Schweiz

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Archiv für Mai 2006

Starre Glaubenskonzepte

hugostamm am Montag den 29. Mai 2006

Das Wesen aller Glaubensgemeinschaften liegt darin, dass sie sich auf die geistige, spirituelle oder religiöse Autorität eines Verkünders stützen. Religionsgemeinschaften gehen immer auf einen Initianten zurück, der von metaphysischen Visionen beseelt ist oder war.
Die Konzentration auf einen spirituellen oder religiösen Führer führt zwangsläufig zu hierarchischen Strukturen. Diese können sehr flach sein, doch die geistige Autorität steht immer an der Spitze und wird als Vorbild verehrt. Das hierarchische System perfektioniert hat beispielsweise Ron Hubbard, der Gründer von Scientology: Er hat seine grosse Organisation straff durchstrukturiert. Und war damit zumindest im weltlichen Bereich erfolgreich. Mindestens finanziell.
Es scheint, als seien die meisten Glaubensgemeinschaften resistent gegen moderne Geistesströmungen. Gebildete Menschen auf der ganzen Welt sind sich weitgehend einig, dass die geistige Emanzipation des Individuums und die Demokratisierung der Gemeinwesen die grossen Ziele der Zukunft sein müssen. Nur so lässt sich mehr Gerechtigkeit erreichen und Empathie erzeugen.
Die allermeisten Glaubensgemeinschaften zeichnen sich aber nicht durch die Kultivierung von Emanzipations- und Demokratisierungsprozessen aus. Es scheint gar, als würden sich die Entwicklungen in den politischen und religiösen Bestrebungen entgegen laufen.
Das hat in erster Linie damit zu tun, dass Glaubenskonzepte nicht “verhandelbar” sind. Es gehört zum Kern von Glaubensgemeinschaften, dass sie ihre Heilslehre als unverrückbare Wahrheit betrachten. Deshalb ist in den zentralen Fragen keine Korrektur möglich, ein Diskurs sinnlos.
Auch junge spirituelle Zirkel oder Glaubensgemeinschaften kennen eine hierarchische Ausrichtung oder autoritäre Strukturen. Und die Mitglieder, die sonst in allen Lebensbelangen demokratische und emanzipatorische Entwicklungen fordern und durchsetzen möchten, akzeptieren die starren Strukturen als gottgegeben.
Trotzdem begreife ich nicht, weshalb in Glaubensgemeinschaften kaum je über die zentralen Inhalte der Glaubenslehre diskutiert wird. Ich habe sogar den Eindruck, als mache vielen Gläubigen nur schon der Gedanke daran Angst. Sie betrachten Zweifel und Kritik als Sünde.
Trotz allem sei die Frage gestellt: Weshalb kann sich ein Glaubenskonzept nicht entwickeln? Wieso können neue Erfahrungen und Erkenntnisse nicht in eine Heilslehre einfliessen? Schliesslich sind auch im mystischen oder spirituellen Bereich Entwicklungen möglich, die den Horizont erweitern und religiöse Dogmen in neuem Licht erscheinen lassen können.
Ich vermute, dass wir die Antwort auf solche Fragen nicht im religiösen Bereich suchen müssen, sondern eher im menschlichen. Wir haben Angst vor der Vergänglichkeit und dem steten Wandel. Alles bewegt sich rasend, und wir müssen immer schneller rennen, um den Entwicklungen in allen Lebensbereichen halbwegs folgen zu können. Da halten wir uns gern an einem unverrückbaren, erratischen Block, der wie ein Fels in der Brandung steht und unvergänglich ist: Die Heilslehre. Wie heisst es doch in der Bibel: Du bist Petrus der Fels, auf den ich meine Kirche bauen will.
Und es gibt noch zwei weitere wichtige Aspekte, weshalb sich die meisten Glaubensgemeinschaften nicht bewegen: Macht und Autoritätsgläubigkeit. Doch das ist ein Thema, das ich mir für einen andern Blog-Beitrag aufsparen möchte…

