Der Chef bloggt...


beatrdt am Mittwoch den 5. August 2009 um 08:26 Uhr

FĂĽr Stadt und Land

Die Stadtflucht scheint auch ein Stadtfluch zu sein. Einkaufs- und Erlebniscenter sowie Möbelmeilen an der Peripherie sind in. Diese locken mit Superangeboten, totaler Unterhaltung und ausreichend Parkplätzen die Klientel aus der Metropole. Zugegeben: Ich beneide sie nicht, die Spezialgeschäfte in der Berner Innenstadt. Es wird wirklich viel unternommen, um ihnen das Leben schwer zu machen. Vor allem die Ablehnung des motorisierten Verkehrs und das schlicht nicht vorhandene und wenn überhaupt masslos überteuerte Parkplatzangebot sowie die zahlreich aufgerissenen Strassen kommen uns im Shoppyland zugute. Aber ist das wirklich alles, die einzig wahren Gründe, warum sich immer mehr Leute in «ländlichen» Einkaufscentren wie im Shoppyland mit allem Wichtigen eindecken? Vielleicht gibt es ja auch noch anderes, das die Konsumenten abhält, im Zentrum des Unesco-Welterbes einzukaufen? Zum Beispiel das Innere vieler Läden, das an eines der zig Museen in Bern erinnert. Oder sollte nach Meinung vieler gar die ganze Stadt als Museum betrachtet und genutzt werden? Und last but not least die nicht zu vergessende, unablässige Demonstrationsflut mit Hindernissen an allen Fronten. Ich persönlich wünsche den Berner Spezialgeschäften Zuversicht, viel Durchhaltewillen und eine grosse Portion Optimismus. Nicht zuletzt mir zuliebe, denn auch ich gehöre zu jenen, die in der womöglich schönsten Stadt der Welt ab und zu hübsche Dinge einkaufen oder eines der zahlreichen Gastronomielokale aufsuchen.

Karl Gorsatt (52) ist Leiter Einkaufscenter in der Genossenschaft Migros Aare. Täglich berichtet er in seiner Kolumne, die online als Blog erscheint, aus dem Shoppyland-Alltag.

beatrdt am Dienstag den 4. August 2009 um 10:29 Uhr

Mall fĂĽr Mall

(Mall, die, engl. fĂĽr ĂĽberdachtes Einkaufscenter oder grosse Einkaufspassage)
Unter uns gesagt: Die Wirtschaftskrise existiert nicht wirklich. Eine gewagte Behauptung, ich weiss. Aber ich kann es beweisen. Erstens bezieht sich diese Aussage nur auf unsere Einkaufscenter und zweitens im Vergleich zu unseren Kollegen in England, Frankreich, Deutschland und vor allem in den USA. Während wir hier zu Lande schon verzweifeln, wenn wir im Vergleich zum Vorjahresmonat 0,5 Prozent weniger Umsatz machen, geht dieser in anderen Gebieten um 50 Prozent zurück. Schweigen und schwelgen wir also besser noch ein bisschen und hoffen, dass wir in der Schweiz einmal mehr mit einem blauen Auge davonkommen.
Der Blick in die Vereinigten Staaten, dem Geburtsort der gigantischen Einkaufscenter, macht klar, dass wir von einem richtigen Einbruch der Umsatzzahlen verschont blieben: Unter www.deadmalls.com findet man die traurige Geschichte von Hunderten von Einkaufscenter, die einst florierten. Jetzt siechen sie im Schlepptau der Krise vor sich hin. Trostlos, leer, ohne Perspektiven.
Zurück in die Schweiz: Ist diese Leere etwa das Zukunftsszenario der eidgenössischen Einkaufscenter? Mitnichten. Zwar mögen auch unsere Zahlen momentan stagnieren, aber unsere Aussichten sind rosig. Weil wir gerade rechtzeitig zum nächsten Aufschwung mit einem guten Mix aus Erlebnis, Einkaufsparadies und Dienstleistung parat sind. Weil wir an unseren Standorten auch Nahversorger sind.
Weil unsere Mischung aus Individualverkehr und ÖV stimmt. Und weil wir voll und ganz auf die Regionen setzen, in denen wir vertreten sind. Das alles stimmt uns positiv. Und deshalb glauben wir uneingeschränkt an die Zukunft unserer Einkaufscenter.
Sie etwa nicht?

