greise sind nicht davor gefeit.

Stellt sich die Frage: Gibt es auch seriöse Gurus? Durchaus, aber sie sind leider sehr, sehr selten. Oder sie wandeln sich mit der Zeit vom Seriösen zum Besessenen. Sicher ist nur: Es ist psychisch sehr schwer zu verkraften, Verkünder der allein selig machenden Heilslehre zu sein. Man überwindet dabei meist die menschlichen Grenzen und steigt in eine höhere Sphäre auf. So werden aus Gurus nur allzu oft Übermenschen.

Ich glaube, also weiss ich

hugostamm am Freitag den 23. Juni 2006

Theoretisch sind wir uns alle einig: Bei metaphysischen Fragen geht es um den Glauben. Die Domäne der Religionsgemeinschaften ist ebenfalls der Glaube. Und wir alle wissen: Glauben ist nicht Wissen.

In der Praxis sieht es aber ganz anders aus: Die allermeisten Glaubensgemeinschaften erheben den Anspruch, die allein selig machende Wahrheit gefunden zu haben.

Wenn alle Glaubensgemeinschaften sich bewusst wären, dass ihre Heilslehre auf dem Glauben beruht, wären sie wohl ein bisschen zurückhaltender, bescheidener und toleranter.

Wir sind uns vermutlich auch einig, dass Spiritualität und Glauben für viele Menschen eine wichtige Stütze sind und Sinn stiften. Sie sind ein Gegengewicht zum Alltag, der vom rationalen Denken bestimmt ist – oder sein sollte. Deshalb sind Fragen nach dem Glauben durchaus wichtig und sinnvoll.

Eklatant ist aber die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit bei Glaubensgemeinschaften. Alle verkünden Frieden und Nächstenliebe. Sie schwingen sich zur moralischen Instanz auf. Trotzdem sorgen Glaubensgemeinschaften und Gläubige weltweit für Konflikte, die oft in Kriege ausarten.

Die Ursache liegt zu einem grossen Teil eben darin, dass Glaubensgemeinschaften glauben, die metaphysische Wahrheit zu besitzen. Der Absolutheitsanspruch wird zur Falle. Er kann zu radikalem Denken und letztlich zu kollektivem Fanatismus führen. Und dem einzelnen Gläubigen drohen Realitätsverlust und Wahrnehmungsverschiebungen. Diese können eine Spaltung des Bewusstseins und Wahnvorstellungen bewirken.

Wenn also – wie auch in diesem Blog mehrfach geäussert worden ist – viele sagen, mir ist egal, was jemand glaubt, Hauptsache er lässt mich in Ruhe -, dann ist das kurzsichtig. Es könnte nämlich sein, dass jemand in seinem religiösen Wahn mit einem Messer wahllos auf Passanten einsticht. Oder eine Bombe zündet. Was alles schon passiert ist. Und es sollte uns auch nicht gleichgültig sein, wenn fanatische Glaubensgemeinschaften versuchen, labile Menschen zu beeinflussen.

Auch das Schicksal von irre geleiteten Gläubigen sollte uns nicht gleichgültig sein. Erstens hat niemand die Qual einer Neurose oder Psychose verdient, und zweitens werden solche Opfer von fundamentalistischen Religionsgemeinschaften für die Allgemeinheit teuer. Sie fallen aus dem Arbeitsprozess, müssen in psychiatrischen Kliniken behandelt und am Schluss von der IV oder der Fürsorge unterstützt werden.

All dies liesse sich verhindern, wenn sich die Glaubensgemeinschaften bewusst wären, dass sie alle nur daran glauben können, was sie verkünden. Und wenn sie sich eingestehen würden, dass die metaphysische Realität vielleicht ganz anders aussieht, als sie glauben. Dann würden sie eben bescheidener auftreten und vorsichtiger missionieren.