Der Mythos Tell

hugostamm am Donnerstag den 25. Mai 2006

Die Diskussionsbeitraege und Antworten auf meinen Text ueber die Mythen fordern mich zu einer Replik heraus. Da ich fern meines PCs bin, faellt er vergleichsweise kurz aus.
Funktion und Wirkung von Mythen sind mir durchaus bewusst. Ich weiss also, dass es Metaphern und Gleichnisse sind, die Unerklaerliches und Geheimnisvolles in Bilder packen und begreifbar machen wollen. Trotzdem schein es mir wichtig, Mythen zu hinterfragen und ihre Wirkung zu untersuchen. Nicht alle sind nuetzlich oder kulturell bereichernd. Viele Mythen verklaeren die Realitaet oder schuetten sie sogar zu.
Ein kurzer Exkurs: Von Mythen und Maerchen gehen eine enorme Kraft aus, ja eine starke Suggestion, wie viele Beitraege richtig erklaeren. Die Bilder und Symbole brennen sich auf geheimnisvolle Art in unseren Erfahrungsschatz ein und praegen unser Empfinden und unser Weltbild. Ja, sie umschiffen offenbar den Filter des Bewusstseins und schmuggeln sich direkt ins Unbewusste. Und praegen somit wieder unser Bewusstsein. Deshalb sollten wir genau pruefen, welche Mythen bereichernd sind und welche uns unheilvoll beeinflussen.
Nehmen wir als Beispiel unseren guten, alten Willhelm Tell. Er praegt vor allem bei patriotischen und konservativen Menschen das Bild vom mutigen, unbeugsamen Mann (natuerlich nicht von einer Frau – in den Mythen sind fast immer die Maenner die Helden, was die Kinder schon in den Maerchen eingeimpft bekommen. Und wenn beispielsweise ein Maedchen wie die Goldmarie zur Heldin wird, dann hoechstens als fleissiges Hausmuetterchen.)
Bei vielen Eidgenossen praegt Tell wohl unser Bild der Schweiz staerker als die historischen Fakten oder der aktuelle politische, gesellschaftliche oder kulturelle Zustand unseres Landes. Deshalb auch der Aufschrei nach der Veroeffentlichung des Bergier-Berichtes. Fuer viele Patrioten ist denn auch Christoph Blocher ein aktuelles Sinnbild fuer Tell. Auch Blocher wehrt sich angeblich gegen unsinnige Vorschriften (Hut gruessen zu Tells Zeiten) und gegen die Classe politique. Es ist aber absurd, wenn ein Milliardaer zum modernen Tell hochstilisiert wird. Der Mythos Tell wird zur Perversion.
Tell ist allgemein ein verhaegnisvoller Mythos geworden. Er suggeriert, dass ein einzelner Held das Schicksal einer ganzen Gemeinschaft mit einer Heldentat zum Guten wenden kann. Helden aber sind mir suspekt – in allen Schattierungen. Und da wir Eidgenossen in den Augen vieler Patrioten auch ein bisschen Tell sind, betrachten wir uns als mutiger als andere Europaeer. Und schon kultivieren wir Feindbilder. Sollen uns die boesen (europaeischen) Voegte ja nicht auf die Pelle ruecken, sonst werden wir den Tell in uns wecken und heldenhaft zurueckschlagen. So praegt Tell unser Bewusstsein und Selbstwertgefuehl als Individueen und “Willensnation” weiterhin stark.
Die Realitaet der Tellensoehne sieht aber anders aus. Wir sind uebergewichtig, wohlstandsverweichlicht, materialistisch, egoistisch duckmaeuserisch usw. Zivilcourage ist nicht des Schweizers Staerke. Wir machen lieber die Faust im Sack, als dass wir zum Pfeil greifen. Ein bisschen Tell sind wir hoechstens am Stammtisch.
Tell fuehrt uns also auf eine falsche Faehrte. Sein Mythos suggeriert Heldentum, wo viel Durchschnittlichkeit und Feigheit den Alltag bestimmen. Deshalb sollten wir den Tell-Mythos hinterfragen und rasch relativieren. Wie auch viele andere Mythen.