Karl Gorsatt (52) ist  Leiter Einkaufscenter in der Genossenschaft Migros Aare. Täglich berichtet er in seiner Kolumne, die online als Blog erscheint, aus dem Shoppyland-Alltag.

beatrdt am Sonntag den 2. August 2009 um 13:55 Uhr

Rauchfrei

Wo Rauch ist, ist bekanntlich auch Feuer und meistens erst noch im Dach. Das kürzlich eingeführte Verbot für das An- und Entzünden von Raucherwaren sorgt logischerweise für rauchende Köpfe. Und die Glut des Zorns wird höchstwahrscheinlich irgendeinmal der Gewohnheit der absolut rauchfreien Zonen weichen. Das Problem aber ist damit nicht gelöst. Es erstaunt mich immer wieder, mit welcher Vehemenz die Raucherfront bekämpft wird. Zugegeben: Die Raucher sind auch nicht gerade die Tolerantesten, aber sie werden heute mit dem gleichen Gehabe bekämpft, wie sie einst die Nichtraucher schlicht ignorierten. Quasi Gleiches mit Gleichem, beziehungsweise, Zug um Zug. Auch im Shoppyland stehen sowohl die starken Raucher als auch die Gelegenheitspaffer auf verlorenem Posten: Rauchverbot auf 36000 Quadratmeter. Kein Fumoir weit und breit. Einzig kaufen kann man die Glimmstängel noch in einzelnen Geschäften.

Wer beim Einkaufen nicht auf seine Zigarette verzichten möchte, kann rund 80 Kilometer nach Osten fahren: Im Wynecenter Buchs im Kanton Aargau (gehört auch zur Migros Aare) darf weiterhin weitergequalmt werden – zumindest im Café Spettacolo.
Die Frage ist nicht, ob sich das Ganze eines Tages mal wieder ändert, sondern wann. Kleinere Rauchergruppen formieren sich bereits und gehen zum Angriff über. Denn jede Bewegung bringt stets eine Gegenbewegung mit sich. Wetten?
Versprochen: wir finden im Shoppyland einen Platz, wo auch in Zukunft im Trockenen und im Winter an der Wärme geraucht werden kann.

Karl Gorsatt (52) ist  Leiter Einkaufscenter in der Genossenschaft Migros Aare. Täglich berichtet er in seiner Kolumne, die online als Blog erscheint, aus dem Shoppyland-Alltag.

beatrdt am Freitag den 31. Juli 2009 um 08:41 Uhr

Qualität muss jeden Tag neu erarbeitet werden

Die BLS setzt ihre Züge, Busse und Schiffe dort ein, wo viele Fahrgäste oder grosse Gütermengen reisen. Die Herausforderung für mich und meine Mitarbeitenden besteht darin, mit standardisierten Angeboten die unterschiedlichen Erwartungen unserer Kundinnen und Kunden zu erfüllen.

Ich bin oft unterwegs, um zu sehen, zu erleben und zu spüren, was gut ankommt und wo der Schuh drückt. Ich schätze die Zuverlässigkeit von Bahn, Bus und Schiff. Ich freue mich über die Hilfsbereitschaft unseres Personals. Ich kenne aber auch die engen Platzverhältnisse zu den Pendlerspitzen, ich ärgere mich über Fahrzeugpannen und Stellwerkstörungen, über verpasste Anschlüsse und mangelhafte Information.

Ich bin mir bewusst, dass die BLS in letzter Zeit mit Pannen und Störungen die Geduld der Fahrgäste zu oft strapaziert hat. Es ist eines meiner Ziele, dass die Qualität unserer Dienstleistungen besser wird. Daran müssen wir alle jeden Tag von neuem arbeiten.

Das System Eisenbahn braucht viel Zeit, um sich zu verbessern. Neues Rollmaterial hat eine Beschaffungszeit von mehreren Jahren, Infrastrukturausbauten können für Plangenehmigung und Finanzierung und wegen der Einsprachen gar Jahrzehnte dauern. Das ist auch für mich als BLS-Chef oftmals ein Ärgernis. Ich verstehe deshalb die Ungeduld unserer Kundinnen und Kunden gut. Es geht mir genauso!