Aber es ist eben eine Krux mit dem Glauben: Viele Gläubige verleugnen seinen eigentlichen Kern und interpretieren ihn zur Wahrheit um. Damit sie endlich auf sicher haben, was sie „nur“ glauben sollten. Bei ihnen hat der Glaube vor allem mit dem Diesseits zu tun: er soll die Existenzängste nehmen. Doch damit biegt man den Glauben für persönliche Bedürfnisse zurecht.

Tod durch Lichtessen

hugostamm am Sonntag den 18. Juni 2006

Am vorletzten Donnerstag hatte der Anthroposoph Michael Werner einen grossen Auftritt bei der Talk-Show von Kurt Aeschbacher. Er erzählte dem Talkmaster und einem grossen Publikum, er ernähre sich von Licht – anstelle von festen Nahrungsmitteln. Seit vollen fünf Jahren. Er gönne sich höchstens einmal ein Stückchen Schokolade. Was Werner verschwieg – und Aeschbacher nicht thematisierte: Der Anthroposoph ist nicht etwa ein einsamer Lichtesser, sondern der Jünger eines umstrittenen Mediums, der Australierin Ellen Greve alias Jasmuheen (“Duft der Ewigkeit”). Und somit einer von vielen tausend angeblichen Dauerfastern weltweit. Teil einer esoterischen Bewegung.

Die spirituellen Sucher träumen davon, das kosmische Licht – was immer dies sein soll – in “Prana”, in göttliche Energie, umzuwandeln und die Transmutation zum höheren Wesen zu vollziehen. Und sie glauben, in Zukunft ohne Nahrungsmittel auszukommen.

Der Lichtnahrungsprozess hat einen ideologischen Hintergrund. Esoteriker glauben, das Wassermannzeitalter sei angebrochen und der spirituelle Mensch mutiere nun rasch zu einem höheren Wesen. Das sei auch mit körperlichen Veränderungen verbunden (Hirnanhangsdrüse wächst, DNA-Struktur wird von zwei auf 12 Stränge vergrössert [genetische Veränderung!]) usw. Diese Transformation müsse mit dem Lichtnahrungsprozess initiiert werden. Dann werde der Mensch zum übersinnlichen, ja göttlichen Wesen, das sich vom heiligen kosmischen Licht ernähren und dieses in Kalorien umwandeln kann. Und schon haben wir wieder Übermenschen – wie sie uns schon bei den Scientologen begegnet sind.

Jasmuheen propagiert das gefährliche Ritual in ihrem Buch „Lichtnahrung“. Kernstück ist der 21-Tage-Prozess. In der ersten Woche der Fastenkur dürfen die Absolventen nichts essen und keinen Tropfen Flüssigkeit zu sich nehmen. Nicht einmal den Speichel dürfen sie schlucken. In den Wochen zwei und drei dürfen sie zwar wieder triken, aber weiterhin keine feste Nahrung zu sich nehmen – ausser eben Licht…

Das Ritual ist eine Gratwanderung mit Todesgefahr, warnen Ärzte. Für Jasmuheen ist das kosmische Licht jedoch “die Nahrungsquelle für das kommende Jahrtausend”, wie der Untertitel ihres Bestsellers verkündet. Es sind denn auch verschiedene Todesfälle dokumentiert. Jasmuheen sagte dazu, der Tod eines Menschen sei ohnehin vorbestimmt. Der eine stirbt bei einem Unfall, der andere beim Lichtnahrungsprozess und der dritte an Altersschwäche – also dann, wenn es die „innere Uhr“ vorsieht.

Doch nicht genug. Jasmuheen hat ein weiteres (er)schlagendes Argument. Angesichts der Chance, den Welthunger zu überwinden müsse man solche Vorfälle in Kauf nehmen.

So ist es halt in der Welt der Lichtesser: Millionen Arme hungern, und wir Übersättigten bringen uns in Gefahr, indem wir nicht trinken und nicht essen.