Blinder Glaube an die Mythen

hugostamm am Samstag den 20. Mai 2006

Seit ich mich intensiver mit Glaubensfragen befasse, beobachte ich ein seltsames Phänomen. In spirituellen und religiösen Fragen gibt es ein ehernes Gesetz: Je älter eine Erkenntnis ist, desto grösser sein Wahrheitsgehalt. Besser vielleicht: Je älter eine Idee oder ein Konzept ist, desto ehrfürchtiger gehen wir mit ihnen um. Manchmal habe ich den Eindruck, dass wir mit jedem Jahrhundert ein bisschen mehr erstarren.
Das ist erstaunlich. Denn in allen andern Lebensbereichen wird die Halbwertzeit von Erkenntnissen, Theorien und Traditionen immer kürzer. Auch bei den Geisteswissenschaften. Doch in Glaubensfragen ist das Alter ein Wert an sich. Als ob die Glaubwürdigkeit von den Jahrringen abhangen würde. Angesichts der altehrwürdigen „Weisheit“ wagen wir es nicht einmal, kritische Fragen zu stellen. Schliesslich hat die Erkenntnis Jahrhunderte überdauert… Gegen Mythen und Aberglauben – wenn er denn schon ein paar Jährchen auf dem Buckel hat – sind Vernunft und Ratio machtlos. Als gebe es ein geistiges Gesetz, wonach Überlieferungen, Legenden und Mythen heilig seien. Sie geniessen eine „göttliche Aura“. Wer an ihrem Lack kratz, begeht Verrat oder macht sich gar der Blasphemie schuldig. Da ich meine Unschuld längst verloren habe und in den Augen vieler des Teufels bin, kann ich das Tabu brechen, ohne noch tiefer in die Hölle zu rutschen.
Ein paar Beispiele solcher Mythen: Schamanen aus früheren Zeiten hatten noch eine enge Verbindung zur Natur und konnten spirituelle Energien und Heilkräfte vielfältig nutzen, glauben wir unbesehen. Oder die Hexen: Sie sind für Esoteriker mystische Wesen, welche die magischen Kräfte nutzen konnten. Und Druiden, die verehrten Priester der Kelten, verfügten angeblich über das geheime Wissen, das uns modernen Menschen abhanden gekommen ist. Oder die alten Ägypter waren nicht nur die genialen Erbauer der Cheops-Pyramide und der Sphinx, sie waren auch in spirituellen Belangen erleuchtete Meister. Deshalb pilgern viele Esoteriker nach Ägypten, um die spirituelle Aura meditierend in sich aufzusaugen.
Auch die Buddhismuswelle lebt vom Mythos, dass alte Lehren und Erkenntnisse mehr spirituelle Tiefe enthalten als jüngere Lehren. Deshalb geniesst bei uns der tibetische Buddhismus besondere Wertschätzung. Und den Kabbalisten, den jüdischen Mystikern, wird nachgesagt, sie hätten das geheime Wissen entdeckt, das sich hinter Thora verstecke. Ähnlich verhält es sich bei den sagenumwobenen Tempelrittern, den angeblichen Hütern des heiligen Grals.