Bernard Guillelmon (42) ist der Chef des Berner Bahnunternehmens BLS. Täglich berichtet er in seiner Kolumne, die online als Blog erscheint, aus dem BLS-Alltag.

beatrdt am Donnerstag den 30. Juli 2009 um 15:48 Uhr

Werte in der Krise

Beschäftigt Sie die Wirtschaftskrise? Welche Werte haben Sie? Wo setzen Sie Ihre Prioritäten? Ich setzte mich seit einiger Zeit intensiv mit diesen Themen auseinander.

Die BLS als integriert geführte Bahn bringt vielseitige Dienstleistungen auf den Markt. Die Palette reicht vom regionalen Personenverkehr auf Schiene und Strasse über den Autoverlad, die Schifffahrt auf dem Thuner- und Brienzersee, den Bau und Betrieb der Infrastruktur und die Dienstleistungen der Werkstätten bis zum Güterverkehr. Die aktuelle Wirtschaftslage trifft unser Unternehmen in mehreren Bereichen. Besonders stark spüren wir den Rückgang im Güterverkehr. Im Personenverkehr ist der konjunkturelle Einfluss weniger frappant, doch der Druck der Kantone als Besteller nimmt stetig zu. Demzufolge müssen wir als Gesamtunternehmen effizienter werden. Dies bedeutet, auch den Mut zu haben, Bewährtes zu hinterfragen.

In Bezug auf die Ursachen, die zur heutigen Krise führten, sollten wir uns stets daran erinnern, dass die Wirtschaft im Dienste der Menschen steht und nicht umgekehrt. Als Unternehmensleiter bin ich überzeugt, dass wir neben dem wirtschaftlichen Erfolg auch für die Werte verantwortlich sind. Die Sinngebung muss für unsere Führungskräfte ebenso eine Priorität darstellen wie die Effizienzsteigerung.

beatrdt am Dienstag den 28. Juli 2009 um 09:54 Uhr

Der direkte Kontakt zu den Mitarbeitenden

Für mich als Chief Executive Officer oder kurz CEO der BLS ist es wichtig, den direkten Kontakt zur Basis zu pflegen. Bei einem Personalbestand von rund 2700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist dies allerdings nicht mit jedem einzelnen möglich.

Ich könnte wohl in Oberburg, Bönigen, Spiez oder Frutigen in ein Büro «hineinschneien» und anfangen zu diskutieren, habe da aber einige Hemmungen, Mitarbeitende bei der Arbeit zu stören. Dies gilt auch, wenn ich zu einem Lokführer gehe. Da frage ich zuerst, ob ich willkommen bin, wenn ich eine bestimmte Strecke mitfahre, denn das ist sein Arbeitsplatz, und im Führerstand ist er bekanntlich «le seul maître à bord».

Um den direkten Kontakt zu pflegen, organisiere ich zehn Mal im Jahr ein Frühstück, an dem ich 10 bis 15 zufällig ausgesuchte Mitarbeitende treffe. Hier ergibt sich für mich die Chance, mit ihnen über Dinge zu sprechen, die sie speziell beschäftigen. Ein immer wiederkehrendes Thema ist die Zukunft ihrer Pensionskasse, der Ascoop.

Was mich bei solchen Treffen fasziniert, ist der spürbare Zusammenhalt und die starke Identifizierung der Mitarbeitenden mit dem Unternehmen. Dies und die Flexibilität der Mitarbeitenden machen die Stärke der BLS aus.

beatrdt am Montag den 27. Juli 2009 um 08:10 Uhr

Schiff fahren bringt Zeit und Musse

Wie reist eigentlich ein Bahnchef? Mit dem öffentlichen Verkehr, werden Sie sagen. Bei mir war das immer so, ich reise vorwiegend mit Bus und Bahn. Dennoch – auch in meiner Garage steht ein Kleinwagen. Für mich geht es darum, das entsprechende Verkehrsmittel sinnvoll und auf den Zweck ausgerichtet einzusetzen, das Schwergewicht lege ich auf den öffentlichen Verkehr.