Natürlich überleben (zum Glück) die allermeisten Absolventen des Lichtnahrungsprozesses. Doch Langzeitschäden erleiden vermutlich alle. Eine Woche ohne Flüssigkeit dahinzuvegetieren, ist schädlich. Die meisten Erdbebenverschütteten sterben nach fünf Tagen an Dehydrierung. Für die Leber und teilweise auch andere Organe ist die Dehydrierung ein extremer Stress, der die Funktion beeinträchtigen kann.

Auch mehrere hundert Schweizer haben bereits versucht, ihren Körper auf Lichtnahrung umzuprogrammieren. Auch bei uns bieten Esoteriker Lichtnahrungskurse an, Dutzende von “Lichtessern” haben sich zu einem Netzwerk zusammengeschlossen, um Absolventen beim 21-Tage-Prozess zu unterstützen. Jasmuheen bezeichnet sie als spirituelle Krieger. Den Krieg gegen den Tod ficht aber die Leber aus. Und sie wird nicht gefragt, ob sie die Tortur über sich ergehen lassen will.

Hubbards Superwelt

hugostamm am Mittwoch den 14. Juni 2006

Ich bin erstaunt über das grosse Interesse an Scientology. Ich dachte, die Diskussion über die Gruppe sei erschöpft. (Ich habe vor 25 Jahren ein Buch über Scientology geschrieben und wohl über 100 Artikel dazu veröffentlicht.) Nun, wenn dem nicht so ist, liefere ich gern einen weiteren Beitrag.

Martin Schmid stellt in seinem intelligenten Beitrag gute Fragen. Nur: Wer die Bücher von Hubbard und viele Kursunterlagen gelesen hat, erkennt rasch, dass da kein philosophisches, anthropologisches oder entwicklungspsychologisches Konzept dahinter steht. Man tut Hubbard und den Scientologen zu viel Ehre an, wenn man nach Tiefgründigem sucht. Vielmehr ist seine Lehre ein Sammelsurium aus Science fiction, trivialen Weltanschauungen, unvergorenen psychologischen, philosophischen und pseudowissenschaftlichen Ansichten. Vieles hat Hubbard abgekupfert.

Und vielleicht das Schlimmste: Viele „Erkenntnisse“ stammen aus den 1950-er und 1960-er Jahren. (Beispielsweise Atomphysik) Diese sind inzwischen längst überholt. Doch weil Hubbard bei den Scientologen als unfehlbar gilt, werden seine „Weisheiten“ nicht korrigiert, sondern wortgetreu übernommen. Das führt zu eigenartigen Weltansichten und Weltanschauungen. Und dokumentiert die Autoritätsgläubigkeit und die blinde Verehrung.

So wird denn in den Scientology-Broschüren heute noch meist in der Gegenwart von Hubbard geschrieben, als weile er immer noch leibhaftig unter uns. Dabei ist er vor 20 Jahren unter mysteriösen Umständen gestorben. Und in allen grösseren Scientology-Zentren der Welt ist ein Büro für Hubbard eingerichtet, als sei sein Geist dort anwesend. Die zweite Idee dahinter: Er kann sofort in seiner gewohnten Umgebung weiterarbeiten, wenn er denn wieder kommt…

Dass man Hubbard als „Denker“ oder Religionsgründer kaum ernst nehmen kann, zeigt seine Vorstellung vom Ursprung des Menschen. Dazu ein Auszug aus einem der vielen Scientology-Werke. (Wenn Hubbard eine Qualität hatte, dann sicher die des Schnelldenker und Schnellschreiber. Es ist wirklich unglaublich, was er alles zu Papier gebracht hat. Doch leider ist vieles wirr und absurd.)