Ich weiss nicht, ob Druiden, Tempelritter oder Schamanen aussergewöhnliche spirituelle Fähigkeiten hatten. Es ist durchaus denkbar. Aber ich weiss, dass die Quellenlage so dürftig ist, dass wir die Frage nicht schlüssig beantworten können. Das ist auch gut so für die „Weisen“: So können wir die Mythen wunder züchten, bis sie in den Himmel wachsen. Sind sie dort angelangt, entziehen sie sich ohnehin unserer geistigen Kontrolle. Und nähren unsere Sehnsucht nach der Vollkommenheit wie eine Börsenkurve, die endlos steigt.
Ich bestreite nicht, dass manche alte religiöse oder spirituelle Traditionen oder Heilslehren eine Faszination ausüben und tiefe Weisheiten enthalten können. Doch sie sind auch nicht davor gefeit, kitschige Mythen, unhaltbare Geisteskonstrukte, fragwürdige spirituelle Dogmen usw. zu enthalten. Das trifft auf die Weltreligionen genau so zu wie beispielsweise auf die Hermetik, die Theosophie, die Astrologie oder Anthroposophie. Wir neigen sogar dazu, nackten Aberglauben als bemerkenswerte spirituelle Erkenntnis zu bewerten, wenn sie ein paar hundert Jahre alt sind.
Ein Beispiel: Die moderne Esoterik beruft sich im Kern auf die Erkenntnisse von Helena Petrowna Blavatsky. Das Medium behauptete, es sei medial begabt und könne „Durchsagen“ von den aufgestiegenen Meistern, Avataren oder Geistwesen – also göttlichen Autoritäten – empfangen. Somit kommt ihren „kosmischen Botschaften“ ein angeblich absoluter Wahrheitsgehalt zu. Um den ungläubigen, spirituellen Suchern einen Beweis für ihre sensationellen Botschaften zu liefern, zeigte sie ihren Anhängern Briefe, welche die aufgestiegenen Meister ihr übergeben hätten. Die schriftlichen Botschaften lagen jeweils am Morgen in einem abgeschlossenen Schrank. Die staunende Jüngerschaft war fasziniert. Doch als der Kasten einmal verschoben wurde, entdeckten die Jünger einen Schlitz auf der Rückseite des Schrankes. Die Botschaften waren offensichtlich fingiert worden. (Was man ja auch ohne diese Entdeckung hätte wissen müssen.) Doch Blavatsky war inzwischen so bekannt, dass der Betrug nicht mehr ins Gewicht fiel. Die Anhänger der von Blavatsky 1875 gegründeten Theosophie (theosophia = Weisheit Gottes oder Weisheit der Götter, verstanden als das Göttliche im Menschen) lebten geistig schon so in ihrer Scheinwelt und waren so fasziniert, dass für sie die „Wahrheit“ nicht von einem solchen Detail abhangen konnte.
Erstaunlich ist, dass wir bei philosophischen Erkenntnissen mit der Lupe nach Widersprüchen suchen, in spirituellen Belangen aber nicht so genau hinsehen mögen. Es könnte die Sehnsucht nach der Erlösung und der Erleuchtung stören.

