Seit ich mich intensiver mit Glaubensfragen befasse, beobachte ich ein seltsames Phänomen. In spirituellen und religiösen Fragen gibt es ein ehernes Gesetz: Je älter eine Erkenntnis ist, desto grösser sein Wahrheitsgehalt. Besser vielleicht: Je älter eine Idee oder ein Konzept ist, desto ehrfürchtiger gehen wir mit ihnen um. Manchmal habe ich den Eindruck, dass wir mit jedem Jahrhundert ein bisschen mehr erstarren.
Das ist erstaunlich. Denn in allen andern Lebensbereichen wird die Halbwertzeit von Erkenntnissen, Theorien und Traditionen immer kürzer. Auch bei den Geisteswissenschaften. Doch in Glaubensfragen ist das Alter ein Wert an sich. Als ob die Glaubwürdigkeit von den Jahrringen abhangen würde. Angesichts der altehrwürdigen „Weisheit“ wagen wir es nicht einmal, kritische Fragen zu stellen. Schliesslich hat die Erkenntnis Jahrhunderte überdauert… Gegen Mythen und Aberglauben – wenn er denn schon ein paar Jährchen auf dem Buckel hat – sind Vernunft und Ratio machtlos. Als gebe es ein geistiges Gesetz, wonach Überlieferungen, Legenden und Mythen heilig seien. Sie geniessen eine „göttliche Aura“. Wer an ihrem Lack kratz, begeht Verrat oder macht sich gar der Blasphemie schuldig. Da ich meine Unschuld längst verloren habe und in den Augen vieler des Teufels bin, kann ich das Tabu brechen, ohne noch tiefer in die Hölle zu rutschen.
Ein paar Beispiele solcher Mythen: Schamanen aus früheren Zeiten hatten noch eine enge Verbindung zur Natur und konnten spirituelle Energien und Heilkräfte vielfältig nutzen, glauben wir unbesehen. Oder die Hexen: Sie sind für Esoteriker mystische Wesen, welche die magischen Kräfte nutzen konnten. Und Druiden, die verehrten Priester der Kelten, verfügten angeblich über das geheime Wissen, das uns modernen Menschen abhanden gekommen ist. Oder die alten Ägypter waren nicht nur die genialen Erbauer der Cheops-Pyramide und der Sphinx, sie waren auch in spirituellen Belangen erleuchtete Meister. Deshalb pilgern viele Esoteriker nach Ägypten, um die spirituelle Aura meditierend in sich aufzusaugen.
Auch die Buddhismuswelle lebt vom Mythos, dass alte Lehren und Erkenntnisse mehr spirituelle Tiefe enthalten als jüngere Lehren. Deshalb geniesst bei uns der tibetische Buddhismus besondere Wertschätzung. Und den Kabbalisten, den jüdischen Mystikern, wird nachgesagt, sie hätten das geheime Wissen entdeckt, das sich hinter Thora verstecke. Ähnlich verhält es sich bei den sagenumwobenen Tempelrittern, den angeblichen Hütern des heiligen Grals.
Ich weiss nicht, ob Druiden, Tempelritter oder Schamanen aussergewöhnliche spirituelle Fähigkeiten hatten. Es ist durchaus denkbar. Aber ich weiss, dass die Quellenlage so dürftig ist, dass wir die Frage nicht schlüssig beantworten können. Das ist auch gut so für die „Weisen“: So können wir die Mythen wunder züchten, bis sie in den Himmel wachsen. Sind sie dort angelangt, entziehen sie sich ohnehin unserer geistigen Kontrolle. Und nähren unsere Sehnsucht nach der Vollkommenheit wie eine Börsenkurve, die endlos steigt.
Ich bestreite nicht, dass manche alte religiöse oder spirituelle Traditionen oder Heilslehren eine Faszination ausüben und tiefe Weisheiten enthalten können. Doch sie sind auch nicht davor gefeit, kitschige Mythen, unhaltbare Geisteskonstrukte, fragwürdige spirituelle Dogmen usw. zu enthalten. Das trifft auf die Weltreligionen genau so zu wie beispielsweise auf die Hermetik, die Theosophie, die Astrologie oder Anthroposophie. Wir neigen sogar dazu, nackten Aberglauben als bemerkenswerte spirituelle Erkenntnis zu bewerten, wenn sie ein paar hundert Jahre alt sind.
Ein Beispiel: Die moderne Esoterik beruft sich im Kern auf die Erkenntnisse von Helena Petrowna Blavatsky. Das Medium behauptete, es sei medial begabt und könne „Durchsagen“ von den aufgestiegenen Meistern, Avataren oder Geistwesen – also göttlichen Autoritäten – empfangen. Somit kommt ihren „kosmischen Botschaften“ ein angeblich absoluter Wahrheitsgehalt zu. Um den ungläubigen, spirituellen Suchern einen Beweis für ihre sensationellen Botschaften zu liefern, zeigte sie ihren Anhängern Briefe, welche die aufgestiegenen Meister ihr übergeben hätten. Die schriftlichen Botschaften lagen jeweils am Morgen in einem abgeschlossenen Schrank. Die staunende Jüngerschaft war fasziniert. Doch als der Kasten einmal verschoben wurde, entdeckten die Jünger einen Schlitz auf der Rückseite des Schrankes. Die Botschaften waren offensichtlich fingiert worden. (Was man ja auch ohne diese Entdeckung hätte wissen müssen.) Doch Blavatsky war inzwischen so bekannt, dass der Betrug nicht mehr ins Gewicht fiel. Die Anhänger der von Blavatsky 1875 gegründeten Theosophie (theosophia = Weisheit Gottes oder Weisheit der Götter, verstanden als das Göttliche im Menschen) lebten geistig schon so in ihrer Scheinwelt und waren so fasziniert, dass für sie die „Wahrheit“ nicht von einem solchen Detail abhangen konnte.
Erstaunlich ist, dass wir bei philosophischen Erkenntnissen mit der Lupe nach Widersprüchen suchen, in spirituellen Belangen aber nicht so genau hinsehen mögen. Es könnte die Sehnsucht nach der Erlösung und der Erleuchtung stören.
Blinder Glaube an die Mythen
102 Kommentare zu „Blinder Glaube an die Mythen“
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Du Werner hast niemanden beleidigt! Du hast einfach Deine Meinung gesagt, und in der Schweiz haben wir eine freie Meinungsäusserung. Andererseits ist öffentliche Gotteslästerung eine Straftat. Aber das hast Du nicht gemacht. Gott sei Dank dürfen wir uns heutzutage frei über Jesus äussern. Wir können ihn dennoch respektieren, wir müssen ihn nicht zur “Sau” machen. Ohnehin könnte er ja nichts dafür, weil ja andere seine Lebensgeschichte verfasst haben. Er selber hat gepredigt und provoziert, dann ist er verhaftet worden, eingekerkert, dem Richter vorgeführt, dieser fassungslos und liess dem Volk die Entscheidung zu, was zu tun ist. Und die meinten halt, er sollte gekreuzigt werden. Das war zur damaligen Zeit eine ganz gewöhnliche Handlung. Jeden Tag wurden Leute gekreuzigt, die übliche Todesweise bei den Römern.
Da gab es eine Menge Diebe, Räuber, Ehebrecher, sonstige Verbrecher etc etc. Da musste man hart durchgreifen, ansonsten der Pöbel bald regiert hätte.
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