„Vor 35 Billionen Jahren löste ein böser Fürst namens Xenn das Problem der Überbevölkerung auf einem andern Planeten, in dem er zwei Billionen Thetanen (Anmerkung: scientologischer Begriff für Seele) zur Erde brachte, die zu jener Zeit als Teegeack bekannt waren. Er stopfte sie in Wasserstoffbomben, die er in einem Vulkankrater explodieren liess. Durch die Explosion wurden die Thetanen, an elektrische Kabel angeschlossen, bis hoch in den Himmel geschleudert. Dann wurde ihnen die R6-Bank eingeprägt, sie wurden in ein Flugzeug geladen und wieder auf die Erde geworfen. Schreckliches Unheil ereilte jeden, der diesen Komplott aufzudecken versuchte, bis uns die Aufklärung gelang. Ron (Anmerkung: für Ron Hubbard) wäre fast selbst elend zu Grunde gegangen.; doch irgendwie überlebte er (Anmerkung: vor 35 Billionen Jahren), allerdings völlig zerschlagen. Xenn wurde für sein Verbrechen bestraft, indem er in eine elektrisch geladene Kiste eingesperrt wurde, die in einem Berg im Westen des nordamerikanischen Kontinentes versteckt worden ist. Dort befindet er sich noch heute.“ (seit 35 Billionen Jahren…)

Das Drama der Menschheit führt Hubbard auf jenes ferne Ereignis zurück. Er behauptet, der Thetan habe damals Schaden erlitten. Er könne sich quasi nicht mehr an die früheren Leben erinnern und degeneriere deshalb laufend. Durch die Scientology-Kurse wird Abhilfe versprochen. Die Scientologen wandern auf der Zeitspur zurück in die weite Vergangenheit – von Leben zu Leben. Jahrmillionen. Dabei spüren sie angeblich traumatische Erlebnisse auf, durchleben sie emotional und tilgen diese – Engramme genannten – Dramen aus früheren Leben. (Freud lässt grüssen). Dann kann man quasi Wissen und Erfahrungen aus Hunderten von Leben in die Erinnerung zurückholen, kumulieren und ein Genie werden. Und irgend wann auch unsterblich – und selbst Leben erschaffen.

“Wahrheit” über Scientology

hugostamm am Montag den 12. Juni 2006

Ich wollte eigentlich nicht auf Scientology eingehen. Doch die Beschönigungen und die hartnäckige Diskussion im Blog animieren mich nun doch, ein paar Informationen zu liefern.

Ich halte mich dabei streng an Zitate. Somit wird mir niemand vorwerfen können, falsche Informationen zu verbreiten, wie die Scientologen seit 30 Jahren behaupten. Und wie dies auch hier im Blog wieder kolportiert wird.

Zur Expansion und zum Machtanspruch ein Zitat von Scientology-Gründer Hubbard: „Wenn jetzt jeder Scientologe in jedem Monat eine neue Person hereinbringen und sie auf dem Weg zur Freiheit starten lassen würde, und wenn dann jede neue Person dasselbe macht, würde das in zwölf Monaten auf VIER MILLIARDEN SCIENTOLOGEN kommen.“ (Soll mich niemand für die sprachlichen Fehler behaften.)

Oder: „Die Welt hat optimistisch gesehen noch fünf Jahre übrig, pessimistisch gesehen noch zwei. Danach gibt’s einen Knall oder vielleicht nur noch Gewimsel. Eine Handvoll von uns arbeiten sich halb zu Tode, um es zu schaffen. (Anmerkung: Gemeint ist, die Welt vor dem Untergang zu retten.) … Die einzige winzige Chance, die dieser Planet hat, lastet auf ein paar schmalen Schultern – überarbeitet, unterbezahlt und bekämpft – die Scientologen.“

Ein bis zu den höchsten Stufen ausgebildeter Scientologe glaubt, unsterblich zu werden, also ein „operierender Thetan“: Das ist laut Definition von Hubbard „ein Wesen, das Ursache über Denken, Leben, Materie, Energie, Raum und Zeit ist“. Ein solcher Thetan (scientologische Seele) kann also sogar Leben erschaffen.