Die Sterne sind entlarvt

hugostamm am Sonntag den 14. Mai 2006

Passen nun Widder besser zu Steinböcken oder zu Jungfrauen? Oder hat eine Beziehung mit einer Waage vielleicht doch bessere Zukunftschancen? Doch was macht der Widder, wenn er einer intelligenten, fröhlichen und hübschen Fisch-Frau begegnet und sich Hals über Kopf verliebt? Soll er dann die Sterne fragen? Soll er ihnen glauben, wenn sie ihm ins Ohr flüstern: „Widder mit Fisch? Behüte Gott. Da kannst Du die Scheidung eingeben, bevor Du ihr den Ring an den Finger gesteckt hast.“
Ein Forschungsteam aus Deutschland und Dänemark wollte es wissen, wie es sich wirklich mit den Sternen und Sternzeichen verhält. Gibt es einen nachweisbaren Zusammenhang zwischen dem Geburtsmonat, dem Sternzeichen und den Charakterzügen?
Professor Peter Hartmann von der Universität Arhus und seine Kollegen sammelten Daten und Informationen von über 15’000 Menschen, die sie aus verschiedenen Datenbanken bezogen. Ihre Resultate sind ernüchternd. Persönlichkeitsmerkmale seien nicht abhängig von Sternzeichen, erklären sie ohne Wenn und Aber. Die Zeit der Geburt sage nichts über die Charaktereigenschaften aus.
Das Resultat erstaunt zwar nicht wirklich, ist aber für einen Grossteil der Bevölkerung ein herber Dämpfer. Denn fast die Hälfte glaubt an die Macht der Sterne oder an die Sternzeichen. Tendenz steigend. Ich zweifle allerdings, dass sich diese von der wissenschaftlichen Studie verunsichern lässt. Gegen den Glauben an die Kraft der Gestirne ist kein (Vernunfts-)Kraut gewachsen. Warum? Weil es eben ein Glaube ist. Und der lässt sich nicht erschüttern. Auch nicht von den ausgewerteten Daten von 15’000 Personen. Und schon gar nicht von wissenschaftlichen Erkenntnissen. Schliesslich würde ihr Weltbild zusammenkrachen, wenn sie die Hoffnung auf die Sterne verlieren würden. Schliesslich würde sich auch der Glaube an die Horoskope verflüchtigen. Somit wären viele Hoffnungen, Erwartungen und Sehnsüchte vergeblich gewesen. Und das Geld für die „Analysen“ aus dem Fenster geworfen. Und man müsste sich eingestehen, einem Aberglauben gehuldigt zu haben. Das wären schmerzliche Erkenntnisse. Deshalb glaubt man lieber, dass sich astrologische Erkenntnisse eben nicht mit wissenschaftlichen Methoden verifizieren lassen. Und so bleibt die Kirche im Dorf – oder eben im Sternenhimmel.
Gebildete Astrologen gehen sofort zum Gegenangriff über. Sie erklären, frühere Untersuchungen hätten gezeigt, dass es durchaus einen Zusammenhang zwischen den Charaktereigenschaften und dem Sternzeichen gebe. Was sagen die Wissenschafter um Peter Hartmann dazu? Die früheren Studien hätten nur kleine Probandengruppen untersucht und deshalb keine statistisch relevanten Resultate hervorbringen können.
Warum soll man nicht an die Sterne oder den Einfluss der Sternzeichen glauben? Das ist doch harmlos, sagen viele, auch nicht Sternen-Gläubige. So einfach ist es leider nicht. Die Gefahr besteht, dass die Sterndeuter sich von Horoskopen abhängig machen, ihr Verhalten auf die Aussagen der Astrologen ausrichten und die Verantwortung an eine „höhere Macht“ abgeben. Viele befragen vor schwierigen Entscheiden die Sterne. Statt auf ihre Gefühle zu hören und die Lebenserfahrungen beizuziehen, überlassen sie die Entscheide den Astrologen oder den Sternen. Wobei wir bei meinem Lieblingsthema wären: Die geistige Freiheit ist vielleicht das wichtigste Gut, das es zu kultivieren und zu schützen gilt.
Wie sagen doch die Astrologen? Sterne lügen nicht. Kunststück: Sie können ja gar nicht reden.

Glaube: Eine Frage der Gene?

hugostamm am Sonntag den 7. Mai 2006

Zwei Brüder wachsen in ländlichem Milieu in einer katholischen Familie auf. Die Eltern sind „durchschnittliche“ Katholiken und besuchen gelegentlich den Gottesdienst. Sie bezeichnen sich aber nicht als besonders fromm. Und sie lassen ihren beiden Söhnen viel Freiraum – auch in religiösen Belangen.

Der jüngere entwickelte schon als Jugendlicher eine kritische Haltung dem Glauben gegenüber. Mit 20 Jahren bezeichnete er sich als Atheist, mit 30 als Agnostiker. Auf die Frage: „Gibt es einen Gott?“ pflegt er zu sagen: Niemand hat ihn gesehen, niemand kann seine Existenz nachweisen, und mit Spekulationen halte ich mich nicht auf. Es interessiert mich schlicht nicht.

Der Ältere wurde Messdiener und ging auf dem Schulweg oft in die Kirche, um eine Kerze anzuzünden. Als junger Mann trat er ins Kloster ein und wurde Jesuiten-Pater.