Diese Haltung will ich meinem vierjährigen Sohn weitergeben. So bin ich mit meiner Familie meist «öffentlich» auf Reisen. Unser Sohn geniesst im Zug mehr Bewegungsfreiheit und Platz. Mehrmals jährlich trifft man uns auch auf den schönen Schiffen der BLS an. Unser Sohn ist schon ein echter Fan der Schifffahrt, er kennt viele Mitarbeitende besser als ich.

Schiff fahren bringt Zeit und Musse. So denke ich durch die «betriebswirtschaftliche Brille» darüber nach, ob die Schifffahrt bei der BLS überhaupt eine Existenzberechtigung hat – generiert sie doch lediglich 1,5 Prozent des Umsatzes und gehört renditemässig nicht zu den Glanzlichtern unseres Unternehmens

Von der Reling der «Blümlisalp» schwenkt mein Blick über den Thunersee zum Niesen – und verflogen sind meine Gedanken. Solche emotionalen Momente sind es, die – neben der grossen volkswirtschaftlichen Bedeutung der Schifffahrt – für das Berner Oberland wichtig sind. Deshalb: Die Schifffahrt auf den Oberländer Seen muss am Leben bleiben. Ich bin überzeugt, dass die Region und unser Unternehmen gemeinsam und langfristig deren Zukunft sichern können.

Bernard Guillelmon (42) ist der Chef des Berner Bahnunternehmens BLS. Täglich berichtet er in seiner Kolumne, die online als Blog erscheint, aus dem BLS-Alltag.

beatrdt am Freitag den 24. Juli 2009 um 08:29 Uhr

Was sucht ein Maserati am Inselspital ?

Diesen Blog widme ich der Forschungstätigkeit meines ärztlichen Teams, welches aus Assistenten, Oberärzten und Leitenden Ärzten besteht. Diese Stufen widerspiegeln die klinische Verantwortung und die Vertiefung in einem Spezialgebiet der Viszeralchirurgie. Die meisten Mitarbeitenden sind nicht nur klinisch aktiv, sondern auch in Forschung und Entwicklung involviert. Einige betreuen klinische Projekte, in denen der Einfluss einer bestimmten medizinischen Behandlung untersucht wird (z.B. der Einsatz von Computernavigation im Operationssaal). Andere betreiben Laborforschung (z.B. neue Möglichkeiten der Behandlung bei Leber- oder Bauchspeicheldrüsenkrebs). Allen wissenschaftlichen Arbeiten gemeinsam ist, dass sie einen langen Atem brauchen und das Produkt einer intensiven Zusammenarbeit darstellen. Letzteres ist besonders faszinierend, denn unsere Forschungsnetzwerke erstrecken sich über mehrere Kontinente. Zurzeit sind acht Nachwuchsleute unserer Klinik für ein bis zwei Jahre im Ausland, um spezielles Wissen zu erwerben. Die laufenden Kosten für die Forschung werden nur zu einem kleineren Teil vom Spital oder der Universität getragen. Ein bedeutender Teil stammt aus Mitteln, die im offenen Wettbewerb durch Fonds und Stiftungen vergeben werden. Schliesslich investiere ich gut 30 Prozent der Einnahmen aus der privatärztlichen Tätigkeit in unsere Forschungsprojekte. Einen Teil davon gemeinsam mit den anderen Chefärzten des Inselspitals, damit auch ein grosser «Lupf» gelingt. Dieses Geld hätte schon für manchen Maserati gereicht. Doch selbst diese edlen Fahrzeuge rosten, während Forschung die Medizin in kleinen Schritten nach vorne bringt.