Weiter: „Niemand kann zur Hälfte innerhalb und zur Hälfte ausserhalb der Scientology sein.“ Ein Engagement muss also total sein. Im gleichen Text schreibt Hubbard: „Wenn wir fehlschlagen, ist es aus. Es ist nicht nur eine Frage des Getötetwerdens. Es ist eine Frage, ein Leben nach dem andern getötet und getötet und getötet zu werden. … Wir sind die Elite des Planeten Erde.“

Und in einem andern Pamphlet bezeichnet er seine Getreuen als die Elite des obersten Zehntels der Bevölkerung.

Weiter: „Die gesamte qualvolle Zukunft dieses Planeten für die nächsten endlosen Billionen Jahre hängt davon ab, was Sie hier und jetzt mit und in der Scientology tun.“

Viele Scientologen lassen sich als Auditoren – eine Art Therapeut – ausbilden. Hubbard zur Ausbildung: „Die richtige Ausbildungseinstellung ist: Du bist hier, also bist Du ein Scientologe. Jetzt werden wir Dich zu einem fachmännischen Auditor machen, was auch immer geschieht. Wir haben Dich lieber tot als unfähig.“

Und: „Die Scientology ist heute die wichtigste Bewegung auf der Erde. … In der Scientology geht die Sonne niemals unter.“

Im Ehrenkodex der Scientologen heisst es unter Punkt 12: „Fürchte nie, einen anderen zu verletzen in einer Sache, die gerecht ist.“

Kurse auf den OT-Stufen kosten bis zu 1000 Franken pro Stunde.

Es gibt Spendenkategorien, die bis hinauf zu einer Million Dollar gehen. Bereits haben mehrere Schweizer diese Maximalspende geleistet.

Mitarbeiter der Scientology-Eliteeinheit Sea-Org. unterschreiben einen Mitarbeiter-Vertrag über eine Milliarde Jahre.

Wozu die Wiedergeburt?

hugostamm am Donnerstag den 8. Juni 2006

Das Drama des Menschen liegt darin, dass er Gott und seine Seele nicht kennt. Hinter diesen beiden Instanzen verstecken sich die Geheimnisse des Lebens. Optimale Voraussetzungen für Analysen, Spekulationen, Legenden und Mythen. (Da hätten wir sie schon wieder.) Was muss das für ein Schock gewesen sein, als Ärzte den ersten Menschen sezierten und keine Seele gefunden haben. Somit erlangte sie erst recht eine religiöse Dimension. Und heute kümmern sich Psychologie (seelische Störungen) und Glaubensgemeinschaften gleichermassen um dieses schwer definierbare Etwas, das irgendwo zwischen Hirn und Herz angesiedelt ist.

Kampf dem Fanatismus

hugostamm am Sonntag den 4. Juni 2006

Religion, Spiritualität und Glauben sind seit Jahrhunderten brisante Konfliktfelder. Es gibt wohl keinen anderen Lebensbereich, der so viele Emotionen zu wecken vermag. Und es gibt keine stärkere menschliche Energie als den religiösen Wahn. Und leider ist die Grenze zwischen gesunder Spiritualität und wahnhafter Besessenheit fliessend, der Grat oft schmal.

In keinem andern Lebensbereich sind wir anfälliger, gerät das seelische Gleichgewicht so schnell ins Wanken. Immerhin geht es um die Frage nach dem Sein, dem Lebensinhalt, der Transzendenz, der Metaphysik, also der Zukunft schlechthin.

Zu allem Elend kommt hinzu, dass es in Glaubensfragen keine Kompromisse gibt. Entweder ist eine Heilskonzept wahr – oder kreuzfalsch. Entweder ist ein Prophet der Gesandte Gottes – oder ein Scharlatan. Entweder beten wir den richtigen Gott an – oder eben ein Phantom.

Ausserdem enthält der Absolutheitsanspruch weiteres Konfliktpotenzial. In allen anderen Lebensbereichen sind wir auf Kompromisse, Verhandlungen, Diskurse angewiesen. Seelisches Wohl gibt es sonst nur bei Ausgleich, Toleranz, Verständnis, Kompromissbereitschaft.