Die beiden Brüder mögen sich gut. Sie unternehmen zusammen oft Bergtouren. Kommen sie an einem Kreuz vorbei, kann sich der Agnostiker eine ironische Bemerkung nicht verkneifen. Und auch dem Mönch kommt gelegentlich eine humorvolle, religiös aber nicht ganz korrekte Bemerkung über die Lippen, wenn er seinen Herrn am Kreuz sieht. Und er frotzelt: Ein Leben ohne spirituelle Erfahrungen ist trostlos, und ein Kosmos ohne Gott wie ein schwarzes Loch.

Zwei Brüder, von den gleichen Eltern gezeugt und in der gleichen Familie, Schule und Kirchgemeinde sozialisiert, entwickeln sich geistig in konträre Richtungen. Wie ist das möglich? Oder anders herum: Weshalb werden die einen Menschen religiös oder gar streng gläubig, während für andere religiöse Gefühle eine unbekannte Grösse bleiben?

Ein Geheimnis, das weitere Fragen aufwirft: Sind religiös empfindende Menschen empathischer als areligiöse? Flüchten vor allem labile oder ängstliche Personen in den Schoss einer vermeintlich rettenden Glaubensgemeinschaft? Oder fehlt den areligiösen die Vorstellungskraft oder gar Phantasie? Ist mangelnde Spiritualität ein Charakterdefizit oder Ausdruck einer besonderen Realitätsbezogenheit? Zählen spirituell besonders tief empfindende Menschen zur geistigen Elite, weil sie mit einem speziellen Sensorium ausgestattet sind? Oder sind sie leichter verführbar? Sehnen sich besonders stark nach der Erlösung, weil sie sich rauen Diesseits verloren fühlen?

Wie auch immer. Bedenklich scheint mir zu sein, dass Gläubige jeder Couleur spirituelle und religiöse Empfindungen zur moralischen Norm erheben. In ihren Augen sind Personen, denen eine Frömmigkeit abgeht, erbarmenswerte Geschöpfe, die auf ewige Zeiten verloren sind, weil sie die Erleuchtung oder das Himmelreich verpassen werden. Dabei lassen sie exakt jene Demut und Bescheidenheit vermissen, die sowohl Esoterik wie Christentum predigen. Der Drang, sich über andere zu erheben, scheint ein urmenschlicher Instinkt zu sein, der sich nicht um Glaubensfragen kümmert.

Und was wäre, wenn das religiöse Empfinden eine Frage der Gene wäre? Der amerikanische Makrobiologe Dean Hamer behauptet, der Glaube sei – unabhängig von der Religion – eine Frage des Hirns und der genetischen Beschaffenheit. Er fand heraus, dass ein bestimmtes Gen in zwei Varianten vorkommt. Träger der einen Version neigen nach seinen Forschungen zu starken spirituellen Emotionen. Wer die 2. Variante in sich trägt, bewege sich lieber auf der rationalen Ebene.

Gestützt wird die Beobachtung durch den Umstand, dass eineiige Zwillinge sehr ähnliche religiöse Empfindungen entwickeln. Und das selbst dann, wenn sie nicht im gleichen Milieu aufwachsen. Danach wäre der Glaube an Gott die Folge einer biochemischen Reaktion.

Sind Naturwissenschafter die wahren Feinde Gottes? Oder sind sie einfach unfähig, religiös zu empfinden und wollen ihre rationalen Erkenntnisse zur Religion oder Heilslehre machen?

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen und den Aufschrei der Empörung in Grenzen zu halten: Ich glaube nicht, dass man religiöse oder spirituelle Empfindungen auf genetische Voraussetzungen oder chemische Prozesse reduzieren kann. Dazu ist unser Bewusstsein zu komplex. Die These von der genetischen Prägung ist aber ein Hinweis darauf, dass unsere Gefühle das Produkt aus einem wunderbaren Zusammenspiel von Körper Geist und Seele sind. Die religiösen genau so wie die „platonischen“ und sexuellen.