Professor Daniel Candinas (48) ist Chefarzt der Universitätsklinik für Viszerale Chirurgie und Medizin. Täglich berichtet er in seiner Kolumne, die online als Blog erscheint, aus dem Insel-Alltag.

beatrdt am Donnerstag den 23. Juli 2009 um 11:59 Uhr

Aus dem Nähkästchen

Gestern widmete ich nur vier  Stunden meinen Führungsaufgaben und verbrachte den Tag und die halbe Nacht im Operationssaal. Wir unterscheiden Notfall- und Wahloperationen.  Gewisse Notfalloperationen müssen innert kürzester Zeit erfolgen, andere (wie Lebertransplantationen) sind nur bezüglich des Operationszeitpunktes ungewiss. Wahloperationen, für mich meist Eingriffe bei Tumorleiden, kann man im Voraus planen. Man hat genügend Zeit für Abklärungen und kann über Folgen und Chancen in Ruhe sprechen. Auch die Optimierung des Ernährungszustandes, vorbereitende Chemo- oder Radiotherapien können eingeplant werden. Ich achte immer darauf, dass die Marschroute allen Beteiligten im Voraus bekannt ist, sodass am Vorabend eine kurze Standortbestimmung ausreicht. Am Operationstag selbst beträgt die Vorbereitungszeit für die Narkose und Lagerung oft über eine Stunde, dann folgt ein mehrstündiger Eingriff und schliesslich die Narkoseausleitung. Postoperativ erfolgt die Betreuung  in der Intensivstation oder im Aufwachraum.  Lange Eingriffe vergleiche ich mit langen Bergtouren. Man muss seine Kräfte einteilen, sodass immer etwas Reserve für steile Passagen bleibt. Ablenkung durch Lärm und «Geläuf» stören mich sehr, und wir haben auch herausgefunden, dass die Infektionsrate durch Disziplin im OP positiv beeinflusst wird. Was mich im neuen OP-Trakt stark fasziniert, ist die gute Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Partnern. Seit wir im INO (Intensivbehandlungs-, Notfall- und Operationszentrum) operieren, kommt es kaum mehr vor, dass wir Eingriffe verschieben müssen. Ich denke, dass sich diese Investition wirklich gelohnt hat.

Professor Daniel Candinas
(48) ist Chefarzt der Universitätsklinik für Viszerale Chirurgie und Medizin. Täglich berichtet er in seiner Kolumne, die online als Blog erscheint, aus dem Insel-Alltag.

beatrdt am Dienstag den 21. Juli 2009 um 09:44 Uhr

Mit dem Messer geht es nur manchmal besser

Montag war wie ein Ritual, dessen Ende sich in die Nacht projiziert. Nach dem Morgenrapport, bei dem die Notfälle besprochen werden, geht es in einen Marathon von internen Sitzungen. Wie eine Erlösung erscheint mir die Sprechstunde – am ersten Tag nach den Ferien dicht befrachtet. Einige Patientinnen und Patienten kenne ich seit Jahren; viele haben ein Tumorleiden und grosse, oft mehrere Operationen erlebt. Das Verhältnis ist oft herzlich, sind wir doch einen langen Weg miteinander gegangen. Einige treffe ich zum ersten Mal, sie bringen komplexe Probleme mit. Häufig handelt es sich um Zuweisungen aus anderen Spitälern, die sich vernünftigerweise bei vertrackten Fragen an die Uniklinik wenden. Es ist wie überall: Die Qualität und die Kosten stehen in direkter Beziehung zu den Fallzahlen eines Operateurs und eines Teams. So entsteht eine sinnvolle Rollenverteilung im Gesundheitswesen. Seit einigen Jahren beobachte ich, dass die Zusammenarbeit mit öffentlichen Spitälern immer enger wird. Die meisten erachten es nicht als unter ihrer Würde, zum Beispiel Leber- oder Bauchspeicheldrüsen-Eingriffe dorthin zuzuweisen, wo sie fast täglich gemacht werden, statt es wenige Male im Jahr selber zu versuchen. Gestern musste ich allerdings zwei Patienten, die mit Frage nach Operation zugewiesen wurden, einen anderen Rat geben als der erwartete. Nicht alles, was technisch operabel ist, ist auch biologisch sinnvoll, zumutbar und langfristig erfolgreich. Obwohl ich immer wieder von Leuten vernehme, die nur hören wollen, was sie nicht schmerzt, deckt sich dieser Eindruck nicht mit meiner Erfahrung. Ein offenes Gespräch ist die beste Grundlage vor einem grossen Eingriff.

Professor Daniel Candinas (48) ist Chefarzt der Universitätsklinik für Viszerale Chirurgie und Medizin. Täglich berichtet er in seiner Kolumne, die online als Blog erscheint, aus dem Insel-Alltag.



© Tamedia AG