Als weitere Krux kommt der Missionsdrang hinzu. Es liegt im Wesen von Religionsgemeinschaften, ihre religiöse „Wahrheit“ – über eine Million Glaubensgemeinschaften erheben den Anspruch darauf – der ganzen Menschheit angedeihen zu lassen. Der angebliche Missionsauftrag führte schon zu unzähligen Kriegen und internationalen Konflikten. Hunderttausende mussten deswegen ihr Leben lassen. Der aktuelle Fundamentalismus – von den Islamisten bis zu den christlichen Fundis – ist Ausdruck davon. Führte im letzten Jahrhundert der ideologische Streit zwischen Kapitalismus und Kommunismus zu den grössten internationalen Spannungen, birgt heute der Konflikt zwischen der westlichen und der arabisch-islamischen Welt das grösste Gefahrenpotenzial. Die internationalen Spannungen enthalten heute also ein starkes religiöses Moment. Und wenn religiöse Aspekte in der Politik eine wichtige Rolle spielen, wird es noch ungemütlicher.

Der Absolutheitsanspruch in Glaubensfragen belastet das menschliche Bewusstsein stark. Deshalb ist die Gefahr der Manipulation, Radikalisierung und Fanatisierung sehr gross. Und deshalb sind Diskussionen, wie sie in diesem Blog geführt werden, sehr wichtig. Nur durch Diskurse und Erkenntnisse werden die Gefahren der religiösen Verblendung bewusst. Nur so wird den religiösen Eiferern vielleicht klar, dass es besonders in religiösen Fragen Toleranz braucht, um ein Zusammenleben menschlich gestalten zu können. Wenn ich beispielsweise an die islamistischen Hassprediger denke, wünschte ich mir manchmal, man könnte das Missionieren grundsätzlich verbieten. Obwohl ich eigentlich Verbote gar nicht schätze…

Erklärungsnot

hugostamm am Donnerstag den 1. Juni 2006

Bei grossen Katastrophen geraten Mitglieder vieler Glaubensgemeinschaften in einen Argumentationsnotstand, da sie auch „weltliche“ Ereignisse religiös interpretieren wollen oder müssen. Zufall oder Schicksal gibt es kaum, alles gehorcht einer höheren Ordnung oder folgt einem höheren Sinn. Auch ein Unglück.

Wie schwierig der Umgang mit solchen Ereignissen ist, zeigte sich beim Tsunami. Oder aktuell beim schweren Erdbeben auf Java vor ein paar Tagen.

Bei kleineren Ereignissen lässt sich immer eine Erklärung finden: Eine schwere Krankheit oder ein Unfall lassen sich als Prüfung, Strafe Gottes oder karmische Säuberung darstellen. Bei Katastrophen, die wahllos die Menschen ganzer Landstriche – inklusive unschuldiger Kinder betrifft – wird die religiöse Argumentation schwierig. Nicht alle Bewohner eines Erdbebengebietes können karmisch schwer belastet gewesen sein oder nach christlicher Vorstellung schwere Schuld auf sich geladen haben.

Wie ratlos geistliche Oberhäupter angesichts unfassbarer Ereignisse reagieren, zeigte Papst Benedikt XVI bei seiner Polenreise. Im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau fragte er: «Wo war Gott in jenen Tagen. Warum hat er geschwiegen?»

Statt auf die eigene Schuld – auch der der Kirche – hinzuweisen, sagte der Papst, über das deutsche Volk habe «eine Schar von Verbrechern mit lügnerischen Versprechungen, mit der Verheissung der Grösse, des Wiedererstehens der Ehre der Nation (. . .) mit Terror und Einschüchterung Macht gewonnen, so dass unser Volk zum Instrument ihrer Wut des Zerstörens und des Herrschens gebraucht und missbraucht werden konnte». Als seien die Nazis Fremde gewesen.

Wäre es nicht an der Zeit, zu anerkennen, dass es für gewisse Ereignisse keine religiösen Erklärungen gibt?