PS: Ich habe im Beitrag mit dem Titel „Relative religiöse Wahrheit“ geschrieben, die moderne Esoterik gehe unter anderem auf die Hermeneutik zurück. Das war ein Verschreiber. Seither nimmt Studi diesen immer mal wieder als Beweis für meine fachliche Inkompetenz. Zur Erklärung: Die Geheimlehre Hermetik geht auf den spätantiken Mystiker Hermes Trismegistos zurück. Und mit Hermeneutik schlug ich mich schon vor rund 35 Jahren im Studium herum. Ganz unbekannt ist mir der Unterschied grundsätzlich nicht…

Pferdegottesdienst

hugostamm am Dienstag den 2. Mai 2006

Im Evangelischen Pressedienst wurde ein Artikel verbreitet, der den ersten Pferdegottesdienst beschreibt. Für einmal enthalte ich mich eines Kommentares. Ich werfe nur ein paar Fragen auf: Feiern Menschen einen Gottesdienst im Beisein ihrer geliebten Pferde? Oder geht es um die Liebe der Menschen für ihre Tiere? Werden die Pferde gesegnet, damit sie ein langes, gesegnetes Leben haben? Sollen die Tiere vermenschlicht werden? Werden sie nach der Segnung in den Himmel kommen?

Hier nun der Artikel:

In der Manege stand ein hohes Birkenkreuz vor einem schlichten Tisch-Altar. Daneben eine Kutsche, die dem ehemaligen Michel-Hauptpastor Helge Adolphsen als Kanzel dienen sollte. Das war die Kulisse für den ersten Pferdegottesdienst, der auf der internationalen Fachmesse “Hansepferd” in Hamburg gefeiert wurde. Unter den knapp 300 Besuchern in der neuen Showhalle A 3 auf dem Messegelände der Hansestadt waren auch zwei Dutzend Pferde.

“Wir wollen uns gemeinsam besinnen auf ein wunderbares Mitgeschöpf”, sagte Eberhard Fellmer, Ehrenpräsident des Hamburger Landesverbandes der Reit- und Fahrvereine zur Begrüßung. Zuvor hatten die Jagdhornbläser “Fürst Bismarck” standesgemäße Fanfaren zum Einzug der Pferde in die Gottesdienst-Halle geblasen. Wenn Gott das Pferd bei seiner Schöpfung vergessen hätte, würde Wesentliches fehlen auf der Welt, fügte Fellmer hinzu.

“Pferde haben eine Seele”, sagte Adolphsen in seiner Kutschenkanzel. Sie seien zudem treu, voller Liebe und “einer der wunderbarsten Partner des Menschen”. Dies bestätigte auch Hinrich Romeike, Reiter-Olympiasieger von 2004, der gemeinsam mit dem Ex-Hauptpastor in der Kutsche saß. Man müsse einem Pferd “nur in die Augen schauen”, sagte er. Dann könne man seine Sanftmut und seine Freundlichkeit sehen.

Auch Peter Kreinberg, Western-Reiter und Pferdezüchter, nannte die Pferde “sanfte Wesen”, die alles mit sich machen ließen. Man habe mit ihnen Kriege geführt, Kontinente erobert und sie als Arbeits- und Reittiere genutzt. Heute seien sie vor allem “Freizeit- und Sportpartner”, wollten aber auch als solche behandelt werden, nämlich: möglichst gut.
Die Pferde trabten während des Gottesdienstes im Kreis in der Manege herum, zum Teil mit, zum Teil ohne Reiter. Als einige von ihnen während der Predigt erstmals zu wiehern begannen, wurden sie aus der Halle geführt.

Die Anregung zu dem ungewöhnlichen Ereignis war von den “Hansepferd”-Veranstaltern gekommen. Und Adolphsen war “begeistert” darauf eingegangen: Hatte er doch auch im Michel schon wiederholt zu Tiergottesdiensten geladen. Dazu waren jedoch nie Pferde erschienen.
Affinitäten zum Thema hat der Gottesmann auch: Einer seiner Söhne war Sprecher der Olympia-Mannschaft der Vielseitigkeitsreiter in Athen, ein anderer Sohn ist Fachtierarzt für Pferde.