Den nachfolgenden Text hat Logos als Kommentar auf den Beitrag “Warum gibt es Sekten?” geschrieben. Damit eröffnet Logos eine neue wichtige Diskussionsebene. Deshalb benutze ich seinen Text als neuen Beitrag. Und bedanke mich bei Logos.
Hugo Stamm
Logos: Für alle die glauben, dass das Selbst, die Seele, unser Bewusstsein vom Gehirn unabhängig existieren, oder dass wir doch wenigstens ein zu lokalisierendes „Ich“ , mit all den persönlichen Charaktereigenschaften, Neigungen und Begabungen besitzen, führe ich untenstehend ein paar Beispiele aus der neurologischen Fachliteratur auf, die zum Nachdenken animieren sollen.
Der 51 Jährige britische Bauarbeiter T.M., Ex-Sträfling wegen Gewaltdelikten, erlitt eine kleine Hirnblutung. 2 Wochen nach der Notoperation begann der einst jähzornige, aggressive Schläger plötzlich seine Notizbücher mit Gedichten und Versen zu füllen, wenig später begann er zu zeichnen. Früher waren Tattoos auf den Oberarmen sein einziger Zugang zur bildenden Kunst gewesen. Aus ihm wurde ein erfolgreicher, feinfühlender Künstler, der 10 Stunden am Tag malt, knetet und schreibt.
Was bedeutet das eigentlich für unser Selbstverständnis als Menschen, wenn eine minimale Verletzung im Gehirn eine Persönlichkeit komplett umzustülpen vermag?
Ein Fall von der Uni Zürich: Ein gut erzogener Junge wurde nach einer Hirntumoroperation zum zwanghaften Ladendieb.
Oder das Gourmand-Syndrom: Patienten, mit einem Hirntumor, einem epileptischen Anfall, oder sonstigen hirnorganischen Schäden in der rechten vorderen Gehirnhälfte, entwickelten unmittelbar eine lodernde und andauernde Leidenschaft für Feinschmeckeressen, auch wenn sie bis anhin der Pizza- und Burger-Fraktion angehörten. Aus einem Journalisten, dem dies passierte, wurde ein berühmter Restaurantkritiker,
Welches ist das wahre Ich? Wo ist unser harter Kern, der die Persönlichkeit beherbergt?
Typisch und relativ häufig ist bei Rechtshändern die Verleugnung der linken Körperhälfte nach einem Schlaganfall. Danach ist die linke Körperhälfte vollständig gelähmt. Das interessante dabei ist, dass Patienten ihre Behinderung häufig bestreiten. Die sogenannten Neglect-Patienten ignorieren schlicht eine Hälfte der Welt! Sollen sie zB. Das Ziffernblatt einer Uhr zeichnen, endet der Tag um 6 Uhr abends. Wenn sie essen, verspeisen sie nur die rechte Hälfte des Tellers und Menschen, die an der linken Seite ihres Krankenbetts sitzen, nehmen sie nicht wahr.
Entfremdete Körperteile. Nach einem Schlaganfall werden Körperteile als Fremdkörper angesehen. Diese führen dann ein Eigenleben. Da will eine Patientin mit ihrer rechten Hand die Türe öffnen. Die Linke stösst diese dann unmittelbar danach wieder zu. Bei einem anderen Patienten griff die linke Hand bei jeder Gelegenheit nach seinem Genick und wollte ihn erwürgen. Ein anderer Patient schoss sich in das linke Bein, dass es amputiert werden musste. Nach der Amputation äusserte er sich sehr zufrieden, da ihm dieser Fremdkörper schon lange ein Dorn im Auge war.
Oder da sind die Cotard-Patienten: Einer behauptet, ein Leichnam zu sein, der bereits stinkt und verrottet. Er bittet, endlich begraben zu werden. Andere behaupten sogar, gar nicht zu existieren.
Da wären noch die Fälle der multiplen Persönlichkeitsstörung: Diese entwickelt sich meistens aus traumatischen Erfahrungen in der Kindheit, wie sexueller Missbrauch oder häusliche Gewalt. Die Patienten haben zwei (oder mehrere) voneinander unabhängige Persönlichkeiten entwickelt, von denen, je nach Bedarf, die Eine oder Andere zum Vorschein kommt.
Das Leben in der dritten Person: Diesen Patienten werden zunehmend schmerzhaft von der Welt abgeschnitten. Sie haben den Eindruck, ihr Innenleben von aussen zu beobachten und sich zunehmend vom Körperbewusstsein zu entfernen. Ein junger Patient rätselt über die körperlichen Grenzen des „Ich“ . Er grübele „über diesen flüssigen Übergang zwischen mir und der Welt: Er muss aus einer Mischung von Luftmolekülen, Schweisstropfen und winzigen Hautfetzchen bestehen.
Diese neurologischen „Schauergeschichten“ zeigen auf, dass unseren grössten Gewissheiten nicht zu trauen ist. Wir können uns selbst unserer eigenen Identität nicht sicher sein. Und wenn man Pech hat, hält man sich gleich für jemand ganz anderes, wie Patienten mit Intermetamorphose.
Der Mainzer Bewusstseinsphilosoph Thomas Metzinger stellt nüchtern fest: „Unsere Verletzlichkeit auf der Ebene des Geistes ist mir sehr deutlich geworden. Nur ein kleiner Hirnschlag und alles kann sich in vollkommene Verwirrung oder eine einzige Agonie verwandeln. Ohne eigene Schuld kann jedem von uns, auch jungen Menschen, jederzeit so etwas passieren, da kann man Verwandte nicht mehr als Verwandte erkennen, kriegt plötzlich Hassattacken oder Zwangsgedanken. Wir entdecken Tatsachen über uns selbst, die viele vielleicht gar nicht wahrhaben möchten.“
Wo ist hier unser harter Kern? Wo ist unsere Seele? Woraus besteht meine Persönlichkeit? Beschränkt sich das Ganze etwa nur auf Hirnfunktionen?
Gruss: Logos











































